Als Journalist im Berlin der Mauerzeit konnte es einem schon mal passieren, dass einem das Auto auseinander genommen wurde. Wilfried Rott, Kulturjournalist beim SFB, musste mit ansehen, wie sein Wagen am Checkpoint Charlie vollkommen demontiert wurde - weil er es gewagt hatte, einen anderen Grenzübergang zu benutzen als den, der ihm zugewiesen worden war. "Ich wusste nicht, dass man ein Auto so zerlegen kann", sagt Rott heute. Im Interview erinnert er sich an seine Zeit als Berichterstatter im geteilten Berlin.

Sie sind 1977 nach Berlin gekommen. Wie haben Sie damals die Atmosphäre in der Stadt empfunden?

Ich war damals überwältigt von der Vitalität dieser Stadt. Heute wird ja oft gesagt, dass West-Berlin so eine Piefigkeit hatte. Aber es war schon eine sehr lebendige Stadt. Das war nicht nur der Trost, den sich die West-Berliner selbst gespendet haben. West-Berlin war eine richtige Großstadt. Dadurch hat sie sich auch von den anderen deutschen Städten unterschieden.

Sie selbst kamen aus Wien. Wie wirkte Berlin im Vergleich?

Berlin ist nicht so schön wie Wien, aber die Stadt ist viel direkter. In Wien war das Kulturleben vergleichsweise traditionell. Ich bin mit Burgtheater und Staatsoper groß geworden, und ich war erschrocken als ich das erste Mal hier in der Deutschen Oper war.

Damals etablierte sich gerade die Off-Szene. Ich war erschlagen von dem, was da stattfand - wenn zum Beispiel die Schaubühne am Anhalter Bahnhof gespielt hat. Da gab es so einen Zusammenprall von der Morbidität der Ruine und der ganz selbstverständlichen Vitalität und Direktheit der Menschen, die für die ganze Stadt kennzeichnend war.

Heute wird es ja gerne so dargestellt, dass West-Berlin seit dem Bau der Mauer ein staatlich gesponsertes Soziobiotop war. . .

Die Subventionierung West-Berlins war einfach notwendig. Hätte man die Stadt veröden lassen sollen? Selbstverständlich war West-Berlin in gewisser Weise Schaufenster. Man wollte ein Kulturangebot, das der Größe der Stadt entsprach. Natürlich sind damals die Kultursenatoren mit der Spendierhose durch die Stadt gegangen. Volker Hassemer wusste gar nicht wohin mit dem Geld.

Das haben wir Kulturjournalisten, je länger es dauerte, auch nicht mehr gut gefunden. Wenn 1989 nicht die Mauer gefallen wäre, wäre es kritisch geworden. Die Kulturszene der Stadt blutete aus. Das begann sich in einer Weise zu erschöpfen, dass es anfing, mir Angst zu machen. Wir befürchteten schon, dass uns die Themen ausgehen würden.

Haben Sie auch über Ost-Berlin berichtet?

Ich wohnte am Mariannenplatz, darum habe ich sehr mit der Mauer gelebt. Aber ich habe nicht unter ihr gelitten. Das war der berühmte West-Berlin-Effekt: man fand die Stadt an sich groß genug. Als ich nach Berlin kam, bin ich selten nach Ost-Berlin. Ich war Ausländer, und brauchte immer ein Visum. Aber ich musste beruflich oft nach Ost-Berlin, denn Anfang der 80er-Jahre gab es bei der ARD eine Art Wettlauf, wer am meisten aus dem Osten berichtet.

Warum?

Das war im Zuge der Entspannungspolitik. Und es gab diese Idee der deutschen Kulturnation. Wir als West-Berliner hatten da eine ganz schwierige Position. Die DDR hat darauf wahnsinnig Wert gelegt: Ihr seid aus West-Berlin, damit gehört ihr für uns nicht zur Bundesrepublik. Und ihr vertretet nicht Gesamt-Berlin.

Wir hatten im DDR-Außenministerium unseren eigenen Referenten, der viel verhindert hat. Ich wollte zum Beispiel einen Film über Friedhöfe in Berlin machen. Das war unmöglich.

Lag das daran, dass der SFB in der DDR als Frontstadt-Sender galt?

Nein. Denen ging es darum zu betonen: West-Berlin und Berlin, Hauptstadt der DDR - das sind zwei völlig verschiedene Sachen. Es war eine klare Politik, kein Gesamt-Berliner Bewusstsein zu entwickeln. Die Stadt als Ganzes erfahrbar zu machen, war darum sehr schwer. Erst in den letzten Jahren durften wir dann zum Beispiel an der Komischen Oper filmen. Und das zu erstaunlich günstigen finanziellen Bedingungen. . .

Mussten Sie etwa für die Berichterstattung bezahlen?

Ja. Das kann man sich wahrscheinlich heute gar nicht mehr vorstellen. Wir mussten beim Außenministerium einen Antrag stellen, der ist dann ans ZK weitergeleitet worden. Das hat zu diesen Demütigungen gehört. Man wurde immer hingehalten, und dann bekam man so ein entwürdigendes Fernschreiben, in dem stand: "Es besteht kein Interesse an der Berichterstattung. " Wenn man doch eine Drehgenehmigung bekam, musste man im Internationalen Pressezentrum an der Friedrichstraße über die Bedingungen verhandeln. Im Pressezentrum war klar, dass jedes Wort protokolliert wurde. Man bekam jemanden abgestellt, der den ganzen Tag beim Dreh dabei war, und dafür musste man zahlen. Das wurde als "Dienstleistung" verkauft, aber in Wirklichkeit musste man seine Bewacher auch noch selbst bezahlen. Die Geldübergabe erfolgte in Cash im Freien auf dem Alexanderplatz. Ein Produktionsleiter von uns musste mit einer Tasche voll Geld nach Ost-Berlin hinüberfahren.

Hatten die Redakteure des SFB vor der Wende einen politischen Auftrag?

Nein. Und im Gegensatz zum Rias galten wir auch nicht als Propagandasender. Im Hörfunk gab es allerdings einige Sendungen, die vor allem für die DDR gemacht wurden. Es wurden zum Beispiel sämtliche Bundestagsdebatten übertragen. Und es gab eine Sendung, die hieß "Ost-West-Journal". Auch die Presseschau war eine reine Servicesendung für den Osten.

In Ost-Berlin wurde man darum als Vertreter des Westmediums positiv gesehen. Man kannte uns. Das schönste Beispiel für mich war Günter Schabowski. Den habe ich nach der Wende wegen eines Interviews angerufen. Und da sagte er nur nach der Stimme: "Sie kenne ich doch. Haben Sie nicht eine Büchersendung gemacht?" Und ich dachte: "Das war deren Leben: in Wandlitz zu sitzen und unser Programm zu sehen. " Seit der Wende haben die öffentlich-rechtlichen Anstalten in Ost-deutschland allerdings Akzeptanzprobleme. . .

Ja, aber die großen Tageszeitungen haben dieselben Probleme.

Der SFB liegt im äußersten Westen der Stadt. Glauben Sie, dass Sie da den Osten der Stadt richtig im Blick haben?

Beim SFB nehmen wir das sehr ernst. Wir fragen uns immer wieder: Sind wir zu westlich, berücksichtigen wir den Osten ausreichend? Aber ich glaube, dass ist eigentlich kein Thema mehr. Unsere Berichterstattung ist nicht "westlich". . .

Und warum haben die Öffentlich-Rechtlichen dann im Osten so schlechte Quoten?

Der Osten sieht einfach lieber Unterhaltung als politische und kulturelle Information. Auf der Ebene der niedrigen Unterhaltung gibt es übrigens eine ganz merkwürdige Einheit in der Stadt. Ich glaube, das Metropol-Theater an der Friedrichstraße hatte zuletzt mehr Fans im Westen als im Osten.

Das Gespräch führte Tilman Baumgärtel.