Horst Herold

Kommissar Computer

Horst Herold, der ehemalige BKA-Chef, war ein Computervisionär und der Vordenker von PRISM und Tempora. Ob er die Methoden des amerikanischen und britischen Geheimdienst billigen würde, darf bezweifelt werden. Heute wird er 90.

Von Tilman Baumgärtel

Horst Herold gibt keine Interviews mehr. Die Pressestelle des BKA (www.bka.de) teilt auf Anfrage mit, dass der ehemalige Chef der Behörde vor einigen Jahren darum gebeten habe, keine Gesprächswünsche von Journalisten mehr an ihn weiter zu leiten. Auch Freunde und ehemalige Kollegen können nicht weiterhelfen: Der Mann, der im “Deutschen Herbst” der wichtigste Kriminalist der Bundesrepublik Deutschland war, möchte sich nicht mehr öffentlich äußern. Heute wird er 90 Jahre alt.

Dabei wäre es interessant zu erfahren, was Herold heute über die Internet-Spionage des amerikanischen und britischen Geheimdienst denkt. Denn er war der Erfinder von genau der Art von computergestützten Fahndungsmethoden, die NSA und GCHQ heute zur globalen Perfektion getrieben haben, wie wir dank Edward Snowden wissen. Möglicherweise haben diese Geheimdienste sich die Rasterfahndung, die Herold entwickelt hatte, sogar zum direkten Vorbild genommen.

Ob er die Methoden von NSA und GCHQ billigen würde, darf allerdings bezweifelt werden. Denn obwohl er der erste war, der die Analyse von “Big Data” zu einer Methode der polizeilichen Ermittlungsarbeit gemacht hat, nahm er die Privatsphäre der Unschuldigen ernst. Auch die Idee von einem Recht auf “automatisches Vergessen”, das heute bei der EU-Datenschutzreform diskutiert wird, hatte er bereits in den 70er Jahren vorweggenommen.

Bis in die Gegenwart hängt dem Franken der Ruf eines Technokraten an. Für die BRD-Linke war er das institutionelle Gesicht der krypto-faschistischen westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, die linke Opposition zu kriminalisieren versuchte. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein: Herold war ein Linker, und seinen Marx hatte er gelesen und verstanden. Seine Biografin Dorothea Hauser nennt ihn eine “Sozialromantiker”.

Als junger Staatsanwalt hatte der ehemalige Frontsoldat Herold in einem Prozess gegen einen Nürnberger Nationalsozialisten erlebt wie dieser der Deportation von Juden freigesprochen wurde, weil eine Zeugin ihn entlastete. Herolds Schluss: Der unzuverlässige Zeugen- sollte durch harte Sachbeweise ersetzt werden.

1964 wurde er Leiter der Nürnberger Kripo, und begann, seine Ideen in die Tat umzusetzen: Um die Polizei bei der Verbrechensbekämpfung effizienter einzusetzen, ließ er ermitteln, wo zu welcher Zeit Straftaten häufig begangen wurden. Mit der Hilfe von Computern, die damals noch die Größe eines Büroraums hatten, errechnete er eine Landkarte der Kriminalität und schickte die Polizeistreifen dort hin, wo erwartungsgemäß Verbrechen passieren würden. Das macht ihm zum Erfinder der “Kriminalgeografie”.

Das Ergebnis dieser Berechnungen: Die Zahl der Straftaten ging dramatisch zurück. In Anlehnung an den italienischen Rechtsphilosoph Cesare Bonesana Graf von Beccaria (1738 – 1794) entwickelte Herold die Vorstellung einer “gesellschaftssanitären Aufgabe” der Polizei. Er wollte “ständig wie ein Arzt... den Puls der Gesellschaft fühlen”, um Verbrechen zu verhindern – mit der Hilfe von Computern. 1968 beschrieb er in einem “Taschenbuch für Kriminalisten" die “organisatorischen Grundzüge der elektronischen Datenverarbeitung im Bereich der Polizei”. Zur dieser Zeit wurde er als der Nürnberger Kripo-Chef, der so schön Marx zitieren konnte, sogar noch von APO-bewegten Studenten zu Diskussionsveranstaltungen an der neu gegründeten Universität in Erlangen eingeladen.

Dank seiner kriminalistischen Erfolge wurde Herold 1971 Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), das er modernisierte und computerisierte – damals ein völlig neues Konzept. Anfang 1972 richtete der “Kommissar Computer” die Datenbank INPOL ein, in der Informationen über Kriminelle zentral gespeichert und abgerufen werden konnten und die über 30 Jahre lang störungsfrei lief. So wurde die Rasterfahndung möglich, die Herold in den 70er Jahren gegen die RAF einsetzte und die ihn vom Bürokraten zu einer Person des Zeitgeschehens machten.

Mit der “Operation Wasserschlag” gelang es ihm im Juni 1972, die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe festzunehmen. Er war auf dem Höhepunkt seiner Polizeikarriere angelangt. In Interviews beschwor er den “enthierarchisierten Wissenstransfer” in der deutschen Bürokratie: In Behörden sollten alle Mitarbeiter den selben Zugriff auf die gespeicherte Informationen haben; jede Art von Verwaltung sollte “gläsern”, transparent sein – eine Forderung, die heute auch die letzten verbliebene Mitglieder der Piratenpartei unterschreiben würden.

Unter Herold setzte das BKA bei der Fahndung nach der RAF die “negative Rasterfahndung” ein, bei der Menschen im Daten-Schleppnetz hängen blieben, die etwas nicht machten. Zum Beispiel ihre Miete per Bankeinzug bezahlen. Als im September 1977 Hanns Martin Schleyer, der Chef der Deutschen Arbeitgeberverbände, in Köln von der RAF entführt wurde, war Herold schnell klar, wo der Entführte versteckt sein musste: In einem anonymen Neubautenblock in der Nähe einer Autobahn in der Nähe von Köln. In dem niemand seine Nachbarn kennt. Von einer Person angemietet, die die Miete und die Stromrechnung bar bezahlte, um nicht identifiziert zu werden.

Und genauso war es auch: Hanns Martin Schleyer war von seinen Entführen in ein Mietshaus in Erfstadt-Liblar im Landkreis Köln untergebracht worden. Schon bald fiel die gegen Barzahlung angemietete Wohnung einem örtlichen Polizeihauptmeister auf, der seinen Verdacht per Fernschreiben an die RAF-Sonderkommission in Köln meldete. Doch die Nachricht ging verloren. Sie befand sich nicht unter den siebzigtausend Hinweisen, die Herold mit dem Computersystem PIOS (Personen, Institutionen, Objekte, Sachen) analysieren ließ. Am 19. Oktober 1977 ermordete die RAF Schleyer nach dem Scheitern der Entführung des Lufthansa-Passagierflugzeugs Landshut in Mogadischu und dem Selbstmord von Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim.

Es war der Anfang vom Ende von Herolds Karriere. Solang er als BKA-Chef Fahndungsergebnisse lieferte, konnte er Interviews sogar sagen, dass der Terrorismus gesellschaftliche Ursachen habe und Baader und Meinhof „ursprünglich hoch moralische Menschen“ gewesen seien. Als er nach dem RAF-Debakel Innenminister Gerhart Baum (FPD) von einer Idee eines “Digitalisierten integrierten Breitband-Sondernetz der Polizei für Sprache, Bild, Daten” (DISPOL) zu überzeugen versuchte, also einer Art Proto-Internet, verließ der Minister nach fünf Minuten den Raum. Die Historikerin Dorothea Hauser, die mit den Buch “Baader und Herold” eine Doppelbiographie des RAF-Terroristen und seines Verfolgers vorgelegt hat (http://books.google.com/books/about/Baader_und_Herold.html?id=DzRnGgAACAAJ), findet heute, dass Innenminister Baum “Herold ins Messer hat laufen lassen”, um sich selbst aus der Verantwortung zu stehlen.

Im März 1981 wurde Herold im Alter von 57 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Weil die Polizeibehörden sich nicht in der Lage sahen, den ehemaligen RAF-Fahnder ausreichend zu schützen, musste er auf eigene Kosten ein Fertighaus in einer ehemaligen Polizei-Kaserne in Rosenheim bauen lassen, wo er bis heute lebt. In seinem vorzeitigen Ruhestand hat er über 500 akademische Artikel veröffentlicht und im Ausland die von ihm entwickelten Fahndungsmethoden propagiert.

Der derzeitige Chef der NSA, Keith Alexander, war von 1974 bis 1979 in Deutschland stationiert, als Herold BKA-Chef war (http://www.zeit.de/2013/28/nsa-chef-alexander-keith). Gut möglich, dass er in dieser Zeit von Horst Herold und seiner Rasterfahndung gehört hat, bevor er als Chef des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes daran ging, solche “Big Data”-Ermittlungsmethoden in großen Stil auf die internationale Telekommunikationsnetzwerke anzuwenden.

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