Wir haben eine Bestie auf die Menschheit losgelassen, sagt Robert Cailliau, Miterfinder des WWW, und wir wissen noch immer nicht, was man alles damit anfangen kann. Tilmann Baumgärtel über Cailliau und John Heilemann von Wired.
Mit seinem weinroten Jacket, dem Schlips und den grauen Schläfen sieht der Mann am Rednerpult aus, als wäre er ein Manager oder ein Vertreter. Doch wenn Robert Cailliau den Mund aufmacht, dann redet er wie ein Hacker: "We do not believe in kings, presidents and voting. We believe in rough consensus, factual approach and running code", sagt er dann zu Beispiel.
Oder auch ganz kurz und einfach: "Please keep things simple. And don't use frames!" Dafur bekommt er dann sogar spontanen Applaus aus dem Publikum.
Der da spricht, ist - im Gegensatz zu vielen anderen Rednern bei diesen Kongress - ein echter Internet-Wegbereiter. Cailliau ist der Miterfinder des World Wide Web, ohne welches das Internet wohl nie seinen Siegeszug angetreten hätte. Zusammen mit Tim Berners-Lee entwickelte er 1989 am CERN die grafisch manövrierbare Oberfläche des Internet und auch den ersten Browser für das Netz, das bis dahin fast ausschließlich von Wissenschaftlern genutzt wurde. Später schrieb er den ersten Macintosh-Browser. Bis heute arbeitet er an der Weiterentwicklung des WWW und unterstützt im Rahmen von WebCore, einem Förderprogramm der EG, WWW-Projekte in Europa, wie zum Beispiel "Web for Schools" an 150 europäischen Schulen.
Als er sich am Ende seines Vortrags über den Kongress "Internet und Politik" ausläßt, erscheint auf der Leinwand hinter ihm eine Textgrafik, in der es heißt: "The Internet is not different from [your favorite media]. We need to [general verb]. [Recommendation missing]." Wieder wird geklatscht.
Cailliau ist ein Ingenieur und ein Pragmatiker. Statt euphorische Internet-Visionen oder kulturpessimistische Untergangsphantasien zu verbreiten, spricht er über die technischen Probleme, die der Entwicklung des Internets in den nächsten Jahren Einhalt gebieten könnten. Doch zuerst rekapituliert er kurz die Geschichte des WWW: 1990 einigte er sich mit Tim Berner-Lees in der Cafeteria des CERN auf das Hypertextverfahren, nach dem das WWW bis heute im wesentlichen funktioniert, und 1992 gab es erst 50 WWW-Server auf der ganzen Welt! Daß das WWW an einer von 19 europäischen Staaten subventionierten Forschungseinrichtung entwickelt wurde, straft nicht nur die Ammenmärchen vom Internet als Triumph des privatwirtschaftlichen Engagments Lügen, es zeigt auch, daß aus Europa ebenfalls wichtige Impulse für die Entwicklung des neuen Mediums gekommen sind.
Für die Zukunft befürchtet Cailliau eine Fragmentierung der bisher weltweit gültigen Übertragungsprotokoll-Standards. Wenn einzelne Unternehmen versuchen sollten, proprietäre Standards fürs Internet durchzusetzten, wäre das das Ende eines weltweit funktionierenden Netzes. Auch vor einem Krieg zwischen "packet switching" versus "circuit switching" warnt Cailliau: "Telephony will not work on the Internet."
Überhaupt ist Cailliau ganz von der alten Netz-Schule: Er ist nicht nur gegen Werbung in Web, sondern auch gegen jede Art von Experimenten mit 3-D und dem "bewußten Übergang von abstrakten zu visuellen Darstellungsformen" im Internet: "Virtual Reality to my mind is the ultimative Hard Drug."
"Wir haben eine Bestie auf die Menschheit losgelassen", sagt er zum Abschluß seines Vortrages, "und wir wissen immer noch nicht, was man eigentlich alles damit anfangen kann." Wahrscheinlich seien Leute in seinem Alter auch schon zu vorgeprägt durch lineare Medien, um sich die Möglichkeiten eines Hypermedia-Systems ausmalen zu können; die wirklichen Innovationen seien darum von Kindern und Jugendlichen zu erwarten. Darum fordert er, daß in jede Schule ein Router gestellt wird. Im Gegensatz zu dem amerikanischen Web Day-Projekt will er dabei aber den Staat auf keinen Fall aus der Pflicht nehmen: "Wenn das die Eltern oder die Schulen bezahlen, dann bekommen nur die Kinder in privilegierten Gegenden Zugang zum Internet."
Wie schon an den Tagen zuvor hatten sich die Veranstalter auch an diesem Nachmittag wieder eine nur dialektisch zu nennende Kombination von Rednern einfallen lassen. Nach dem europäisch-nüchternen Cailliau sprach John Heilemann, der "Politikchef" des Cyber-Cheerleader-Blattes Wired. Für ihn hat das Internet "eine neue Art von Journalismus" möglich gemacht. Nachdem er erstmal ausführlich die Washingtoner Politik-Schnarchsäcke und ihre Wahlkampf-Internet-Angebote gebasht hatte ("Politicans had no clue, what they were doing on the internet."), beschrieb er die Aktivitäten, die Wired während der amerikanischen Präsidentschaftswahlen entwickelt hatte. Heilemann reiste mit den Wahlkämpfern mit und berichtete für den Wired-Spin-Off The Netizen quasi live im Netz.
Bei "Wired" hatte man angenommen, daß 1996 der Internet-Wahlkampf in den USA stattfinden werde, sah sich aber enttäuscht: Tatsächlich erwiesen sich die Internet-Angebote der Wahlkämpfer als unbedeutend im Vergleich zu den traditionellen Medien. Trotzdem habe man festgestellt, das es für das "Netizen"-Angebot sehr wohl eine Nachfrage gegeben habe. Die "Online discussion pieces", die er und sein Kollege Jon Katz im Netz veröffentlichten, hatten starke Reaktionen ausgelöst: Zu seinen Kolumnen habe er zum Teil bis zu 100 Emails pro Tag bekommen. Das seien keine normalen Leserbriefe gewesen: "Diese Leute erwarteten auch eine Antwort!"
Der journalistische Stil habe sich von der Berichterstattung im Wired, aber auch in anderen amerikanischen Medien unterschieden. Die Artikel seien kurz und schnell geschrieben gewesen, und dadurch im Vergleich zu Agenturmeldungen auch meinungslastiger geworden. Aber das größte Interesse der User, die meist jung, gutgebildet und zynisch gegenüber der traditionellen Politik gewesen seien, hatte an der Interaktion untereinander bestanden: "People wanted to talk to each other about politics."
Wenn also schon nicht die Politik selbst ins Netz verschwindet, wie uns einige Redner dieses Kongresses weismachen wollten, dann vielleicht ein Teil der Berichterstattung über Politik. So betrachtet hat der Burda-Verlag auf seinem eigenen Kongreß gute Neuigkeiten zu hören bekommen ...