“Als Carillonneur muß man sein Leben lang den Menschen das Instrument erklären.” Das einzige Live-Konzert am ersten Adventssonntag in Berlin ist vom Carillon im Tiergarten zu hören. Ein Gespräch mit Jeffrey Bossin, dem Berliner Carillonneur Von Tilman Baumgärtel
I: Herr Bossin, wie wird man Carillonneur?
B: Ich habe die University of California, Riverside, besucht, die einen Carillonturm hatte. Das ist bei amerikanischen Universitäten oft Teil des Campus. Und ich war sofort fasziniert davon.
I: Sie wollten also ursprünglich gar nicht Carillon studieren?
B: Nein, ich wollte Musik studieren. Ich kannte das Instrument vorher überhaupt nicht. Es war reiner Zufall, dass ich auf einer Universität war, die gerade eines geschenkt bekommen hatte. Darum gab es einen Universitätscarillonneur. Und der sagte: Wenn Sie möchten, bringe ich Ihnen das einfach bei. Ich habe dann drei Jahre lang eine Grundausbildung gehabt.
?: Und wie sind Sie von Kalifornien zum Carillon im Tiergarten gekommen?
!: Ich war als Austauschstudent in Schottland. Weil ich auf der High-School vier Jahre lang Deutsch gelernt hatte, wollte ich nach Deutschland, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Weil ich mich für neue Musik und moderne Kultur interessierte, bin ich nach West-Berlin gefahren. 1972 bin ich mit zwei Koffern und ein bisschen Geld am Bahnhof Zoo ausgestiegen. Und habe dann mit Nichts angefangen...
I: Sie sind also der typische Berliner, der irgendwann hier aufgeschlagen ist, um sich ein neues Leben aufzubauen.
B: Ja, so war es. Ich habe mein Magister in Musikwissenschaft an der Technischen Universität gemacht. 1984 habe ich dann dem Senat für kulturelle Angelegenheiten den Bau eines Carillonturms vorgeschlagen, das waren drei Jahre vor der 750-Jahr-Feier Berlins.
I: Und der Senat hat Ihnen einen gebaut? Das ist ja toll...
B: Ich habe historische Argumente vorgebracht: König Friedrich I. wollte bereits 1694 ein Carillon für das Berliner Stadtschloss und beauftragte den Architekten Andreas Schlüter einen 92 Meter hohen Turm dafür zu errichten. Aber der Bau stand auf einer Sandlinse, die ihn nicht trug und musste wieder abgerissen werden. Danach schenkte Friedrichs Sohn, König Friedrich Wilhelm I., der Parochialkirche das Carillon.
Der König war so begeistert davon, dass er dann ein zweites Instrument in der Potsdamer Garnisonkirche installieren ließ. Es gab hier also von Anfang des 18. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg zwei richtig von Hand gespielten Carillons, und wir hatten eine eigene Carillontradition. Und da sie durch die Zerstörung der Instrumente im Zweiten Weltkrieg mit verloren gegangen war, schlug ich dem Senat vor, sie wiederzubeleben.
I: Das klingt so, als ob das ein reibungsloser, einfacher Prozess war. Das kennen wir in Berlin eigentlich nicht.
B: Erst hieß es natürlich: Wir haben keine Zeit. Wie haben kein Geld, um einen Turm zu bauen. Und alle bereits vorhandene Türme waren an verkehrsreichen Orten. Der Bürgermeister von Charlottenburg wollte das Carillon im Turm seines Rathauses haben. Aber da hätte es der Verkehrslärm von der Otto-Suhr-Allee übertönt.
Ich habe dann eine Rundfunksendung über das Carillon geschrieben. Die wurde vom SFB ausgestrahlt. Ich habe das auf Kassette aufgenommen und den Mitgliedern des Komitees in die Hand gedrückt, die die 750-Jahr-Feier organisierten. Und die haben diese Kassette nach Hause genommen und sie tatsächlich angehört. Und plötzlich schlug die Stimmung um, und alle wollten das Carillon.
I: Es erscheint unglaublich, dass ein einziger Mensch ohne Lobby so eine Idee durchsetzen kann.
B: Das Verrückte an dem Projekt war, dass nur ich und der Glockengießer genau wussten, worum es sich dreht. Die Stadtverwaltung und alle anderen Leute, die daran beteiligten waren und sich tot arbeiteten, wussten eigentlich überhaupt nicht, was sie da bauten.
I: Wie erklären Sie sich, dass Sie damit durchgekommen sind?
B: Das war einfach ein Wahnsinnsglückstreffer. Ich war der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Ich dachte jede Woche: Jetzt kommt eine Situation, wo das Ganze zusammenbrechen könnte. Aber es ist tatsächlich realisiert worden, trotz der vielen Schwierigkeiten beim Bau. Und wenn man sich heute überlegt, was von der 750-Jahr-Feier im Nachhinein geblieben ist, dann sind das eigentlich das Carillon und der Skulpturenboulevard. Alles andere ist verpufft und schon längst vergessen. Aber am Carillon haben die Leute immer noch große Freude.
I: Kann man sagen: Dieses Carillon ist Ihr Lebenswerk?
B: Ja. Da ist mir wirklich etwas gelungen. Es gibt andere Carillonneure, die haben kleine Instrumente geschafft oder größeren renoviert. Aber das ist eins der wenigen Instrumente, die wirklich aus dem Nichts geschaffen wurden...
I: ...und das sie bis heute im Alleingang betreiben und spielen...
B: Ja, ich gehe ganz alleine auf den Turm. Ich habe keine Mitarbeiter, die ich anstecken könnte, und deshalb kann ich trotz der Pandemie weiterspielen. Beim ersten Lockdown durften die Leute ja im Park spazieren gehen und konnten den Konzerten zuhören. Seit 2017 werden die Konzerte auch live bei YouTube übertragen, so dass man sie auch zu Hause anschauen kann.
I: Hat das Publikum denn während des Lockdowns zugenommen?
B: Wenn ich oben bin und spiele, sehe ich die Leute unten nicht. Weil das Instrument mitten im Regierungsviertel steht, gibt es sehr viel Laufpublikum, auch Leute, die das Carillon überhaupt nicht kennen. Aber wenn es anfängt zu spielen, dann kommen sie zum Turm, um zu sehen, was da passiert. Diesmal fehlten die Touristen.
Als es gebaut wurde, war das Berliner Carillon das größte und schwerste Carillon Europa. Aber es gibt bis heute viele Berliner, die es trotzdem nicht kennen. In Berlin hat man natürlich auch eine Riesenkonzkurrenz. Es gibt drei Opernhäusern und fünf Sinfonieorchestern, da kann man immer auch woanders hingehen.
I: Ist das Carillon denn vergleichbar mit dem Sinfonieorchester oder der Oper?
B: Das Carillon ist wirklich ein Sonderfall. Es entstand um 1500 in Flandern und war ein wichtiger Teil der Stadtkultur, die damals auf der offenen Straße stattfand. Im 19. Jahrhundert verlagerte sich dann das Musikleben in geschlossene Räumen, in die Konzertsälen und Opernhäusern. Es entstand das bürgerliche Konzertleben. Da blieb das Carillon halt draußen.
I: Wie viele von diesen Instrumenten gibt es überhaupt auf der ganzen Welt?
B: Etwa 700, und die sind alle sehr unterschiedlich. Ein Carillon muss mindestens 23 Glocken und zwei Oktaven haben. Die zwei größten Carillons der Welt stehen in den USA und Südkorea und haben jeweils 77 Glocken.
Bis heute hat noch fast kein normaler Musikverleger Carillon-Musik verlegt, weil er einfach zu wenige Exemplare davon verkauft würde. Komponisten lernen nichts über das Instrument während ihrer Ausbildung, weil es nicht zum normalen Musikbetrieb gehört und weil man durch das Komponieren von Carillonmusik kaum Geld verdient.
I: Nach was für Noten spielen Sie dann?
B: Es gibt sehr wenige Noten für Carillon aus der Zeit vor 1900, weil bis dahin die Carillonneure bekannte Melodien aus dem Stegreif beim Spielen für ihr Carillon umgearbeitet haben. Die meisten Noten aus dieser Zeit sind für automatischen Spielvorrichtungen oder Bearbeitungen populärer Lieder und kleiner Klavierstücke.
Der Carillonneur Matthias van den Gheyn, der im 18. Jahrhundert in Leuven in Flandern lebte, schrieb elf Präludien nur für das Carillon. Die basieren auf der besonderen Spielweise und dem Klang des Instruments. Sie sind sehr virtuos und gehören heute zum Repertoire eines jeden Carillonneurs. Aber das ist eine große Ausnahme. Sonst spiele ich eigene Bearbeitungen beliebter Melodien, Kirchenchoräle und klassischer Werke wie Mussorgskis “Bilder einer Ausstellungen”. Es gibt auch moderne Carillonstücke, von denen ich rund siebzig uraufgeführt habe, davon mehrere für Carillon und Elektronik.
I: Was sind denn die spezifischen Eigenschaften von diesem Instrument?
B: Das Carillon besteht aus Glocken, die nach dem Anschlag nicht gedämpft werden, sondern einfach ausklingen. Es gibt also einerseits die Schlagtöne, die kurz und sehr laut sind, und dann im Hintergrund so einen lange nachklingenden Klangteppich, weil die Glocken nach dem Anschlag nicht gedämpft werden, sondern einfach ausklingen. Das kann die Leute durcheinander bringen, weil beide sich überlagern.
I: Wie spielt man das Carillon eigentlich? Mit den Fäusten, oder?
B: Ja. Man schlägt die Tastenstöcke mit geballten Fäusten nieder. Die schweren Klöppel der großen Glocken werden bewegt, indem man mit den Füßen auf die Pedale tritt. Je nachdem, wie schnell und wie stark man die Tasten niederschlägt, kann man auch laut and leise spielen. Bei einem normalen Tasteninstrument wie dem Klavier ist der Tastendruck immer gleich. Ich brauche mehr als acht Kilo an Druckkraft, um das Pedal der größten, acht Tonnen schweren Glocke zu bewegen. Es hat also keinen Sinn im Bass lange schnelle Passagen zu spielen, weil die Glocken dann so lange nachklingen, dass nur ein Klangbrei dabei rauskommt.
I: Haben denn alle Carillons die selbe Klaviatur?
B: Wir haben nach fünfhundert Jahren endlich einen Weltstandardspieltisch entwickelt. Aber es gibt bei älteren Instrumenten noch sehr unterschiedliche Tastaturen. Und auch die Größe des Instruments ist sehr variabel. In Berlin können Gastcarillonneure sich deshalb eine halbe Stunde lang vor ihrem Konzert in das Instrument einspielen.
I: Danach wollte ich gerade fragen: Wie übt man eigentlich auf dem Carillon? Hört da immer zwangsläufig die ganze Nachbarschaft zu?
B: Nein, es gibt Spieltische zum Üben, die statt Glocken Klangplatten wie ein Xylophon haben oder die Töne elektronisch erzeugen.
?: Haben Sie so ein Übungsinstrument?
!: Ja. Es steht in meinem Schlafzimmer. Das ist da das Letzte, was ich sehe, wenn ich einschlafe, und das Erste, was ich sehe, wenn ich morgens aufwache. Aber weil der Klang und das Gefühl im Turm anders ist, übe ich mein Sonntagskonzert meistens am Samstagvormittag, wenn der Tiergarten nicht so belebt ist.
I: Das sieht in ihren Youtube-Videos fast ein bisschen wie Schlagzeugspielen aus...
B: Es ist schon eine körperlich anstrengende Tätigkeit. Man klimpert sich da eigentlich nicht ins Grab wie Horowitz und Rubinstein. Irgendwann sagt einem der Arzt: Dieses Treppensteigen und dieses Herumgehämmere an den heißen Sommernachmittagen, das wollen wir doch lieber sein lassen.
I: Sie spielen aber mit siebzig noch regelmäßig…
B: Ich hatte einen Kollegen, der hat gespielt, bis er über achtzig war. Aber der hatte einen Turm mit Aufzug.
I: Wenn Sie im Sommer am Sonntag Carillon spielen, dann gibt es ein richtiges, kuratiertes Programm mit klassischer Musik, Volkslieder und Musik, die zur Jahreszeit passt. Am 3. Oktober haben Sie zum Beispiel die Nationalhymne und Herbstlieder gespielt, aber auch Mussorgski. Sie konzipieren jedes mal neu. Man hört nie dasselbe…
B: Wenn ein Carillonkonzert gespielt wird, kriegt man ein ganz gemischtes Publikum. Es gibt Leute, die wollen ihre Lieblingslieder hören. Andere Leuten mögen Mozart. Darum mache ich gemischte Programme mit ein bisschen von allem. Die Programme kann man auch im Voraus auf der Website anschauen, um zu sehen, was da gespielt wird. Man kann sie zuhause ausdrucken oder bei dem Konzert aufs Smartphone schauen. Ich lege auch unten immer welche hin. Es gibt auch einen Schaukasten, wo die Zuhörer das Programm abfotografieren können.
I: Gibt es Fans? Also Leute, die jedes Mal kommen? Oder hat man es eher mit Passanten zu tun, die zufällig vorbeikommen und stehenbleiben?
B: Es ist ganz gemischt. Es gibt Leute, die ich immer sehe. Und dann gibt es Laufkundschaft, die einfach in der Gegend sind. Ich weiß vorher nie, wie gut ein Konzert besucht wird. Manchmal sehe ich von oben ganz wenige Leute. Manchmal applaudieren die Leute so laut, dass ich es oben am Spieltisch höre.
Vor Corona habe ich nach dem Konzerten auch Turmführungen angeboten, das Instrument gezeigt und erklärt, weil es einfach so selten ist. Beim Carillon hört man zwar diese Wahnsinnsmusik, aber man sieht nichts. Die Glocken bewegen sich nicht, man sieht den Spieler nicht. Als Carillonneur muß man deshalb den Menschen sein Leben lang erklären, wie das Instrument gespielt wird.
I: Sie sind jetzt seit 1987 der Carillonneur im Tiergarten. Wird man dessen nicht irgendwann müde?
B: Nein, nein. Das ist meine Leidenschaft. Ich versuche, mich immer weiterzuentwickeln, also immer neue Stücke zu bearbeiten und neue Werke zu lernen. Ich freue mich einfach, dass ich da immer weiterarbeiten kann. Ich werde, obwohl ich seit über dreißig Jahren tätig bin, immer noch als Freiberuflicher auf Honorarbasis beschäftigt, habe aber dafür mein Idealinstrument, worauf ich wirklich alles machen kann.
I: Sie haben ja gesagt, das Carillon ist ein Instrument, mit dem man nicht alt wird. Was passiert, wenn Sie nicht mehr weiter wollen oder können?
B: Das weiß ich nicht. Als der Turm gebaut wurde, sagte ich: Es sollte nicht Beine sondern es einen geschlossenen Umriss haben, damit auf den tieferen Etagen Räume für ein Übungsklavier und für eine Bibliothek gebaut werden können. Da würde mir gleich gesagt: ´Ach, Herr Bossin, Sie wollen sich da bloß eine Wohnung einrichten. Sie sollen nur hochgehen und spielen.´ Da ist nicht mal eine Toilette. Der Übungsspieltisch gehört mir selber und ich habe keine Möglichkeit, jemanden auszubilden und keine Räume dafür. Als Freiberuflicher muß mein Vertrag ja immer verlängert werden.
I: Hätten Sie denn gerne einen Nachfolger? Oder ist das Carillon für sie so ein Herzensprojekt, dass Sie das eigentlich am liebsten für immer für sich behalten würden?
B: Es es ist zwar eine Tätigkeit, von der man nicht leben kann. Aber ich möchte weiterspielen, so lange wie ich das kann, weil ich große Freude daran habe, den Berlinern diese besondere Kunst nahe zu bringen und weil es niemanden in der Stadt gibt, der das Instrument sonst spielen könnte. Danach muss man einfach mal sehen.