VON TILMAN BAUMGÄRTEL

Ein Kreis aus Salz auf dem Galerieboden, ein zweiter windet sich mit gestrichelter Linien um den ersten Kreis. Was auf den ersten Blick wie Installationskunst à la Richard Long aussieht, ist in Wirklichkeit eine Falle für selbstfahrende Autos. Denn die sind so programmiert, dass sie einen durchgezogenen Strich zwar überfahren können, wenn er sich hinter einer Strichlinie befindet, umgekehrt aber nicht. Wenn das Auto einmal in den Kreis gefahren ist, kommt es nicht mehr heraus.

Der Hinterhalt ist Teil einer Installation des britischen Künstlers und Autors James Bridle in der Kreuzberger Nome Galerie. "Die Autoindustrie investiert gerade in großem Stil in autonomes Fahren, aber die wenigsten verstehen, wie diese Technologie funktioniert", sagt James Bridle. "Unternehmen wie Uber oder Google, die das Geld haben, solche Entwicklungen voranzutreiben, konfrontieren uns mit Tatsachen, und dagegen wende ich mich. Ich habe versucht, ein eigenes Programm für ein selbstfahrendes Auto zu entwickeln." Das sollte allerdings nicht das Fahrzeug auf dem kürzesten Weg von A nach B lenken, ganz im Gegenteil: Das Auto sollte sich verfahren können.

Dafür mietete er ein Auto und fuhr mit ihm auf den Bergstraßen des Parnass' in Griechenland. Ein Handy am Lenkrad zeichnete mit seiner eingebauten Kamera die Landschaft vor der Windschutzscheibe auf; sein Laptop analysierte die Bilder und "lernte" die Signale zu erkennen, anhand derer er sich auf der Piste orientieren konnte. Im Grund trainierte Bridle seine Software wie einen Hund, der Kunststücke vorführen soll. So will er zu einem funktionierenden Lenkungssystem gekommen sein.

Wie ist es möglich, dass ein einzelner Künstler ein Programm entwickelt, an dem bei Autofirmen ganze Programmierteams arbeiten? Perfekt sei sein System nicht, sagt Bridle. Sein Leben würde er der Software nicht anvertrauen. Aber auch die Lenkungssoftware der großen Hersteller sei weit davon entfernt, fehlerfrei zu funktionieren, wie zahlreiche spektakuläre Unfälle und Fehlfunktionen von Testautos gezeigt haben: Ein Testfahrer von Uber starb, weil sein Auto nicht den Unterschied zwischen dem weißen Himmel und einem Anhänger erkannte - der Fall hat der Ausstellung den Titel gegeben: "Failing to distinguish between a tractor trailer und the bright white sky."

Doch vor allem geht es Bridle darum, einen eigenen Blick auf die Funktionsweise einer Technologie zu gewinnen, in die internationale Konzerne Milliardenbeiträge investieren und die in absehbarer Zeit den Verkehr komplett umorganisieren könnte - und dann auch ein Heer von Lastwagen- und Taxifahrern arbeitslos machen dürfte: "Einerseits macht Technologie die Dinge wesentlich komplexer", sagt er. "Aber gleichzeitig ist es auch für jemanden wie mich leichter geworden, sich die Technologie anzueignen. Die Programmierer Uber oder Google, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen, veröffentlichen alle akademische Papers. Viele der Programme, die sie entwickeln, sind Open Source und werden im Internet veröffentlicht."

An den Galeriewänden hat er eine Bildserie installiert, die demonstriert, wie seine Software ihre Umwelt wahrnimmt. Angefangen von Standbildern von Videos werden dieselben Bildausschnitte in immer abstraktere Muster zerlegt, bis nur noch schwarze Punkte auf weißem Hintergrund übrig sind. "So 'sieht' das Programm, dass ein Auto lenkt", sagt Bridle. Ein Video an der Wand gegenüber zeigt die mystische Berglandschaft des Parnass-Gebirges - in der griechischen Mythologie der Antike der Sitz der Musen - in verschiedenen Graden der Maschinenlesbarkeit.

James Bridle hat Informatik studiert, zur Kunst kam er durch Zufall: Für einen Vortrag druckte er den Wikipedia-Artikel über den Irakkrieg mit allen Korrekturen, Ergänzungen und Änderungen aus und ließ ihn in zwölf Bücher binden. Dann wurde er gefragt, ob er die Bände bei einer Ausstellung zeigen wolle. Bis heute ist er weniger Künstler als Aktivist und Hacker, auch wenn seine Arbeiten in Museen wie dem Victoria & Albert Museum, dem Barbican oder der Serpentine Gallery gezeigt wurden. Seine "Droneshadows", die die Bedrohung durch ferngesteuerte Drohnen in Ländern wie Pakistan oder dem Irak auch in Europa nachvollziehbar machten, wurden in den Berliner Kunst-Werken gezeigt.

Bridle hat das Innere der verborgenen, britischen Abschiebezentren aus Geheimdokumenten rekonstruiert und mit 3D-Software nachgebaut. Er hat jede Überwachungskamera fotografisch dokumentiert, die er auf seinen Wegen in London entdeckte. In Griechenland hisste er auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise eine silber-goldene Rettungsdecke als "Flag for No Nations" und platzierte in Ausstellungen ein Hologramm, das die EU-Gesetze zur Staatsbürgerschaft rezitierte.

Doch immer wieder stehen im Mittelpunkt der Arbeit des ehemaligen Programmierers die digitalen Technologien, die weitgehend unkontrolliert und ohne nach unserem Einverständnis zu fragen unser Leben verändern: "Ich reagiere darauf auf zwei Weisen", sagt er. "Einerseits versuche ich, mir diese Technologie anzueignen, sie zu verstehen und andere Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Andererseits suche ich nach Methoden, um mich gegen Technologie zu Wehr zu setzen." Und manchmal sind diese Widerstandsmethoden so simpel wie ein Salzkreis auf dem Boden.

James Bridle: Failing to Distinguish Between a Tractor Trailer and the Bright White Sky. Bis 29. 7, Nome Galerie,

Ohlauer Str. 17

"Einerseits versuche ich, mir diese Technologie anzueignen. Andererseits suche ich nach Methoden, um mich gegen Technologie zu Wehr zu setzen."

James Bridle, Künstler

--- BILDUNTERSCHRIFTEN / ZUSATZANGABEN ---

Bildunterschrift: GIANMARCO BRESAOLA Gefangen im Kreis: Die Falle für selbstfahrende Autos im Ausstellungsraum der Nome Galerie in Kreuzberg