Ein Direktor? Wie ein Direktor sieht Andy Müller-Maguhn nun wirklich nicht aus. Das steil gen Himmel stehenden Punkhaar hat er zwar vor einigen Jahre durch einen gemäßigteren Kurzhaarschnitt ersetzt, aber ansonsten sieht man ihn seit zehn Jahren in der gleichen Kluft: meist eine leicht aus der Form geratene Trainingsjacke, etwa

Das ist seine Arbeitsbekleidung, denn Andy Müller-Maguhn ist Hacker. Als solcher muss er demonstrative Verachtung für allzu schmückende Bekleidung an den Tag legen - auch wenn er jetzt aussichtsreicher Kandidat für einen viel beachteten Posten mit internationaler Bedeutung ist: Andy Müller-Maguhn hat sich als Direktor

Das Gremium, das viele als "Netzregierung" bezeichnen, soll Entscheidungen über die technische Entwicklung des Internets treffen - zum Beispiel darüber, welche neuen WWW-Adressen in den nächsten Jahren eingeführt werden. Für Müller-Maguhn sind derartige Fragen keineswegs technische Spezialitäten: "Ich habe nichts dagegen, wenn das Internet für kommerzielle Zwecke benutzt wird. Aber ich habe viel dagegen, wenn das Netz nur noch für kommerzielle Zwecke benutzt wird. Das Internet ist ein öffentlicher Raum, und der sollte erhalten werden", sagt er.

Würden sich in der Icann große(Fortsetzung Seite 2) Müller-Maguhn, Fortsetzung v. S. 1 ---Firmen mit ihren Interessen durchsetzen, könnte es zum Beispiel passieren, dass Internet-User ihre Domain (Adressen wie www. berlinonline. de) verlieren, weil sie zufällig ein Wort enthalten, das irgendwo auf der Welt als Markenname geschützt Das wäre eine Verletzung des Rechts auf freie Meinungsäußerung findet Müller-Maguhn, der sich für "den freien Fluss der Information und das Recht auf weltweite Kommunikation für alle" einsetzen will.

Seit zehn Jahren ist Andy Müller-Maguhn in Deutschland der Hacker der Nation. Als Beruf gibt er zwar "freier Berater und Journalist" an, aber seine eigentliche Profession ist es, als ehrenamtlicher Sprecher des ChaosComputerClubs (CCC) in der öffentlichen Debatte die Rolle des Hackers zu übernehmen.

Wenn das Fernsehen einen Computerexperten braucht, der nicht redet wie ein Computerexperte; wenn eine Medienkonferenz jemanden einladen will, der ein langweiliges Panel aufmischt; wenn das Innenministerium einen Internet-Berater sucht, den man auch Bei ihm kann man nicht nur sicher sein, dass man fachlich einwandfreie Auskünfte erhält, sondern auch, dass diese mit Hacker-Sinn für Humor erteilt werden und von ausgeprägten radikal-demokratischen Überzeugungen geprägt sind.

Müller-Maguhn wäre ein cooler Kandidat für den Posten eines Icann-Direktoren. Ob er es wirklich wird, hängt vom Verlauf des verwirrenden Wahlverfahrens ab. Bisher haben ihn die Icann-Wähler erst zum Kandidaten gemacht. Knapp 3 000 Unterstützer, viele von ihnen aus dem Ausland, hatten sich bis Redaktionsschluss für Müller-Maguhn ausgesprochen. Wenn die Kandidatenkür in der Nacht auf Sonnabend um Mitternacht mitteleuropäischer Zeit vorbei ist, dürfte er die anderen 72 europäischen Icann-Aspiranten weit hinter sich gelassen haben.

In der eigentlichen Wahl im Oktober muss er sich dann gegen den Kandidaten der amerikanischen Icann-Vorsitzenden Esther Dyson durchsetzen: Winfried Schüller, ein fader, Interviews verweigernder Telekom-Manager. Das sollte Müller-Maguhn nicht schwer fallen.