Gelb und magisch Hier war ich Mensch, hier durfte ich es sein: Die Buchvorstellung von “Nachtleben Berlin” im Hebbel am Ufer Von Tilman Baumgärtel 1237 wird Berlin erstmals urkundlich erwähnt. 1871 wird es Hauptstadt des Deutschen Reichs. 1920 entsteht Groß-Berlin – das sind einige der wichtigsten Daten der Stadtgeschichte. Bald könnten zu diesen kanonischen Jahreszahlen einige neue hinzukommen: zum Beispiel der März 1991, in dem der Techno-Club Tresor öffnete oder der September 2010, in dem die letzte Party in der Bar 25 gefeiert wurde. Eine Reihe von Neuerscheinungen haben in der letzten Zeit dazu beigetragen, das Berliner Nachtleben zu historisieren – zuletzt der opulente Bildband “Nachtleben Berlin: 1974 bis heute”, der am Wochenende im Hebbel am Ufer (HAU) vorgestellt wurde. Das dreihundert Seiten starke, großformatige Werk mit vielen unveröffentlichten Fotos und Erinnerungen an legendäre Orte des Berliner Nachtlebens ist der neuste Beitrag in einer Folge von Büchern, die die Party-Kultur der Stadt zum Gegenstand geschichtlicher Darstellungen gemacht haben. Bereits im vergangenen Jahr erschien das Buch "Der Klang der Familie" von Felix Denk und Sven von Thülen, das die Entwicklung der frühen Berliner Technoszene beschrieb. Anfang 2013 folgte dann Wolfgang Müllers "West-Berlin 1979-1989", in dem der Künstler und Gründer der Band Die Tödliche Doris die Punk- und New-Wave-Szene der 80er Jahre mit der Sorgfalt eines klassischen Archäologen ans Licht der Gegenwart holte. Und im Sommer kam mit “Die ersten Tage von Berlin: Der Sound der Wende” von taz-Redakteur Ulrich Gutmair ein Buch über die künstlerisch angehauchten Clubs im Ost-Berlin nach dem Fall der Mauer heraus. Im Kunstraum Kreuzberg dokumentierte kurz danach die Ausstellung "Wir sind hier nicht zum Spaß!" die Kunst, die in dieser Szene entstand. Und im Alliierten-Museum ist immer noch die Ausstellung “Von G.I. Blues zu G.I. Disco” über die Berliner Diskotheken zu sehen, die von amerikanischen Soldaten frequentiert wurden. Und dann waren da noch eine Reihe von Dokumentarfilmen über Clubs wie den Tresor oder die Bar 25. In kurzer Zeit ist aus dem Nachtlebens Berlins ein gut dokumentiertes Thema der Stadtgeschichte geworden. Wenn das so weiter geht, werden Berliner Schüler demnächst im Heimatkunde-Unterricht lernen, dass David Bowie 1978 in der Hauptstraße 155 in Schöneberg wohnte. Die Buchvorstellung von “Nachtleben Berlin” im HAU hatte etwas von einem Klassentreffen, verschnitten mit Ü40-Party und Talkshow. Es waren vor allem Zeitgenossen, die gekommen waren, um sich an gleich zwei Abenden ihrer goldenen Jahre zu erinnern. Als eine Art “historical reenactment” hatte man sogar die Barmannschaft der West-Berliner Disko Dschungel an die Cocktail-Bar gestellt, die zu vorgerückter Stunde ihre Fähigkeiten mit dem Hula-Hoop-Reifen demonstrierten.“Ich will nicht gleich nostalgisch werden”, sagte Joachim Sartorius, der ehemalige Chef der Berliner Festspiele, gleich zweimal, bevor er dann natürlich doch nostalgisch wurde, als er sich der pampigen Kellner in der Paris-Bar erinnerte. War Nostalgie nicht der Hauptgrund für die Veranstaltung, die übrigens selbst an einem historischen Ort des Berliner Nachtlebens stattfand: die Räume des heutigen Restaurants des HAUs beherbergte um 1970 das legendäre Zodiac, einen Club, in dem regelmäßig Berliner Krautrock-Bands wie Ash Ra Tempel oder Tangerine Dream auftraten und in nächtelangen Sessions ihren Stil entwickelten. Immer wieder war in den Gesprächen mit Zeitzeugen – also Menschen, die zu einer bestimmten Zeit Stammgast in einer bestimmten Lokalität waren oder in einer solchen hinter der Theke standen – von “magischen Orten” die Rede. Das Publikum lauschte den Erinnerungen an lange verflossene Party-Extasen und illegalen Partys in aufgebrochenen Ladenlokalen zum Teil mit versonnenem Lächeln. DJ-Veteran Westbam berichtete von seinem ersten Besuch im Metropol Ende der 70er Jahre, bei dem ihm beim Anblick von einer Gruppe lederverpackter Schwuler sofort klar war: “Das sind meine Art von Leuten. Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein.” Jackie A., die es nach ihrer Flucht aus der DDR von einem Job als Türsteherin des Gabba-Tempels Bunker, dem “härtesten Club der Welt”, zur Kolumnistin des Stadtmagazins Tip gebracht hat, beschrieb das Berliner Nachtleben als einen Ort, “an dem die verlorenen Seelen der Stadt eine Heimat haben” und in dem “man immer noch mit wenig Geld etwas erreichen kann.” Dass die Feierei in Berlin ihren Zenit überschritten habe, wollte sie nicht akzeptieren: “Wir machen einfach weiter.” Jürgen Laarmann, Anfang der 90er Jahre Herausgeber des Techno-Magazins Frontpage bestätigte sich selbst, dass das mit der “ravenden Society”, die er in den 90er Jahren ausgerufen hatte, “perfekt geklappt” hätte. Wer dieser Art von Argumentation nicht folgen mochte, konnte sich von Live-Auftritten von Ex-Lassie-Sängerin Christine Rösinger, Robert Lippok, Mutter, der DDR-Avantgarde-Band Die Gehirne oder einem vollkommen vergeigten Gig des Elektro-Duos Cobra Killer unterhalten lassen. Maria Zastrow, einst Thekenkraft in der New-Wave-Kaschemme Risiko, erinnerte sich an die Kneipe als “gelb und magisch”. Anschließend holte sie aus einem alten Plastikkoffer ihre Sammlung von Mixtapes von damals, und bespielte die Tanzfläche, die gegen Mitternacht eröffnet wurde, mit Rockabilly- und Country-Standards. Diese Bänder, die damals oft liebevoll mit einem Kugelschreiber zu den besten Songs vorgespult wurden und inzwischen ein bisschen leiern, liefen Anfang der 80er Jahre in dem umkämpften Kassettenrekorder des Risiko und haben ihrer Ansicht nach die Coverversionen-Auswahl von Stammgästen wie Nick Cave und den Einstürzenden Neubauten beeinflusst. Gleichzeitig lieferte Westbam im Theaterfoyer eine als DJ-Set getarnte Vorlesung über den House Sound der späten 80er Jahre ab. Freilich, die Party gingen zu einer Zeit zu Ende, zu der die Festlichkeiten in Berlin normalerweise erst losgehen, nämlich gegen zwei. Wahrscheinlich wollte der Babysitter nach hause. Auf dem Heimweg war übrigens in dem kleinen Pavillon am Landwehrkanal neben der U-Bahn-Station Hallesches Tor eine slammende House-Party voller junger Leute zu beobachten. Die Zeit der illegalen Feiern an versteckten Orten ist in Berlin trotz aller Vergangenheitsbewältigung noch nicht vorbei.