Konferenz "Das Virtuelle Haus"

Virtuelle Türklinken

FSB ist eine Firma, die Türklinken herstellt. FSB sind aus Brakel im Weserbergland. FSB ist ein mittelständisches Unternehmen, das seit vier Generationen im Familienbesitz ist. FSB hat einen Jahresumsatz von 150 Mio. Und diese Rendite "erlaubt ab und zu einen Blick über den Tellerrand", wie es ohne falsche Bescheidenheit in einer Pressemitteilung hieß. Letzte Woche wurde nun das Berliner Publikum im Deutschen Architekturzentrum (DAZ) Zeuge, wie die Türklinkenhersteller zusammen mit diverser Promi-Architekten über den Tellerrand blickten und das "virtuelle Haus" sahen.

Das war nämlich der Titel des Wettbewerbs, die der Klinkenhersteller zusammen mit der amerikanischen Architekturzeitschrift ANY, "unter befreundeten Architekten" ausgeschrieben hatte. Das dürfte eine Menge Geld gekostet haben, denn schließlich hatte man nicht nur das DAZ gemietet, den Philosophen John Rajchmann vom MIT und die ANY-Chefin Cynthia Davidson aus den USA eingeflogen, sondern auch noch sieben der bekanntesten Architekten der Welt beauftragt, sich etwas "Virtuelles" einfallen zu lassen: unter anderem Jean Nouvel (Galerie Lafayette), Daniel Libeskind (Jüdsiches Museum Berlin) und Peter Eisenman (Biozentrum der Universität Frankfurt a. M.).

Das war ganz schön schwierig, denn mit "virtuell" war hier nicht irgendwas mit Computern oder Internet gemeint, sondern eine "Möglichkeit " im Sinne Henri Bergsons. In dem Augenblick, in dem man beginnt, das virtuelle Haus zu entwerfen, beginnt man daher bereits mit dessen Zerstörung, wie Daniel Libeskind scharfsinnig bemerkte. Ein fertiggestelltes, virtuelles Haus ist ein Widerspruch in sich, denn wenn es realisiert ist, ist es natürlich nicht mehr virtuell. So betrachtet war der Wettbewerbsbeitrag von Rem Koolhaas der einzige, der der Aufgabenstellung entsprach: Der Architekt war der Veranstaltung nämlich fern geblieben und hatte auch keinen Entwurf abgeliefert.

Die übrigen Beiträge wären bei einer Präsentation der HdK-Architekturstudenten wohl nicht weiter aufgefallen: Jean Nouvel wollte auf die Wände eines viereckigen Hauses Videofilmen projiezieren; Alejandro Zaera-Polo hatte aus Möbiusschleifen seltsame Bauten entwickelt, die wie Marsstädte in alten SF-Filmen aussahen, und bei den Beiträgen von Peter Eisenman und Daniel Liebeskind war nicht herauszufinden, ob es sich um Gebäudeentwürfe, Skulpturen oder erste Gehversuche mit einem CAD-Programm handelte. Klinken fehlten übrigens auch, und das "virtuelle Haus" bleibt weiter virtuell...

Tilman Baumgärtel