Berliner Szenen
Drei-Generationen-Haus der elektronischen Musik
Immer, wenn man gerade kurz davor ist, endgültig an dieser Stadt zu verzweifeln, passiert einem sowas: Bei einem schlecht angekündigte Mini-Festival sollen Michael Rother (ehemals Kraftwerk, ehemals Neu!), FM Einheit (ehemals Einstürzende Neubauten), Air Liquide, Cosmic Baby und Mijk van Dijk (allesamt Techno-Produzenten der ersten Stunde) auftreten. Eine ungewöhnliche Kombination. Doch im „Something Else“ – der Furt zwischen Elsenbrücke und S-Bahn-Trasse am Treptower Park, die sich anschickt, die Bar 25 dieses Sommers zu werden – ist es gähnend leer. Keine hundert Leute, die meisten sehen aus aus, als wären sie gerade erst aufgestanden, es läuft experimenteller Techno. Nach zwei Stunden Warterei dringen aus der DJ-Kanzel aus Fichtenholz – die an eine Sauna mit Raucherlaubnis gemahnt – seltsame Geräusche.
Drinnen steht ein vertiables Drei-Generationen-Haus der teutonischen Elektronik an Tasten, Seiten und Stahlteilen, Vertreter von Krautrock, deutscher Neuer Welle und Techno. Bloss: Wer ist wer? FM Einheit erkennt man an dem Hammer, mit dem er auf eine Stahlfeder einschlägt. Aber wer von den beiden Gitarristen mit den grauen Schläfen ist Michael Rother? Cosmic Baby erkenne ich aus Christopher Drehers „Lost in Music“-Doku wieder. Aber die anderen Knöpfchendreher im Hintergrund?
Im Publikum herrscht Rätselraten. Die Veranstalter kennt niemand, also kann man sie auch nicht fragen. Die Musiker will man nicht beim Spielen stören. („Entschuldigung, waren Sie früher bei Kraftwerk?“) Und die mehrfach gesichtsgepiercte Frau an der Kasse weiss auf Nachfrage nur zu vermelden, dass das eben ein psychedelischer Jam sein, da wüsste man nie, was passiert und wer dabei ist.
Berliner Sommer halt: In New York könnte man mit diesem Line-Up die Knitting Factory, in London das ICA füllen. In Berlin weiß nicht mal jemand, wer da eigentlich gerade Musik macht. Und die meisten sind eh am See.
Tilman Baumgärtel