Nam June Paik // Der Koreaner Nam June Paik (*1932) gilt als "Vater der Videokunst". Weniger bekannt ist, dass er schon in den siebziger Jahren ein Massenmedium wie das Internet vorhersagte.

In einem Aufsatz für die Rockefeller Stiftung beschrieb er einen "Information Superhighway", der Computer in ganz Amerika miteinander verbinden sollte. "Der Bau von elektronischen Superhighways in den USA würde so viel kosten wie die Mondlandung, hätte aber viel größere wirtschaftliche Vorteile", schrieb er damals.

In den achtziger Jahren experimentierte er mit Satellitenübertragungen; heute arbeitet er mit Laser. Jetzt sind sieben seiner Video-Installationen in der Berliner Nikolaikirche zu sehen. Eine Rezension der Ausstellung steht auf Seite 12.

PRIVAT (2) Video-Pionier Nam June Paik in traditioneller koreanischer Tracht; rechts unten seine Skulptur "Internet Dweller" von 1994.

Der koreanische Videokünstler Nam June Paik lebt in New York, doch den Winter verbringt er in Florida. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er nicht nach Berlin zur Eröffnung seiner Ausstellung in der Nikolaikirche kommen, gab aber per Telefon ein Interview.

Hallo, Herr Paik! Ich rufe Sie wegen eines Interviews für die Berliner Zeitung an...

Von wo rufen Sie an? Aus Berlin?

Ja, für die Berliner Zeitung...

Berlin ist jetzt aufregend, nicht? Ich war das letzte Mal in Berlin, als Christo den Reichstag eingepackt hatte. Damals habe ich ein ostdeutsches Trabant-Auto gesehen. Ich habe sogar eins angefasst. Ein sehr schönes Auto. Wissen Sie, wie viel die jetzt kosten?

Ich schätze, zwischen 800 und 1 000 Mark...

Oh, das ist billig, sehr billig! Ich möchte den Trabant in einer Ausstellung mit dem Titel "Eurasian way" benutzten. In der soll es um Eurasien gehen. Das ist die Weltregion zwischen Finnland, dem ehemaligen Ostblock und der Mongolei, aus der die Vorfahren der Koreaner kamen.

Ich habe meinen Assistenten nach Rußland geschickt, um für diese Ausstellung Sachen aus der ehemaligen Sowjetunion zu kaufen. Die DDR gehörte auch zu diesem eurasischen Weltteil, darum will ich den Trabant in die Ausstellung mit einbeziehen. Die meisten Amerikaner haben noch nie von diesem Auto gehört, darum müsste es interessant für sie sein... (Klick! Die Verbindung ist unterbrochen. Neuer Anruf.)

Komisch, dass ausgerecht bei einem Telefonat mit einem Künstler wie Ihnen die Technik versagt - schließlich geht es in Ihrer Kunst um Technologie und Telekommunikation.

Ja, aber darum weiß ich auch, dass die Technologie dauernd zusammenbricht. Da wird man irgendwann gelassen.

Ihre Kunst hat viel mit dem kreativen Missbrauch von Technologie zu tun. Bei Ihrer Arbeit "Participation TV" können die Zuschauer das Bild auf dem Monitor mit einem Magneten verzerren. Mit Ihrem Video- Synthesizer von 1972 konnte man bewegte Bilder manipulieren...

Der Video-Synthesizer war sozusagen der Anfang des Internets...

Wieso?

Weil es mit ihm möglich war, selbst Inhalte für elektronische Medien zu produzieren, so wie man das jetzt auch im Internet tun kann. Es ist sehr wichtig, selbst Medien zu machen. Das ist durch den PC und das Internet viel einfacher geworden. Jetzt ist von Geräten die Rede, die halb Fernseher, halb Computer sind und hunderte Fernsehsender empfangen können. Wenn es das gibt, beantrage ich eine Fernsehlizenz und mache einen Sender, der den ganzen Tag meine Videokunst zeigt.

Nur wenige Leute wissen, dass Sie den Terminus "Information Superhighway" geprägt haben...

Ich habe mir den Ausdruck ausgedacht, als ich 1974 eine Studie für die Rockefeller-Stiftung geschrieben habe. Ich dachte, wenn man einen Highway schafft, dann wird auch irgendjemand die Autos dazu erfinden. Das ist Dialektik. Wenn man sich elektronische Autobahnen ausdenkt, muss auf ihnen auch etwas stattfinden.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich wusste, dass irgendetwas in dieser Richtung passieren würde. 1958 und 1959 habe ich elektronische Musik für den WDR gemacht, und darum viel Zeit im Sender verbracht. Deswegen war ich mit solchen Telekommunikationsmedien vertraut.

Und jetzt? Arbeiten Sie selbst mit Computern? Surfen Sie im Internet?

Ich habe eine kleine Site im WorldWideWeb. Aber ich bin jetzt 68, und seit meinem Schlaganfall vor drei Jahren werden meine Augen immer schlechter. Ich kann die kleinen Buchstaben auf dem Monitor nicht mehr lesen. Und ich habe nie gelernt, wie man auf einer Tastatur schreibt.

Ich glaube, dass wir bewegte Bilder im Internet brauchen, die größer sind und in Echtzeit verbreitet werden. Im Augenblick gibt es nur sehr kleine Videobilder, und es dauert eine Viertelstunde, bis man etwas heruntergeladen hat. Aber wenn erst einmal Fiberoptik-Kabel um die Welt gelegt werden, wird es auch bewegte Bilder im Netz geben. Und dann wird das Internet sehr aufregend werden.

Aber auch ohne bewegte Bilder benutzen viele Leute das Internet, um miteinander zu kommunizieren...

Das interessante am Internet ist, dass man mit anderen Leuten auf der ganzen Welt kollaborieren kann. Das ist so ähnlich wie bei einem Streichquartett, bei dem vier Musiker zusammenspielen. So was kann man auch per Internet tun. Und aus so einer Zusammenarbeit können ganz neue Dinge entstehen.

Ich glaube, dass das Internet endlich in China die Revolution auslösen wird. Das Internet ist eine große Hoffnung für alle Menschen, die in den Ländern leben, die immer noch kommunistisch sind. Alle Chinesen werden einen Computer und Internetzugang wollen, und dann werden sie auch die Freiheit wollen. Also hat sich George Orwell doch geirrt, als er "1984" schrieb. Er hat das Internet nicht vorausgesehen.

Viele Ihrer ehemaligen Studenten arbeiten jetzt als Künstler mit dem Internet...

Ja, das ist gut. Ich glaube, dass das Internet ein sehr wichtiges Medium für die Kunst ist. Es gibt eine ganz neue Videokunst im Internet. Die verschiedenen Kunstformen verschmelzen: Literatur, Grafik, Musik, Video. Das Internet macht eine neue Kunstform möglich, die Internetkunst.

Wollen Sie selbst Kunst für das Internet schaffen?

Nein, ich bin jetzt alt. Ich brauche nicht alles in der Welt zu machen, und dann ist es vielleicht nicht mal gut. Wenn man zu perfekt ist, wird der liebe Gott böse. Ich muss bescheiden sein. Aber für junge Leute ist das Internet sehr gut.

Würden Sie jungen Künstlern raten, heute noch mit Video zu arbeiten?

Als Videokünstler hat man seine ganze Vergangenheit in der Tasche. Das ist gut. Video ist eine Art Zeitmaschine. Man hat all diese Bänder, und man kann sich seine schöne Vergangenheit ansehen. Das ist ein Privileg, das früher nicht einmal Könige und Pharaonen hatten.

Als Sie in den sechziger Jahren angefangen haben, mit Video zu arbeiten war diese Technolgie teuer und schwierig zu bedienen. Heute ist der Zugang zu Hightech viel leichter geworden. Wie denken Sie darüber?

Das ist wie ein wahr gewordener Traum! Die erste Fernsehkamera war von Grundig und kostete 5 000 Mark. Das waren zwei Monatsgehälter eines Professors. Jetzt kann man eine ganze Videoausrüstung für 1 000 Mark kaufen. Ich habe einen Macintosh G4 Computer, um meine Videos zu bearbeiten. Ein Assistent von mir sitzt den ganzen Tag an diesem Rechner, und selbst er kann nicht alle seine Möglichkeiten ausloten.

Ich habe gehört, dass Sie jetzt mit Laser arbeiten...

Ja, ich will im New-Yorker Stadtteil Queens eine Laserkathedrale für John Cage errichten. Dort können wir seine Musik aufführen und per Satellit in der ganzen Welt ausstrahlen.

2012 wäre der hundertste Geburtstag von Cage, und ich möchte gerne die Carnegie Hall mieten und ein großes Festival für ihn organisieren. Ich will, dass eine Gruppe in Köln spielt, und ich mache per Satellit in New York mit. Und vielleicht gibt es auch noch andere Teilnehmer in Berlin oder in Seoul oder in Moskau.

Was interessiert Sie an der Arbeit mit Laser?

Laser hat eine Art neuer Mystik, einen ganz besonderen psychologischen Effekt auf den Betrachter. Seit ich den Schlaganfall hatte, fühle ich mich, als sei ein Teil von mir schon in einer anderen Welt. Laser hat eine Verbindung zu einer spirituellen Sphäre. Es ist eine Art Fortsetzung von Videokunst. Und das Gute daran ist, dass man Laser nicht im Fernsehen zeigen kann.

Das Gespräch führte Tilman Baumgärtel.