HEWILLNOTDIVIDE.

US

Wie Internet-Trolle ein Netzkunstwerk zerstörten und was uns das über den Zustand der Netzkultur sagt. Schön ist es nicht.

Tilman Baumgärtel

Es war, als sei irgendwo in New York ein Loch im Straßenpflaster aufgebrochen und all das Hässliche und Unappetitliche, das im US-Wahlkampf hochkam, wäre in menschlicher Form daraus hervorgekrochen. Und als hätten diese Kohorten sich dann auf den Weg zum Museum of the Moving Image im New Yorker Stadtteil Queens gemacht. Um sich dort vor eine Webcam neben dem Haupteingang des Fernsehmuseums zu stellen und dem Rest der Welt via Internet zu zeigen, wie polarisiert und verkracht die amerikanische Gesellschaft heute wirklich ist.

Da beweisen sich Neonazis ihrer rassische Überlegenheit dadurch, dass sie mit nacktem Oberkörper herumtanzen, grölen und aus einem Plastikkanister Milch in sich hineingießen. (Angeblich können „Arier“ Laktose besser verdauen als „Nichtarier“, ein weiteres Zeichen ihrer Überlegenheit.) Zwei alte Männer pöbeln mit unaussprechlichen Kraftausdrücken gegen Hillary Clinton, die Demokraten und überhaupt alle „Libertards“ (eine Kombination aus „Liberal“ und „Retard“, die sich unter rechten US-Bürgern als Beschimpfung für politisch Andersdenkende eingebürgert hat). Dann steht ein einsamer Kämpfer ganz allein um vier Uhr morgens vor der Kamera, und erklärt, dass aschkenasische Juden international den höchsten IQ haben, Afrikaner den niedrigsten. Und dann gibt es Massenaufläufe, Gerangel, zuletzt Polizeieinsätze. Immer wieder Polizeieinsätze, so viele, dass das Museum of the Moving Image die Webcam abbauen lässt und damit vorerst eine Kunstaktion beendet, die eigentlich die gesamte Amtszeit von Donald Trump andauern sollte: das Internet-Performanceprojekt „Hewillnotdivide.us“ von LaBeouf, Rönkkö & Turner, einer Künstlergruppe, zu der unter anderem der Schauspieler Shia LaBeouf („Transformers“) gehört, der seine Hollywood-Karriere zugunsten der Konzeptkunst aufgegeben hat.

Am 20. Januar, dem Tag der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump, ging das Projekt online: über einer Webcam an der Museumswand die Aufforderung, die Worte „He will not divide us“ ins Objektiv zu sprechen. Schon am ersten Tag kommt vor der Kamera eine animierte Gruppe zusammen, die die Worte wie einen Hare-Krishna-Chant wiederholt. Einige von ihnen nutzen die Kamera als Plattform zu Selbstdarstellung, rappen, wünschen den Internet-Zuschauern Weltfrieden – und ziehen die Aufmerksamkeit von politischen Gegner und Internet-Trollen auf sich. Auf den Websites 4Chan und Reddit wird das Geschehen vor der Kamera zunächst live kommentiert, dann tauchen die ersten merkwürdigen Figuren in der fröhlichen Menge auf. Sie tragen Basecaps mit der Aufschrift „Make America Great Again“, zeigen im Hintergrund den Hitlergruß oder lassen die Hosen herunter und halten Bilder von der Troll-Ikone Pepe the Frog hoch. „This is shit-posting IRL“ bemerkte einer der Online-Kommentatoren. Tatsächlich wird hier die Internet-Praxis des Trollens, die sich normalerweise in den Debattenforen des Internets vollzieht, in den öffentlichen Raum übertragen.

Ein Troll ist eine Internet-Kreatur, dem es Vergnügen bereitet, andere durch seine Kommentare zu „triggern“, also so lange zu provozieren, bis der ausrastet. Ihre natürliche Habitat sind alle Arten von Internet-Diskussionen, von den Kommentarfunktionen der Online-Medien hin zu Debattenboards wie Reddit und 4Chan. 4Chan ist als die „Kloake des Internet“ bezeichnet worden. Hier teilen Trolle anonym Ekelbilder, dumme Sprüche und Memes, Pornographie – alles, womit man Leute aufbringen kann. Aus diesem Kompost ging die kurzlebige Netz-Protestbewegung Anonymous hervor, die mit ihrer Mischung aus widersprüchlichen bis unverantwortlichen Nonsense-Statements, jugendlicher Angeberei und kryptischen popkulturellen Referenzen den 4Chan-Stil erstmals in die Öffentlichkeit brachte. All das passiert natürlich nur „for the lulz“, ist also zum Lachen. Es ist nicht real, sondern nur ein Spiel, das im Internet gespielt wird. Wenn man sich darüber aufregt, hat man das Spiel nicht verstanden oder ist überempfindlich. Schaltet doch einfach den Computer aus, wenn es Euch nicht passt! Im Grunde sind die 4Chan-Trolle eine Jugendbewegung, die das Internet hervorgebracht hat. Unter dem Label des „schwarzen Humors“ ist sie auch schon auf deutschen Schulhöfen angekommen.

Trolle sind immer auf der Suche nach den Themen, mit denen sie anecken können, und der US-Wahlkampf versorgte sie reichlich mit neuem Material: Rassismus, Klassen- und Genderfragen, sexuelle Gewalt und das Aufkommen einer neuen, netzkompatiblen extremen Rechten, der „alt.right“-Bewegung (bei der schon der Name auf einer Internetabkürzung basiert.) In der amerikanischen Presse ist immer wieder argumentiert worden, dass Donald Trump im Grunde selbst ein Troll ist. Seine Tabubrüche, sein Desinteresse an bis dato für selbstverständlich gehaltenen Anstandsregeln, seine Witze über Behinderte und sein großspurig herausgegröhlter Sexismus erinnern tatsächlich an die Provokationsstrategien, mit denen man bei 4Chan in der Aufmerksamkeitsökonimie des Internets auf sich aufmerksam macht.

„Hewillnotdivide.us“ war das erste Mal, dass dieses neue Gesicht der Troll-Bewegung in großem Stil in der Öffentlichkeit auftauchte – und das wohl ganz im Sinne ihrer Mitglieder. Shia LaBeouf wurde erfolgreich „getriggert“, geriet vor der Kamera mit einem der Trolle in eine Rempelei und wurde von der Polizei verhaftet; das Museum ließ die Arbeit schließlich abbauen. Nach einem kurzen Präsentation in Albuquerque, wo die Linse der Webcam mit Farbe zugesprüht wurde, verlegte man die Arbeit in eine nicht näher bezeichnete Gegend irgendwo in den USA ganz ohne Publikum: Die Kamera war auf eine Flagge gerichtet, auf der „He will not divide us“ stand.

Das ließ den Internet-Trollen von 4Chan keine Ruhe, und das kollektive Monster, welches das Internet hier geboren hat, begann zu recherchieren. Anhand von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang wurde die ungefähre Position der Flagge bestimmt. Die wurden dann durch nächtliche Sternpositionen und Flugzeugrouten immer weiter eingegrenzt wurde, bis eine Gegend in Tennessee als Standort der Flagge identifiziert worden war. 38 Stunden, nachdem die Arbeit dort installiert worden war, holten Trolle aus der Gegend die Flagge ein und ersetzen sie durch eine Basecap mit dem „Make America Great Again“-Slogan. Seither ist die Webcam abgeschaltet, und keiner der beteiligten Künstler reagiert auf Email-Nachfragen über ihre weitere Zukunft.

Trotzdem kann man „He will not divide us“ schon jetzt zu den erfolgreichsten Kunstwerken im öffentlichen Raum zählen, die es je gegeben hat – und dass, obwohl die Arbeit gerade mal zwei Monate alt ist und gegenwärtig nicht weiterbetrieben wird. So wie die Busskulptur von Manaf Halbouni vor der Dresdner Frauenkirche nimmt sie der Gesellschaft, in der sie stattfinden, den Puls. Sie dient als Katalysator für Konflikte, die sonst nur über die Medien ausgetragen werden und lässt diese im öffentlichen Raum neu ausagieren. Kein Zeitungsbericht, keine Fernsehreportage während des Wahlkampfes vermittelte ein vergleichbares Bild von der tiefen, hasserfüllten Zerrissenheit der USA.

Gleichzeitig dient die Arbeit als Selbstportrait einer Internet-Generation, für die es offenbar keinen Unterschied mehr zwischen Medienwelt und Realität gibt und wo man keine Verantwortung mehr für das hat, was man tut oder sagt, sei es Holocaustleugung, sei es rassistische Diskriminierungen – ist ja alles nur „for the lulz“.

Wahrscheinlich ohne es zu wissen, haben LaBeouf, Rönkkö & Turner nebenbei auch der Netzkunst, die zuletzt nur noch aus öder, Kunstmarkt-kompatibler „post internet art“ ohne politisches oder aktivistisches Interesse zu bestehen schien, neues Leben eingehaucht. „He will not divide us“ schließt direkt an Höhepunkte des Genres aus den 90er Jahren – wie „Toywar“ von Etoy – an. Und aktualisiert sie für eine Zeit, in der die utopischen Erwartungen an das Internet als herrschaftsfreier Kommunikationsraum ersetzt wurden durch ein Netz, in dem die lautesten und dreistesten Schreihälse mit Shitstorms, Hatespeech und Fakenews den Ton angeben. Schön ist das nicht. Aber offenbar leider eine ziemlich valide Analyse des gegenwärtigen Status Quo.