Amerikanisches Guerilla-Video aus den frühen 70er Jahren

Von Tilman Baumgärtel

"Punkt fünf ist der freie Zugang zu den Informationsmedien und Technolgie für alle. Das Volk soll die Kontrolle über Fernseh- und Radiostationen haben, damit wir uns nicht mit ihrem Mist zufrieden geben müssen. Wir sollen dumm bleiben und nicht wissen, was man damit machen kann... In einer freien Kultur wissen die Leute, was zu tun ist, denn sie sind informiert, weil sie Zugang zu allen Informationen haben. Sie brauchen keinen Idioten, der ihnen etwas sagt."

John Sinclair in einem Video von 1969, in dem er das Programm seiner linkradikalen White Panter Party erklärt

"If you don't like the news, why not go out and make your own?" Abbie Hoffman: Steal this book!

Man muß sich das einmal vor Augen führen: Da geht ein bärtiger Hippie bei einem Parteitag der amerikanischen Republikaner herum, und stellt dumme Fragen. Es ist 1972, und damals dürfte der Anblick des rumpelstilzchen-haften Skip blumberg mit seinem Zauselbart wohl mindestens genauso irritierend gewirkt haben wie heute - besonders zwischen den frisch gewaschenen guten Amerikanern, die die republikanische Partei aus dem Mittleren Westen per Bus nach Florida hat bringen lassen, den TV-Reportern der großen amerikanischen Networks mit Schlips und Anzug, und vor allem zwischen all den Politikern, die sich mit naiver Bereitwilligkeit von Shamberg Fragen stellen lassen.

Niemand scheint ihn so richtig ernst zu nehmen; Henry Kissinger plappert so unbedacht los wie die Fernseh-Berichterstatter, die ihrem langhaarigen Interviewer vor laufender Kamera ihre Berufsauffassung erläutern: "What's news? Things that happen", erläutert Herb Kaplow, damals eines der bekanntesten amerikansichen TV-Gesichter, und Walter Cronkite erklärt mit dem Brustton der Überzeugung: "Introspection isn't good for a journalist." Ein Wahlkampfmanager von Nixon sagt: "Schon die Ballons werden hier so viel Fun verbreiten, wie wir brauchen", und dann regnen sie auch schon von der Decke des Kongreßzentrums, in dem das Republikaner-Treffen stattfindet. Und wir sehen, wie sich die Wähler mit böser Freude auf die Ballons stürzen, und sie mit Gusto zerplatzen lassen - und der ganze Parteitag sieht endgültig aus wie eine komplette, unheimliche Freakshow.

Dieses ganze Pandämonium ist zu sehen in "Four More Years", einer Videodokumentation von "Top Value Television" (TVTV), einer Videogruppe aus den USA, die Anfang der 70er Jahre mit anarchistischen Dokumentation auf sich aufmerksam machte. Was war da los? Hatten alle diese Leute die Kamera, vor der sie so selbstentlarvend agieren, nicht bemerkt? Oder hatten sie sie vielleicht einfach nicht - erkannt? 1972 war das Fernsehen in den USA zwar schon *dem* amerikanischen Massenmedium geworden. Aber die Kameras der amerikanischen Fernsehstationen waren damals noch schwere, stationäre Kisten, die man nicht nach Belieben herumtragen konnte. Shamberg und die anderen Mitglieder von TVTV hatten dagegen die ersten portablen Videokameras dabei. Ihr unspektakuläres Low-Tech-Equipment erlaubte es ihnen, sich an Orte und an Leute heranzuwagen, an die die Fernsehleute gar nicht erst gedacht hätten.

So entstand mit "Four More Years" nicht nur eine lebhafte Dokumentation eines republikanischen Parteitages, sondern auch ein bis heute "live" wirkendes Bild der Nixon-Ära. Nicht nur in dem Gebäude, in dem der Parteitag stattfand, waren die TVTV-Reporter mit ihren Videokameras unterwegs, sondern auch davor: am Ende des Films sehen wir, wie langhaarige Anti-Vietnam-Demonstranten genauso von der Polizei mit Tränengas beschossen werden wie die Teilnehmer der "Convention".

"Top Value Television" war das geistige Kind von dem ehemaligen "Time"-Mitareiter Michael Shamberg. 1971 schrieb er das Buch "Guerilla Television", das als das Gründungsmanifest der amerikanischen Polit-Videobewegung gilt: nicht nur TVTV, sondern auch andere Videogruppen entstanden zu dieser Zeit in den USA. Sie hatten so sprechende Namen wie "Videofreex", "People's Communications Network" oder "Portable Channel", und ihr gemeinsames Programm war es, das damals brandneue Medium Video als kulturrevolutionäre Waffe gegen das Massenmedium Fernsehen zu erproben. Lange bevor in Deutschland Gruppen wie Telewissen, die Medienwerkstatt Freiburg oder der Medienladen Hamburg begannen, Video als Medium einer linken Gegenöffentlichkeit zu nutzten, gab es in den USA eine florierende Videoszene. Einige der Gruppen - wie Newsreel http://www.newsreel.org/ oder Downtown Community TV http://dctvny.org/ haben bis heute überlebt.

Die Geschichte des amerikanischen "Guerilla-Videos" ist im deutschsprachigen Bereich fast genauso unbekannt wie die außerordentlichen interessanten Produktionen, die zu einer Zeit entstanden als das neue Medium Video noch eine sozio-politische Wunschmaschine war - so wie in der jüngeren Vergangenheit das Internet. Jetzt ist in den USA eine Auswahl aus diesen Jahren als Sammlung auf Video veröffentlicht worden: "Surveying the first decade: Video Art and Alternative Media in the United States", eine Kollektion, die die Video Data Bank aus Chicago nach jahrelanger Recherche und Restaurierung der zum Teil vom Verfall bedrohten Bänder zusammengestellt hat.

Die ersten vier Kassetten dieser beeindruckenden Sammlung, die bereits vor einem Jahr erschienen, widmeten sich der Videokunst der 60er und 70er Jahre. Der neue, der zweite Teil der Kollektion ist nun dem amerikanischen Video-Aktivismus gewidmet. So ein friedliches Nebeneinander von Kunst und Politik wäre in Deutschland nur schwer vorstellbar, aber in den USA waren sich diese beiden Fraktionen der Videobewegung sehr nahe: Steina und Woody Vasulka drehten zum Beispiel in den 60er Jahren dokumentarische Videofilme wie "Participation" über die Strassenkultur New Yorks, bevor sie in den 70er und 80er Jahren durch ihre technisch-formalen Videoexperimente in Medienkunstkreisen bekannt wurden.

Kuratorin Chris Hill, Dozentin am Antioch College in Ohio, hat in minutiöser Kleinarbeit Tapes aus den entlegensten Archiven hervorgeholt, und außerdem Interviews http://wings.buffalo.edu/academic/department/AandL/media_study/intervs/interviews.htm mit den Protagonisten der "Guerilla-Video"-Bewegung - wie Dee Dee Halleck, Chip Lord und Philip Mallory Jones - geführt. Sie ergeben ein aufregendes Bild der Periode, die heute bei vielen als die Zeit der "langweiligen Videos" gilt, weil viele Künstler zunächst ausgedehnte, formale, introspektive Experimente mit Video unternahmen.

Die Guerilla-Videos haben sich dagegen bis heute ihre Frische bewahrt: Selbst ein komplett formalistisches Experiment wie "Mayday Realtime" von David Cort und Curtis Ratcliff ist heute ein aufregendes, lebendiges Portrait der Protestkultur der Vietnam-Jahre. Weil Video damals noch schwer zu schneiden war (montiert wurde mit Rasiermesser und Klebstoff, nicht durch Kopieren wie heute) und weil Video im Gegensatz zu Film fast beliebig lange Aufnahmen zuließ, gingen die Videomacher einfach mit laufender Videokamera durch eine Anti-Kriegsdemonstration in Washington. Straßenkreuzungen werden besetzt und von der Polizei geräumt, Tränengas wabert im Hintergrund, Passanten sagen ihre Meinung in die laufende Kamera, und all das vermittelt als "Video Vérité" einen viel lebendigeren Eindruck des Vietnam-Protestes als jeder sauber zusammengestellte Dokumentarfilm es je könnte.

Weil den Videomachern nicht dasselbe Mißtrauen entgegenschlug, wie den Reportern der großen TV-Sender bekamen die Video-Guerilleros Szenen vor die Kamera, die kein Fernsehreporter hätte filmen können: In den Filmen des "People's Video Theatre" sieht man unter anderem den ersten "Gay Pride March" in New York oder die Besetzung einer Kirche durch die Young Lords, einer militanten Gruppe junger Puertorikaner, die sich die Black Panthers zum Vorbild genommen hatten. Das neue Medium verband sich ungehend mit den Neuen Sozialen Bewegungen, die zu dieser Zeit in den USA entstanden: Black Power, Schwulenbewegung, Feminismus.

Diese Bilder sind heute bewegende Dokumente, damals waren sie in erster Linie gedreht worden, um einen weitergehenden Kommunikationsprozeß in Gang zu setzten. Das "People's Video Theatre" lud die Leute, die sie gefilmt hatten, abends in ihr Studio ein und zeigte ihnen die tagsüber gedrehten Bänder, um sie zur Diskussion anzuregen: im Gegensatz zu Film mußte Video nicht entwickelt werden, sondern konnte sofort vorgeführt werden, und so als Katalysator für Gespräche und Auseinandersetzungen dienen. Auch bei dem Gefängnisaufstand in Attica, die 1971 eine nationale Krise auslösten, waren Videomacher des "Portable Channels" vor Ort und führten die einzigen Interviews mit den Rebellen im Gefängnis.

Aus heutiger Sicht wirkt es fast so, als sei das Medium Video die technologische Umsetzung einiger Ziele der Revolte der späten Sixties gewesen. Es erlaubt nicht nur die Produktion von Filmen durch Nicht-Fachleute und schien die Konsumenten endlich zu Produzenten zu emanzipieren; es war auch flüchtig, flexibel und billig genug, um es als Katalysator für Kommunikationsprozesse zu nutzen.

Doch Video war nicht nur ein neues Aufzeichnungsmedium, sondern weckte auch Hoffnungen auf alternative Methoden der Distribution. In "Guerilla Television" beschreibt Michael Shamberg, wie Videos mit Informationen, die vom Fernsehen unterdrückt werden, verteilt werden könnten: eine Videogruppe macht ein Band, schickt eine Kopie an eine andere Videogruppe, die wiederum eine Kopie macht und diese weiterschickt, und so fort, bis das Band in ganz Nord-Amerika gezeigt werden konnte. Heute arbeiten Videogruppen wie Papertiger TV http://www.papertiger.org/ in diesem Geist weiter: sie produzieren nicht nur mit geringen Mitteln politische Videos von hoher Effektivität, sondern verbreiten diese auch über einen eigenen Satelliten namens Deep Dish http://www.igc.apc.org/deepdish/ an Open Access Kanäle in den ganzen USA.

Ende der sechziger Jahre waren die technischen Möglichkeiten noch nicht so ausgereift, aber dafür waren sie auch leichter zu eigenen Zwecken umzuwidmen. Schon 1969 startete die Gruppe Videofreex einen eigenen Video-Piratensender: in dem ländlichen Woodstock sendeten sie einmal in der Woche ein eigenes Programm, daß von den benachbarten Farmen empfangen werden konnte. Erst als eine Nachbarin sich einige Jahre beschwerte, daß sie die Guerilla-Sendungen sie beim Empfang ihrer Lieblings-Soap störte, wurde der Sendebetrieb eingestellt.

Zur selben Zeit eröffnete sich für Video-Guerilleros ein neues Betätigungsfeld: in Amerika begannen die ersten Experimente mit Kabelfernsehen. Ausgerechnet in den Appalachian Mountains, einer abgelegenen Berggegend in Tennessee, begann "Broadside TV" 1974 damit, eigenes Lokalfernsehen ins Kabelnetz einzuspeisen. Kurz zuvor war in Austin das Austin Community Television (ACTV) auf Sendung gegangen. In ihrer ersten Sendung, die auf "Surverying the first Decade" enthalten ist, sieht man die frisch gegründete Fernsehaktivisten auf einem Berggipfel sitzen: weil ACTV kein eigenes Studio hatten, mußte ihr Programm direkt in die Kabelzentrale eingespeist werden, die Beleuchtung für die "Show" kam von den Scheinwerfern eines Autos.

In ihrem Essay "Attention! Production! Audience!: Performing Video in its First Decade" http://www.nomadnet.org/video/index.html betont Kuratorin Chris Hill die historischen Bedingungen, die zu dieser explosionsartigen Entwicklung von Medienaktivismus führte: die Protestbewegung der späten sechziger Jahre, die Ideen von einer partizipatorischer Demokratie, die geistigen Vorläufer in Kunstbewegungen wie Fluxus und Happening oder den Schriften McLuhans.

"Intuitiv wissen wir, daß es in unserem gegenwärtigen kulturellen System zuviel Zentralisierung und zu wenig Feedback gibt", hieß es in dem Vorwort der ersten amerikanischen Videozeitschrift "Radical Software". Heute erinnert viel der damaligen Rhetorik über Video an die Sermone, mit denen vor wenigen Jahren das Internet angepriesen wurde. Wie Video wird nun auch das Internet langsam von einer technischen Innovation mit utopischem Potential zu einer gesellschaftlichen Realität, die wenig von dem zu halten scheint, was man von dem Medium einmal erwartet hat. Trotzdem oder gerade deswegen sind die verbliebenen technischen Dokumente dieser frühen Euphorie umso wertvoller. In ihnen scheint auf, was neue Kommunikationstechnologien offenbar nie einlösen können, was sie aber immer wieder hervorbrigen: das kurze Aufblitzen einer Vision von einer Gesellschaft, in der jeder mitreden kann.

Surveying the first decade: Video Art and Alternative Media in the United States, Teil 2, Video Data Bank (Chicago), 600 Dollar Fünf Kassetten mit Videos von People's Video Theatre, Steina und Woody Vasulka, Ant Farm, Top Value Television, Down Town Community Television, Optic Nerve, People's Communications Network, Portable Channel, Richard Serra u.a., Kuratorin: Chris Hill Bezug: Video Data Bank, Art Institute of Chicago, 112 South Michgan Avenue, Chicago, Illinois, 60603, USA

Links

Chris Hill: Attention! Production! Audience!: Performing Video in its First Decade http://www.nomadnet.org/video/index.html

Chris Hills Interviews mit amerikanischen Video-Guerilleros http://wings.buffalo.edu/academic/department/AandL/media_study/intervs/interviews.htm

Newsreel http://www.newsreel.org/

Downtown Community Television http://dctvny.org/

Deep Dish http://www.igc.apc.org/deepdish/

Papertiger http://www.papertiger.org/