Weltretter in Wehrmachtsgrau

Die amerikanische Technocracy-Bewegung

Von Tilman Baumgärtel

Der Film ist in Farbe, aber die Autos, die Kleidung und die Ausrüstung sind grau.

Gleich zu Beginn der Dokumentation über die „Operation Columbia“ von 1947 wird betont, wie alles, was die Mitglieder von Technocracy Inc. auf dieser Rundfahrt entlang der amerikanischen Westküste mit sich führten, in der Farbe ihrer Bewegung gestrichen wurde: einem stumpfen Wehrmachtsgrau, bemalt mit knallroten Slogans und einem Symbol, das wie das wie das Yin- und Yang-Symbol ohne die Punkte aussieht.

So rollte vor 75 Jahren ein Autokorso mit hunderten von Teilnehmern von Los Angeles nach Vancouver und wieder zurück – nach Angaben der Organisatoren „die größte Massendemonstration, die jemals eine internationale Grenze überschritten hat.“ Unterwegs hielt man immer wieder zu Kundgebungen an, bei der die Zuschauer von den politischen Zielen der Bewegung überzeugt werden sollten: dass es nämlich keine Politik mehr brauche, sondern dass die Welt ausschließlich nach den Prinzipien von Wissenschaft und Technik zu organisieren sei. Das Grau der Bewegung war so auch Ausdruck des strikten Rationalismus, dem sich Technocracy Inc. verpflichtet sah.

Technokratie war für die Anhänger dieser merkwürdigen Reformbewegung nicht Dystopie, sondern Utopie: „Technocracy Inc. ist ein völlig neues Modell, um die Welt auf der Grundlage moderner Technologie zu betreiben“, heißt es noch heute auf der Website (https://www.technocracyinc.org/) der exzentrischen Bewegung – von der wenig mehr als eben diese Website geblieben ist. „Es geht nicht um religiöse Überzeugungen oder politische Philosophien, sondern um den maximalen Nutzen, der durch die Anwendung der Wissenschaft auf die physischen Ressourcen des Kontinents bei maximaler Schonung erreicht werden kann.“

Wer die Aufnahmen von „Operation Columbia“ sieht, mag zunächst an einen faschistischen Aufmarsch denken, und in der Tat war die Gruppe während des Zweiten Weltkriegs in Kanada verboten, weil man ihr Sympathien für die deutschen Nationalsozialisten unterstellte. Dabei betonten die Weltretter von Technocracy stets: „Unsere Einstellung hat nichts mit allen Theorien des Sozialismus, Faschismus oder Kommunismus oder der sogenannten politischen Parteienregierung zu tun und steht im Widerspruch dazu.“

Geblieben ist von der „Operation Columbia“ nur mehr als der Film, bei dem ein Erzähler mit donnernder Stimme im Stil von Weltkriegs-Wochenschauen die Stationen der Reise beschreibt und das bei YouTube (https://www.youtube.com/watch?v=pDX9dyjqimA) gegenwärtig weniger als 3000 Zuschauer hat. Die Technocracy-Bewegung selbst ist heute weitgehend vergessen; ihr Archiv wurde gerade geschlossen, die meisten Mitglieder sind verstorben oder hoch betragt. Dabei war sie in den 30er und 40er Jahren in den USA eine nicht unbedeutende Kraft. Vor allem wirken ihre Positionen in einer Gegenwart, in der scheinbar uneingeschränkt herrschende Technologieunternehmen das Kommando übernommen haben, erstaunlich zeitgenössisch. Viele der Ideen der Technocracy-Bewegung erinnern an den „Solutionismus“, der heute im Silicon Valley gepflegt wird, also dem Glauben, dass man mit Internettechnologien gesellschaftliche Probleme lösen kann.

Entstanden ist die Bewegung in den USA nach dem Ersten Weltkrieg und orientierte sich – trotz ihres Antikommunismus – durchaus an der frisch gegründeten Sowjetunion. Aus der sich zu dieser Zeit entwickelnden Arbeitswissenschaft entlieh man sich Ideen über die Steigerung der Effizienz, die man mit planwirtschaftlichen Ansätze im Stil der frühen UdSSR kombinieren wollten. Der Ingenieur Howard Scott, einer der Köpfe der Bewegung, glaubte an einen technischen Fortschritt, der die menschliche Arbeit bald weitgehend überflüssig machen würde. In der idealen Gesellschaft sollte man nur 16 Stunden pro Woche arbeiten müssen und mit 40 in Rente gehen; alle sollten von einem einheitlichen Grundeinkommen leben. Geld sollte durch Energiezertifikate ersetzt werden, die an die Kryptowährungen von heute erinnern. So sollte auch dem Raubau an Rohstoffen begegnet werden, die Scott schon zu dieser Zeit als Problem erkannt hatte. Mit solchen Ideen konnte Scott nach der Großen Depression eine beträchtliche Zahl von Anhängern mobilisieren, allein in Kalifornien soll die Bewegung in den 30er Jahren eine halbe Million Mitglieder gehabt haben.

Einer anderer Wortführer der Bewegung war Joshua Haldeman, ein Chiropraktiker, der im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs verhaftet wurde, weil Technocracy Inc. von der kanadischen Regierung als eine Organisation eingestuft worden war, die den "war effort" torpedierte. Nach seiner Haftentlassung zog Haldeman nach Südafrika, weil er von der verlorenen Stadt Kalahari besessen war. 1971 brachte seine Tochter Maeve seinen ersten Enkel zu Welt. Sein Name: Elon Musk. Musk, der mit selbstfahrenden und angeblich energiesparenden Autos auf seine Weise die Ideen der Technocracy-Bewegung fortführt, treibt auch die Frage um, was die Menschen tun werden, wenn Maschinen ihnen die Arbeit abnehmen. In einer Rede von 2017 fragte er: „Viele Menschen leiten ihren Lebenssinn aus ihrer Arbeit ab. Wenn es also keinen Bedarf für deine Arbeit gibt, was ist dann dein Sinn?“ Mit seinem Weltraum-Unternehmen will er nach eigener Aussage die Entwicklung von Raumschiffen zu beschleunigen, um die „marsianische Technokratie aufzubauen“.