VON TILMAN BAUMGÄRTEL

Vor ein paar Monaten habe ich um ein Interview mit Edgar Froese gebeten. Seine Partnerin Bianca Acquaye schrieb mir zurück, und bot mir ein Gespräch an, allerdings "aufgrund seines dichten Terminplans aktuell nur schriftlich per E-Mail". Wäre ich nur darauf eingegangen. Der deutsche Elektronikpionier, der 1967 in West-Berlin die Band Tangerine Dream gründete, ist - wie erst jetzt bekannt wurde - am vergangenen Dienstag in Wien an einer Lungenembolie gestorben.

Der 1944 im ostpreußischen Tilsit (heute Sowetsk/Kaliningrad) geborene Froese kam noch während des Zweiten Weltkriegs nach Berlin. Eigentlich wollte er Künstler werden und studierte ab 1962 mit einem Hochbegabten-Stipendium an der Hochschule der Künste Malerei, Skulptur und Grafik. 1965 wurde er Lead-Gitarrist der Band The Ones. Den britischen Vorbildern konnte die Band nicht das Wasser reichen - Froese entschied 1967, mit seiner Neugründung Tangerine Dream einen eigenen elektronischen Sound zu entwerfen. Auf ihrem Debut-Album "Electronic Meditation" experimentierte die Band zum Beispiel mit verzerrten Klängen von geschüttelten Erbsen in einem Sieb. Geburtshelfer solcher Töne war unter anderem Salvador Dali, für dessen Feten in Spanien Froese zeitweise den Soundtrack lieferte.

Mit den Alben "Alpha Centauri" (1971), "Zeit" (1972) und "Atem" (1973) gehörten Tangerine Dream zu den Pionieren des Krautrock, der seit mehr als einer Dekade ein Revival erfährt. Geprobt wurde damals im Rixdorfer Ballhaus am Kottbusser Damm 76.

Genervt von der deutschen Musikszene wechselte die Band 1974 nach Großbritannien und nahm für Richard Bransons neues Label Virgin das Album "Phaedra" auf, das der Band den internationalen Durchbruch brachte. Hier sind zum ersten Mal die Sequencer-Loops zu hören, die zum Markenzeichen von Tangerine Dream wurden und die die Band zu Vordenkern von Techno und Trance machte.

"Es gibt keinen Tod"

Anders als die hochgelobten Kraftwerk ruhte Froese sich nie auf den Lorbeeren aus, die seine Band für Alben wie "Ricochet" (1976), "Stratosfear" (1977) oder "Encore" (1978) erhielt. Bis heute hat Tangerine Dream, das in den 90er-Jahren mit Froeses Sohn Jerome an den Keyboards zum Familienunternehmen wurde, mehr als 100 Alben veröffentlicht. Auch Soundtracks für Filme wie Kathryn Bigelows "Near Dark" oder das Computerspiel "Grand Theft Auto IV" gehören dazu. Viele Alben sind Live-Mitschnitte der Band, die 1980 als erste westdeutsche Gruppe in der DDR im Palast der Republik auftrat.

Im Herbst 2014 wurde mir mitgeteilt, dass "die Konzerte definitiv weitergehen, bis Edgar Froese nicht mehr möchte oder kann oder keinen Spaß mehr daran hat." Der älteste aller Spaß-Verderber hat ihn nun mitgenommen. Froese hatte davor keine Angst: "Es gibt keinen Tod", sagte er in einem Interview. "Wir bekommen nur eine neue kosmische Adresse."

DPA/ANDREAS LANDER Hat eine neue kosmische Adresse: Edgar Froese.