Von Tilman Baumgärtel
In Lewis Carols Roman “Sylvie and Bruno” gibt es einen Charakter, der im Englischen “Mein Herr” heißt, mit einem deutschen Akzent spricht, und von seinem Land viele erstaunliche Geschichten zu erzählen hat. Eine handelt von dem Versuch, eine perfekte Landkarte zu erschaffen, die den Maßstab 1:1 hat: eine Meile in der Welt ist eine Meile auf der Karte. Die Bauern warnten, dass, würde man die Karte aufrollen, sie die Sonne verdunkeln und die Ernte ruinieren würde. Die Karte wurde, erzählt der Herr, nie fertiggestellt.
Eine solche Karte beginnt nun, sich über die Welt zu legen. Sie wird nicht die Sonne verdunkeln und sie wird keine Ernte ruinieren. Aber sie wird, so viel ist schon jetzt sicher, die Art, wie wir auf die Welt blicken, grundsätzlich verändern. Die Realität, die uns umgibt, beginnt, sich mit einem Netz aus Informationen, Kommentaren, Bildern und Filmchen zu überziehen, die sich Schicht und Schicht über das legt, was wir mit unseren Augen sehen. Wenn man wirklich anfängt, sich das vorzustellen, bekommt man weiche Knie.
Das ist keine Zukunftsprognose. Wie Marshall McLuhan es in einer berühmt gewordenen Formulierung fasste, sage ich nur vorher, was schon stattgefunden hat. Und wie McLuhan glaube auch ich, dass die Zukunft in der Gegenwart schon enthalten ist. Und das eigentlich alles, was passieren wird, schon in der Zeitung stand.
Über Google stand viel in der Zeitung in der letzten Zeit. Wenn man mit „Google News“ (womit sonst?) nach Nachrichten über das Unternehmen sucht, findet man fast täglich neue Meldungen: Google will sich aus China zurückziehen. Googles verleiht Filme via sein Tochterunternehmen YouTube. 2009 hat das Internehmenunternehmen die höchsten Gewinne in seiner Geschichte gemacht. Das Unternehmen bietet ein Smartphone namens Nexus One an. Das deutsche Kartellamt leitet eine Untersuchungen ein. „Spiegel“ und „Zeit“ veröffentlichten kürzlich in der selben Woche lange Geschichten über Google, die vor der zunehmenden Informationshoheit der Firma und von Datenschutzbedenken berichten.
Die Befürchtungen, die in solchen Artikeln formuliert werden, sind ernst zu nehmen. Trotz seines Unternehmensmottos „Don´t be evil“ ist Google in seinem Bemühen, alle Informationen der Welt zur organisieren und seinen Nutzern aufbereitet zur Verfügung zu stellen, dabei, ein problematisches und historisch einmaliges Wissensmonopol aufzubauen. Wenn in diesem Text das Google-Projekt Goggles aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive betrachte, geht es also nicht darum, den verdächtigen Wissensdurst der Firma zu verharmlosen; solche Bedenken sind zu recht widerholt vorgebracht worden. Ich will vielmehr einige Gedanken über die langfristigen Auswirkungen dieses Projekts auf unseren Alltag und unsere Wahrnehmung der uns umgebenden Realität zu formulieren, die in der Berichterstattung über die technischen Innovationen des Unternehmens bisher keine Rolle gespielt haben. Meine These dabei ist, dass Anwendungen wie Goggles im Begriff sind, sich auf eine Weise zwischen die Welt und unsere Sinneseindrücke zu schieben, gegen die frühere Medienrevolutionen bald vergleichsweise banal wirken dürften. (Dass man bei der Google-Suche nach dem Stichwort „Goggles“ als erstes auf einer Selbstdarstellungseite des Unternehmens verwiesen wird, obwohl das Wort im Englischen jede Art von Schutz- und Sicherheitsbrille bezeichnet, ist nicht dazu angetan, Ängste vor der wachsenden Definitionsmacht Googles zu beschwichtigen.)
Goggles ist ein experimentelles Programm von Google, das es – laut seinem Werbeslogan – erlaubt, „das Web mit Bildern zu durchsuchen“. Das Program, das bisher nur für das Google-Betriebssystem Android für Handys angeboten, funktioniert so: Mit der eingebauten Kamera des Mobiltelefons macht man ein Foto von einem Gegenstand, Gebäude, Tier, Buch oder auch einem Menschen. Das Programm analysiert das Bild, beginnt im Internet nach ihm zu suchen und liefert Informationen zu dem Objekt auf dem Bild. Ein Bild von der Fassade eines Restaurants kann dann zum Beispiel Links zu dessen Website, Restaurantkritiken etc liefern, ein Foto von einem Buch Hinweise zu Bestellmöglichkeiten und Rezensionen. Noch ist das Programm im „Beta-Status“, was heißt, dass es noch nicht den Vorstellungen seiner Entwickler entspricht. Und bei Google gibt man selbst zu, dass die Erkennung von organischen Objekten, etwa von Tieren und Pflanzen, noch zu wünschen lässt. Aber von einer weiteren Perfektionierung kann getrost ausgegangen werden.
Besondere Ängste weckt natürlich die Möglichkeit, Fremde mit Hilfe von Schnappschüssen zu identifizieren. Auch wenn Goggles in dieser Hinsicht bisher noch nicht sehr erfolgreich ist, ist schon die schiere Vorstellung, dass man im öffentlichen Raum jederzeit erkannt und die eigene Erscheinung mit Daten aus dem Internet verknüpft werden kann, eine wirklich Big-Brother-hafte Horrorvorstellung. Wenn das bisherige Vorgehen von Google Anhaltspunkte für sein weiteres Verhalten liefert, dürfte das Unternehmen auch hier erst einmal Tatsachen schaffen, bis die Androhung von Gerichtsverfahren und regierungsamtlichen Untersuchungen es zwingen, in einigen Details Zugeständnisse zu machen. So ähnlich ist es zum Beispiel bei einem anderem Google-Projekt gelaufen: Google-Books, bei dem so lange Bücher eingescannt wurden, bis Klagen angestrengt wurden, und Google den betroffenen Autoren einen höchst zweifelhaften Vertrag anbot und die in der Praxis schwer zu realisierende Möglichkeit, ihre Bücher aus der Datenbank verschwinden zu lassen.
Wie bei alle Angebote Googles entfaltet sich die ganze Potenz von Goggles erst in der Vernetzung mit anderen Diensten des Unternehmens, namentlich im Zusammenspiel mit den interaktiven Strassenkarten von Google Maps und Street View, einem weiter bekannt problematischen Projekt, bei dem das Unternehmen damit begonnen hat, ganze Städte Block für Block abzufotografieren und diese Bilder suchbar im Internet anzubieten.
Auch wer kein Handy hat, auf dem Goggles läuft, kann sich ein Bild von der Welt machen, die sich hier abzuzeichnen beginnt: Die Städte in Westeuropa und Noramerika (und die technisch weniger entwickelte Teile der Welt werden unweigerlich folgen) beginnen sich mit einem Netz aus Weblinks, Wikipedia-Artikeln, Webcam-Bildern, YouTube-Filmchen und anderen Internetfundstücken zu überziehen. Weil das noch nicht genug Informationen sind, können die Nutzer von Google Maps ihre eigenen Karten anlegen, in denen sie besten Restaurants ihrer Nachbarschaft mit kleinen Pins markieren, oder ihre Lieblingsspaziergangsrouten, oder die Spielplätze in der Gegend, oder die Wohnungen von ihren Freunden. Hier ist eine kleine Armee von Hobbykartographen angetreten, die weißen Flecken auf der Online-Landkarte mit ihren persönlichen Notizen zu füllen.
Das Internet ist der Medium-gewordene Horror Vacui: nichts darf unbeschrieben bleiben, kein Erlebnis soll ungeschildert bleiben. Die Matrix, an der Google arbeitet, zapft diese „Cloud“ (eine beliebte Metapher für die Datenmassen, die sich in der virtuellen Welt wie Kumuluswolken aus Nullen und Einsen über dem Realen auftürmen) an, und bietet ein Instrumentarium, sie in einen direkten Dialog mit der wirklichen Welt zu verwickeln – auf dem Handflächen-großen Monitor des Handys, PDAs und auf einer wachsenden Anzahl von anderen Geräten, die die Rechenkapazität von Computern in winziger Form bieten, all die Webtablets und E-Readern, an denen die Hardwareproduzenten der Welt zur Zeit arbeiten. In allen ist gemeinsam, dass sie in der Regel einen Touchscreen und schnelle Internetverbindung, haben und die processing power, die vor weniger als einem Jahrzehnt nur schwere Desktopcomputer boten – und all das in einer Größe, die in den Rucksack, die Akten- oder sogar Hosentasche passt.
Google ist keinswegs der einzige Unternehmen, der in diesem Feld einen Markt entdeckt hat – man denke nur an all die Auto-Navigationssysteme, und natürlich hat Google auch ein solches im Programm. Aber einmal mehr ist die Firma am erfolgreichsten in diesem Markt, weil sie es ihr, im Gegensatz zur Konkurrenz gelungen ist, eine funktionierende und relativ intuitiv zu bedienende Benutzeroberfläche zu liefern, aber die Arbeit, das System mit Inhalt zu füllen, an seine Nutzern und an die kollektiven Intelligenz des Internets zu übertragen. Das unterscheidet Google Maps von dem meisten Navigationssystemen etwa von TomTom oder Falk, wo die Karten wie auch die „Inhalte“ (also Informationen zu Sehenswürdigen, Restaurants, Tankstellen oder Verkehrslage) für teures Geld von einer Redaktion des Unternehmens erstellt werden müssen. Das lassen sie sich in der Regel durch Abo-Gebühren bezahlen, doch Gratisangebot wie das von Google lassen die Bereitschaft zu Zahlen
aber die Firma scheint einmal mehr deswegen
Die Form der Restaurantkritik oder die Daumen-rauf-Daumen-runter-Retorik von Ebay-Bewertungen.
Ein Streifzug
Borges
Die Semantisierung der Welt
Tilman Baumgaertel
Tilman Baumgaertel
Die Semantisierung der Welt