Posthume Aufarbeitung der Berliner Subkultur der Nachwendezeit, nächster Teil: 2012 erschien das Buch "Der Klang der Familie" von Sven van Thülen und Felix Denk über die Entstehung der Berliner Techno-Kultur. Lucian Busses Dokumentarfilm "Berlinized. Sexy an Eis" porträtierte die Macher der Clubszene nach 1989. Und in "Die ersten Tage von Berlin" hat Ulrich Gutmair gerade eine Geschichte der ersten Clubs und Galerien in Mitte nach dem Mauerfall vorgelegt.
Im Kunstraum Kreuzberg zeigt nun die Ausstellung "Wir sind hier nicht zum Spaß", kuratiert von Paul Paulun und Stéphane Bauer, Kunst und Dokumente aus der Zeit, als junge Leute nach der Wende in Ostberlin verlassene Geschäfte, Keller und Baracken in
Im Zentrum steht ein Hörstück: Paul Paulun, selbst seit den 90ern als Autor, Partyorganisator und Künstler aktiv, hat mit mehr als 30 Menschen, die damals künstlerisch aktiv waren, Interviews geführt. Sie sind in einer Rauminstallation zu hören, während auf zwei Leinwänden Fotos von Kneipen, Clubs und Projekträumen gezeigt werden. Irritierenderweise lässt Paulun die Statements der Interviewten ohne Hinweis auf deren Identität von Sprechern vorlesen. Das soll wohl die kollektiven Organisationsformen in der Kunst dieser Zeit aufgreifen, nimmt der Arbeit aber viel von ihrem dokumentarischen Wert.
Zeitzeugen, nicht Nachgeborene
Eingefasst ist sie von einigen materiellen Überresten der künstlerischen Subkulturen der Nachwendezeit: Das reicht von Flyern von lange geschlossenen Clubs über schwer auratische Souvenirs wie einem House-Mixtape von 1995 bis zu einem Stück Fotos von Martin Eberle und Brox+1 lassen Clubs wie das berlintokyo oder den Friseur noch einmal in ihrer ganzen Sperrmüllglorie wiederauferstehen.
Zu sehen sind Videoloops von Daniel Pflumm, Safy Etiel und Visomat, die damals in Clubs wie dem Elektro oder dem WMF liefen, aber auch Screenshots von frühen Internet-Projekten wie Clubnetz und Internationale Stadt. Die Intensität, die Atmosphäre der kurzzeitig eroberten Freiräume lässt sich mit diesen Fragmenten freilich nicht wiedergeben. Auffällig übrigens, dass die derzeit stattfindende Historisierung der 90er ausschließlich durch Zeitzeugen veranstaltet wird, nicht von neugierigen Nachgeborenen - mag das mit dem Fehlen von bleibenden Kunstwerken zusammenhängen?
Die Methode des künstlerischen Durchwurstelns, die sich in dieser Szene entwickelte, wurde später unter dem Motto "Arm, aber sexy" zu einem Standort-Faktor erhoben, der bis heute junges, kreatives Volk in die Stadt lockt. Die Freiräume, die diese Form der informellen Kulturproduktion möglich machen, sind in Mitte verschwunden. Die Betreiber von alternativen Clubs und Galerien sind in Stadtteile wie Lichtenberg, Wedding und Neukölln weiter gezogen.
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Bis 25. August, Kunstraum Kreuzberg im Bethanien, täglich von 12 bis 19 Uhr.
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Foto: Nach dem letzten Abend in der legendären Galerie berlintokyo.