ars electronica

Knstler als Netzteile

Von Tilman Baumg„rtel

Er”ffnungsabend bei der ars electronica in Linz, ™sterreich: Auf dem Platz vor dem Neuen Rathaus schreien etwa zehn Finnen sehr laut und sehr rhythmisch in Mikrophone, die ihr Gebrll noch lauter ber den ganzen Platz verbreiten. Etwas weiter rechts von ihnen fahren Kleinroboter, die wie Tischstaubsauger aussehen, ferngesteuert um einander herum. An der Nibelungenbrcke, die ber die Donau in die Innenstadt von Linz fhrt, steht ein Zelt, in dem ein Amerikaner eine Kochperformance durchfhrt.

Wer durch die Scheiben des Ars Electronica Center guckt, sieht innen den australischen Knstler Stelarc, dessen K”rper durch Elektroden an seinen Gliedern direkt mit dem Internet verbunden ist; sein massiver, 50j„hriger K”rper zuckt unter den Stromschl„gen, die mit bis zu 40 Volt in seine Muskeln schieáen. Videoaufnahmen von diesem Martyrium des australischen Internet-Schmerzenmanns werden an die Auáenwand des Museums projiziert; dazu ballert von dem Deck eines Diskjockeys lauter Techno ber den Platz. Irgendwo dazwischen wandert noch der Knstler Steve Mann herum, der eine Videokamera vor seinen Kopf geschnallt hat und seine Umwelt nur auf dem Bildschirm vor seinen Augen sieht.

"Der digitale Zirkus macht Halt in Linz", heißt es sehr treffend in der Kurzbroschre, die zur ars electronica erscheinen ist. Fr eine Woche ist die ”sterreichische Industriestadt jeden September Treffpunkt von buntem digitalen Volk aus aller Welt. Die internationale Medienkunstszene trifft sich allj„hrlich bei dem Festival, das bereits seit 1978 stattfindet und jedes Jahr gr”áer und unbersichtlicher zu werden scheint. In diesem Jahr k”nnte die Unbersichtlichkeit freilich auch von dem eher unklaren Festivalthema herrhren: "Fleshfactor - Informationsmaschine Mensch" - darunter kann man sich so einiges vorstellen.

Gewinner der ars war in diesem Jahr das Internet: Zwar domninierten auch in diesem Jahr Hightech-Installationen die Ausstellung, aber am Rande des Medienspektakels werkelten Knstler an Netz-Projekten, die sich mit der Architektur und der Technik des Internets besch„ftigten: Der New Yorker Knstler Paul Garrin rhrte lauthals die Werbetrommel fr seinen "Namespace": eine unabh„ngige Domain Name Registry, die das Monopol der Washingtoner Firma Network Solutions brechen soll, bei der man bisher seinen Domain Name regisitrieren lassen muá.

Da schwitzten finnische Knstler vor ihren Computern in einer "Netsauna", und die Arbeit "Web Hopper" von der Gruppe Sensorium, die Netzverbindungen auf einer Weltkarte darstellt, gewann sogar einen Prix Ars Electronica. Einer der H”hepunkte der Netzkunstabteilung war Form Art des Russen Alexei Shulgin

, der mit diesem Projekt die Rituale des "Betriebssystem Kunst" auf die Schippe nimmt: Shulgin hat aus gŠngigen HTML-Befehlen eine eigene Programmiersprache entwickelt, das Ganze zu einer neuen Kunstrichtung namens "Form Art" erkl„rt, und im Netz einen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem Netzknstler 500 Dollar fr Arbeiten in diesem Pseudo-Kunstgenre gewinnen konnten. Bei der Ars Electronica wurden nun als Teil des Remote C-Projekts die Preise vergeben: Gewinner waren der Belgier Michael Samyn, Grnder und einziges Mitglieder der Netzkunstgruppe Group Z, und Kathrin Schmidt aus London.

Die Preisverleihung entwickelte sich dabei zu einer gelungenen Parodie auf die Gepflogenheiten der Kunstwelt: Nachdem die Gewinner bekannt gegeben worden waren, wurde Shulgin vom Publikum mit Fragen bombardiert, wie bei einer richtigen Pressekonferenz.

Das Symposium, das die Ausstellung begleitet, war schon ein halbes Jahr vorher im Internet vorbereitet worden. Unter der Leitung des amerikanischen Knstlers Tom Sherman diskutierten dort Berufene aus der ganzen Welt ber "Beziehungs- und Orientierungssstrategien der Antipoden Mensch und Maschine im wechselseitigen Prozeá von Adaption und Assimilation." Daá Mensch und Maschine berhaupt noch Antipoden sind, wurde freilich von einigen Rednern bei dem Symposium vehement bestritten. Max More, der amerikanische Begrnder des Extropy Institutes, ist zum Beispiel davon berzeugt, daá der Mensch mit Hilfe von neuen Technologien in der Lage sein werden, seine biologischen Limitierungen zu berschreiten. "Unsterblichkeit durch Technologie" - so k”nnte man das Credo der sektenartigen Gruppierung der "Extropen" zusammenfassen. Aber sagen darf man nicht, daá das Extropy Institute eine Sekte ist, wie Geert Lovinck es tat - dann wird Max More wirklich sauer!

Da paáte es gut, daá zu den Teilnehmern der Konferenz auch ein Computerprogramm geh”rte: "Huge Harry/(01)" ist eine frei verk„ufliche Sprachsoftware, die laut Konferenzbroschre "begonnen hat, sich fr gleiche Rechte fr Computer einzusetzten." Bei der Rede, die der sprechende Computer bei der ars electronica hielt, war an seine Ausgangsbuchse der holl„ndische Knstler Arthur Elsenaar angeschlossen, dessen Gesichtsmuskeln mit kleinen Elektroschocks so simuliert wurden, daá er zum Vortrag von Kollege Computer lustig mitgrimassierte.

Daß der Mensch der Technologie nur noch als Marionette dient, ist freilich eine Vorstellung, die noch lange nicht allen behagt: Donna Haraway, Biologin und selbsternannte "Pseudowissenschaftler" aus den USA, ist zwar durch ihr "Manifest fr Cyborgs" bekannt geworden. Aber in ihrem Vortrag ber die genetisch ver„nderte und patentierte Onco-Maus betonte sie die Machtphilosophie, die dem naturwissenschaftlichen Diskurs eingeschrieben ist. Ein bleibendes Charakteristikum der ars electronica scheint es allerdings zu sein, daá bei ihr eher selbsternannte Technovision„re zu Wort kommen, als Leute, die sich mit den konkreten sozialen und politischen Folgen der neuen Technologien auseinanderzusetzten.

Dazu paát auch die Hightech-Kunst, die traditionellerweise bei der ars electronica zu sehen ist. Viel davon geh”rt zu der Gattung, die oft sp”ttisch "Silicon Graphics"-Kunst genannt wird - nach den kostspieligen Hochleistungscomputern, die fr ihre Realisierung notwendig ist. Seitdem das Festival vor zwei Jahren unter dem Motto "Welcome to the Wired World" stand, hat aber auch Kunst, die sich mit dem Netz der Netze beschŠftigt, eine immer wichtigere Rolle auf dem Festival eingenommen.

Den enthusiastischsten Besuchern der ars electronica drfte all das freilich egal sein: die Teenager, die im ars electronica Museum im Internet surften, freuen sich wahrscheinlich vor allem ber den kostenlosen Netzzugang.

-----------------------SCHNAPP!----------------------------------

URL's:

Die Homepage der ars electronica: http://www.aec.at

Liveberichterstattung von der ars electronica: http://netreport.aec.at

Alexei Shulgin: Form Art http://www.c3.hu/hyper/form/

Sensorium http://www.sensorium.org