Lateinamerikanische Bands fusionieren den Tango mit House, Techno, Drum and Bass und wollen damit auch in Europa Erfolg haben

Von Tilman Baumgärtel

Das Teatro Zitarrosa liegt am Boulevard de Julio 18, der Flaniermeile Montevideos. Wie die gesamte Hauptstadt von Uruguay hat die einstige Prachtstrasse schon bessere Zeiten gesehen. Trotz der hervorragenden Lage stehen viele Ladenlokale leer, in anderen haben sich Ramschgeschäfte eingerichtet, auf dem Gehsteig drängen sich niedergedrückt wirkende Menschen in bescheidener Kleidung. Doch vor dem Teatro Zitarrosa, das mit seiner neo-klassizistischen Innenausstattung an die goldenen Jahre von Uruguay – der einstigen „Schweiz Lateinamerikas“ – erinnert, herrscht an diesem Abend aufgeregte Fröhlichkeit.

Das Foyer ist voll mit jungen Leuten. Sie haben sich fein gemacht für das erste Konzert von Bajo Fondo in Uruguay, nachdem die Band im September ihre Debut-CD veröffentlicht hat. Die Band hat für „Tango Club“ mit einer Mischung aus traditionellem Tango und Electronica gerade einen Latino Grammy für die beste Instrumental-Platte des Jahres bekommen. Die Kritiker nicht nur in der südamerikanischen Musikpresse jubeln. Und nun ist die Gruppe, die aus Musikern aus Uruguay und Argentinien besteht, nach Auftritten in Europa zum ersten Mal wieder in der alten Heimat.

Auf der Bühne kann man dabei zusehen, wie die achtköpfige Band versucht, den Tango zu aktualisieren. Neben den traditionellen Geigen setzen die Musiker Laptops ein, neben der Bandoneón-Ziehharmonika elektronische Drum Pads. Sehnsuchtsvolle, fast opernhafte Tango-Melodiebögen liegen über rappelnden Elektro-Beats. Und an der Wand rotieren Video-Loops. Sie mischen schwarz-weiße Filmaufnahmen aus dem alten Buenos Aires mit aktuellen Bildern: die sich ineinander verschlingenden Beine eines Tango tanzenden Paares, Menschenmengen in der U-Bahn, eine gemütliche Straßenbahn-Fahrt aus den 50er Jahren, Straßenschlachten während der argentinischen Staatskrise 2001.

Der Tango ist in Argentinien und Uruguay so etwas wie ein musikalisches Nationalheiligtum. Auch wenn die Musiker von Bajo Fondo heute, anders als einst ein Astor Piazzolla, für ihre Experimente keine Morddrohung von Tango-Puristen mehr fürchten müssen – wer den Tango mit zeitgenössischer Tanzmusik kreuzen will, stellt sich gegen ein starke Tradition. Trotzdem sind Bajo Fondo nicht die einzigen, die derzeit versuchen, den Tango einer Electronica-Frischzellenkur zu unterziehen. Nachdem südamerikanischen Popsänger wie Ricky Martin oder Shakira im Norden zu Stars geworden sind, wollen nun einige anspruchsvollere und an ein älteres Publikum gerichtete Bands ebenfalls den europäischen und amerikanischen Markt erobern. Zu ihnen gehören neben Bajo Fondo (ein Slangausdruck für „Lumpenproletariat“) unter anderem das Gotan Project, das als “Erfinder” des neuen Elektro-Tangos gelten kann, und Tango Crash.

All diese Bands wurden von Südamerikanern gegründet, die nicht mehr in Südamerika leben. Vielleicht kann man nicht einmal von Bands sprechen – denn die meisten dieser Gruppen sind von findigen Produzenten zusammengestellte Ensembles, die einen bestimmten Sound liefern sollen, der sich mindestens genauso stark an ein internationales Publikum wie an die Musikhörer im Heimatland richtet. Das erste „Record Release“-Konzert von Bajo Fondo war in Barcelona, denn Spanien ist in Europa traditionell das Einfallstor für lateinamerikanische Musik. Erst dann kam die Gruppe nach Sao Paolo, Buenos Aires und Montevideo.

Dieses globale Nomadentum ist ein Merkmal aller Elektro-Tango-Produzenten. New York spielt für sie interessanterweise keine Rolle mehr. Das Gotan Project wurde von Argentiniern in Paris gegründet, also in der Stadt, von der aus der Tango einst seinen Siegeszug durch Europa antrat. Die beiden Macher von Tango Crash wohnen in Berlin und Basel – als „Wirtschaftsflüchtlinge“, wie Daniel Almada halb im Scherz sagt. Seit er vor zehn Jahren in die Schweiz kam, um dort am Musiik-Konservatorium zu studieren, pendelt er zwischen Südamerika und Europa hin und her, und nimmt so Einflüsse von beiden Kontinenten auf.

Möglich wurde diese Art von globaler Musikproduktion nicht zuletzt durch die erschwinglich gewordene digitale Technik. Juan Campodonico, bei Bajo Fondo für die elektronischen Sounds zuständig, hat viele der Arrangements der Songs zuerst auf seinem Laptop entworfen, bevor sie im Studio mit der Band eingespielt wurden.

Zwar nennt Bajo Fondo die Tango-Orchester der 50er und 60er Jahre als Vorbild, aber sie wollen nicht nur in den Bars von Buenos Aires reüssieren, sondern vor allem in den Clubs auf der ganzen Welt. Deshalb haben sie zum Beispiel den deutschen House-DJ Boris Dlugosch engagiert, der ihre Stücke remixt. Und vielleicht schadet der zurzeit stagnierenden und auf ihre eigene Vergangenheit fixierten Dance-Szene Europas diese Infusion mit etwas sentimentalem Tango-Pathos wirklich nicht.

***Vollkommen ohne Vorbild ist diese Entwicklung nicht. Lateinamerikanische Musik steht seit 20 Jahren mit der elektronischen Popmusik in einem kreativen Spannungsverhältnis. In den frühen Tagen von Hip Hop kombinierten New Yorker Latino-Produzenten – in Stücken wie „Let the music play“ von Shannon – Einflüsse aus lateinamerikanischem Funk und Elektro-Pop. Aus diesem „Free Style“ entstand Anfang der 90er Jahre der Latin House, der den rohen, elektronischen House-Sound aus Chicago mit Salsa- und Soca-Elementen verband – ebenfalls in „Nu Yorica“, wo vor allem Migranten aus Puerto Rico eine wichtige Rolle in der Disco- und Funk-Szene spielten. Unter dem Label „Brazilectro“ wird auf europäischen Samplern heute alles veröffentlicht, was irgendwie nach Salsa und Bossa Nova klingt – und das meiste stammt von europäischen oder amerikanischen Produzenten. Auch der neue brasilianische Salsa-Star Bebel Gilberto ließ sich ihre Hitplatte „Tanto Tempo“ von europäischen Produzenten wie 4Hero, dem Trüby Trio oder Peter Kruder neu mixen, um den europäischen Markt zu erobern.***

Der Tango hatte an der zunehmenden Elektrifizierung der internationalen Musik lange keinen Anteil. Daniel Almada von dem Duo Tango Crash nennt einen Grund dafür: „Tango ist rhythmisch so komplex, dass man ihn nicht einfach mit Techno und House kombinieren kann. Er hat eigentlich mehr mit den am Computer zusammen gesetzten Beats von Drum and Bass gemeinsam hat als mit den ziemlich simplen House-Rhythmen“. Tango Crash produziert darum auch keine Tanzmusik, sondern verbindet die Musik aus ihrer Heimat mit improvisiertem Jazz und elektronischen Effekten. Von dieser verschachtelten Fusion erhofft das Duo zwar ebenfalls internationalen Erfolg, aber auch neue Impulse für den Tango. Daniel Almada sagt:„Es gibt im Grunde zwei Arten von Tango: den traditionellen Tango und den Tango Nuevo von Piazzolla. Nach seinem Tod gab es ein riesiges Loch, und niemand wusste, wie man dem Genre eine neue Dimension geben sollte. Dass versuchen wir.“

Auch Gustavo Santaolalla von Bajo Fondo will aus dem traditionellem Tango eine neue zeitgenössische Musik entwickeln: „Uns geht es nicht darum, einfach ein Element aus einem alten Tango zu nehmen und daraus ein Dancefloor-Stück zu machen. Und wir wollten auch keine Loops laufen lassen, und darüber eine Tango-Geige spielen. Wir arbeiten an einer organischen Verbindung von elektronischer Musik und Tango.“ Das Ergebnis dürfte von vielen Tango-Puristen mit Grausen vernommen werden. Einige der schnelleren Instrumental-Stücke auf „Tango Club“ von Bajo Fondo könnte man mühelos in einem deutschen Club in den House-Mix streuen. Die langsameren Nummern sind wie beim Trip Hop oft mit Knistern, Rauschen und Broken Beats unterlegt. Tatsächlich nennt Gustavo Santaolalla Portishead als eins der größten Vorbilder für den Sound von Bajo Fondo.

****Dabei ist der Gitarrist eigentlich ein Rock-Veteran. Er war bereits in den 70er Jahren mit der Band Arco Iris erfolgreich, bevor er Anfang der 80er Jahre in die USA emigrierte, und dort als Musiker ganz von vorne begann. Heute gehört ihm das Label Vibra und ein Musikstudio, aus dem schon eine Reihe von Gewinnern des Grammy Latino hervorgegangen sind. Bajo Fondo sind seine Erfindung, und um seine Idee umzusetzen, holte er sich einige der talentiertesten Musiker aus Uruguay und Argentinien nach Los Angeles. Auf diese Kooperation von Musikern aus den Ländern nördlich und südlich des Rio de la Plata, die beide für sich reklamieren, die Geburtsstätte des Tango zu sein, ist er besonders stolz.***

Den lateinamerikanischen Hörern signalisiert die Musik von Bajo Fondo, dass sie trotz ökonomischer und politischer Dauerkrise wenigstens kulturell nicht vom Rest der Welt abgeschnitten sind. Auch wenn Argentinien und Uruguay inzwischen am finanziellen Tropf des IWFs hängen, auch wenn sich die Bürger der beiden Länder inzwischen der Dritten Welt näher fühlen als Europa und den USA – die neuen Elektro-Tango-Bands erinnern an die goldenen Zeiten Südamerikas, ohne in Nostalgie zu schwelgen. Eher formulieren sie die Hoffnung, an diese Periode anknüpfen zu können.

Am Ende des Konzerts von Bajo Fondo erscheint in den Visuals des Digitalkünstlers Brian Mackern der Palacio Salvo in Montevideo. In den 30er Jahren war das Hotel das höchste Gebäude Lateinamerikas, heute wirkt das Art-Deco-Gebäude wie ein Souvenir aus besseren Zeiten. Als dann noch eine Gruppe von Tango-Tänzern durch die Reihen walzt, kennt das ansonsten eher reservierte uruguayische Publikum kein Halten mehr. Alle tanzen und jubeln bei jeder Zugabe, während die Musiker hinter ihren Synthesizern und Laptops herumtoben. Und wenigstens an diesem Abend ist es der Band gelungen, die glorreiche Vergangenheit Lateinamerikas mit der elektronischen, computerisierten Gegenwart zu versöhnen.

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Die erwähnten Platten

Bajo Fondo: Tango Club, Universal

Gotan Project: La Revancha Del Tango, Smd Pp/Sony

Tangocrash: Tango Crash, Galileo Music