NFT for Zen
Ich habe ein NFT-Kunstwerk gekauft – und es war ein Alptraum.
NFTs werden zur Zeit als eine Hoffnung für die digitale Kunst dargestellt. Dabei wird oft der Eindruck erzeugt, dass es damit nun eine Methode gibt, digitale Kunstwerke, die zuvor auf dem Kunstmarkt keinen leichten Stand hatten, zu verkaufen wie Gemälde oder Skulpturen. Das ist nicht so, wie ich nun am eigenen Leibe erfahren habe. Um ein NFT zu kaufen, muss man sich bei Börsen für Kyptowährungen anmelden, neue Bankkonten anlegen, seinen Personalausweis für Fremde vor die Webcam halten und merkwürdige Zahlen- und Buchstabenkombinationen aus einer unübersichlichen Tabelle ablesen. Es ist ein umständlicher, langwieriger und nerviger Prozess.
Aber zunächst mal für alle, die gerade erst zugestiegen sind: NFT steht für Non-Fungible Token, also ein einmaliges Zertifikat. Es ist ein Stück Hexedezimalcode, den man mit einer Kryptowährung wie Bitcoin oder Ether erwerben kann und das als Beweis für die Originalität zum Beispiel eines digitalen Videos, eines Memes oder einer GIF-Animation betrachtet wird, weil diese Hexadezimalzeichenfolge in der Blockchain, einem dezentralen, internetbasierten Verzeichnis eingetragen ist.
Sind noch alle an Bord? Das war - für alle, die die letzten Monate unter einem Stein verbracht haben – zuletzt die große Hoffnung für alle Künstler, die zuvor tendenziell unverkäufliche Werke schaffen. Das Auktionshaus Christies und diverse Privatgalerien, überforderte Sammler und individuelle Künstler aus meinem Bekanntenkreis versuchen seither, diese neue Hoffnung des Kunstmarkts zu verstehen oder im besten Fall lukrative Deals abzuschließen.
Die Popsängerin Grimes konnte so – scheinbar – die Eigentumsrechte an ein paar quatschigen Musikvideos an Sammler für Millionensummen verkaufen. Der Grafiker Beeple verkaufte gar sein Lebenswerk für knapp 70 Millionen Dollar in der Kryptowährung Ether an einen Geek in Singapur. (Beeple war schlau genug, seinen Verdient umgehend in Dollar umzutauschen – wir werden darauf zurück kommen.)
Auf jeden Fall gilt: Wenn so viele Leute so viel Geld für praktisch nichts ausgeben oder erhalten - zum Beispiel für die potthässlichen Videos von Holly Herndon and Mat Dryhurst – dann müsste es doch auf jeden Fall für alle klar sein, dass es sich hier um ein absolut integres Geschäftsmodell handelt. Sowas ähnliches wie die Email-Angebote für „absolut krisensichere Investitionen“ oder andere Schneeballsysteme? Oder?
Ich persönlich schreibe seit einem Vierteljahrhundert über digitale Kunst. Seit meinen beiden Büchern „net.art“ und „net.art 2.0“ kenne und beschreibe ich das Problem, dass Künstler, die im Internet oder mit digitalen Medien arbeiten, Schwierigkeiten haben, diese Arbeiten auf dem Kunstmarkt zu platzieren. Das hat unter anderem damit zu tun, dass digitale Dateien in der Regel leicht kopierbar sind und es deshalb kein auratisches Original gibt, sondern nur tendenziell endlose Kopien und Kopien von Kopien.
Manche Digitalkünstler unterrichten darum an Kunstakademien oder schaffen auch leichter verkäufliche, traditionelle Kunstwerke, um mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen. Schon lange vor dem Aufkommen der NFTs gab es aber Künstler, die tatsächlich digitale Kunst verkaufen konnten. Schon Ende der 90er Jahre gründete die russische Netzkünstler Olia Lialina eine Verkaufsgalerie für Netzkunst; der holländische Künstler Raffael Rozendaal – der zuletzt einige seiner Arbeiten auch als NFT verkauft hat – hat schon seit Jahren einzelne Websites an Sammler verkaufen. Denn eine Website hat eine eigene, einmalige Adresse, die nicht reproduziert hat; Rozendaal veröffentlicht den Namen des Besitzers auch auf der entsprechenden Kunst-Seite. Andere Künstler haben mit den Käufern ihrer Werke Verträge abgeschlossen oder ihnen Echtheitszertifikate ausgestellt, die ihren Besitz aktenkundig macht.
Dafür braucht man also nicht unbedingt eine digitale Methode, um die Originalität eines digitalen Kunstwerks zu attestieren – zumal auch die Registrierung in der Blockchain keineswegs den Ewigkeitswert haben muss, der ihr immer unterstellt wird. Wie lange es diese digitalen Verzeichnisse gibt und ob sie wirklich haltbarer ist als ein Vertrag auf Papier, weiß im Grunde niemand. Die lebensweltliche Erfahrung mit Computer zeigt vielmehr, dass Betriebssysteme und Software, Internetverzeichnisse und digitale Dokumente oft schnell veraltet sind.
Ich gönne es also jedem Netz- und Computerkünstler, dass es nun ein neues und angesagtes Verfahren gibt, mit ihren alten Arbeiten plötzlich Geld zu verdienen – oft sogar sehr viel. Ich persönlich hatte aber solche Käufe für jedoch ausgeschlossen. Doch dann erschien in meiner Twitter-Timeline der Hinweis auf die Arbeit „Zen for NFT“ des Münchner Künstlers Volker Mühlenhoff, der eine Arbeit geschaffen hatte, die sich tatsächlich mit der technischen Struktur von NFTs beschäftigte. Solche Arbeiten, die die technischen Bedingungen ihrer Existenz untersuchen und kritisch in Funktionsweise neuer Medien intervenieren, waren der Grund, warum ich mich überhaupt für Netzkunst interessiere. Ich nahm mit dem Künstler Kontakt auf, um die Arbeit zu erwerben.
„NFT for Zen“ existiert bei der NFT-Börse Openseas in der Gesellschaft von kleinen Animationen und digitalen Bildern, die von einer Armee von frischgebackenen Künstlern geschaffen werden, die sich am derzeitigen NFT-Boom zu partizieren. Die meisten von ihnen können kaum banaler sein: Manga-artige Gesalten und Landschaften wie aus einem Fantasy-Epos, Comic-Figuren und kleine Wackel-Animationen. Mühlhoff aber hat gar kein Bild geschaffen, sondern bei Openseas eine Datei hochgeladen, die zwar wie eine Bilddatei aussieht, aber keinerlei Daten enthält. Wenn man sich das auf der Plattform ansehen will, versucht diese ein Bild anzuzeigen – das es überhaupt nicht gibt. Stattdessen sieht man lediglich einen „Throbber“, also einen kleinen, rotierenden Kreis, der anzeigt, dass da etwas geladen wird – so ähnlich wie bei YouTube, wenn das Video geladen wird.
Ich habe also im Grunde nichts gekauft – wie übrigens auch alle anderen NFT-Inhaber. Ich besitze lediglich ein Stück Code, das beweist, dass mir diese leere Datei gehört. Der Titel „Zen for NFT“ bezieht sich auf eine historische Arbeit von Nam Jun Paik: „Zen for film“ (1963), ein Film ohne Bilder, der durch seine Vorführung im Projektor langsam zerkratzt wird, wodurch das projizierte Nichts mit Spuren seiner physischen Existenz markiert wird.
Auch meine Arbeit beginnt langsam Spuren der Zeit zu zeigen. Wohl weil immer Hintergrund immer weiter an der Programmierung der Plattform gearbeitet wird, verändert sich auch die kleine Animation immer wieder: der rotierende Kreis wurde in den zwei Monaten, seit ich die „besitze“, bereits kleiner, dann wieder größer, aktuell wird oben und unten ein Teil des Kreises abgeschnitten. Das „ewig“ digitale Kunstwerk zeigt bereits Spuren seiner Zeitlichkeit.
Um als Inhaber dieses Werks zu gelten und es nun auf meinem Smartphone staunenden Kunstfreunden zeigen zu können (die „bragging rights“ über den Besitz eines NFTs dürften der Hauprgrund sein, warum Leute sich solche Werke zulegen, dürfte der Hauptgrund für ihren Erfolg sein) musste ich ein anstrengendes Verfahren über mich ergehen lassen. Zunächst musste ich mich bei einer Börse für Kryptowährungen anmelden – denn bei Openseas kann man nur mit dem Digitalgeld Ether bezahlen. Um Ether zu kaufen, musste ich wiederum ein Konto bei der Online-Bank eröffnen, mit der die Kryptobörse zusammenarbeitet – inklusive einer Online-Videokonferenz, bei der ich einer schemenhaften Gestalt am anderen Ende meinen Personalausweis zeigen musste, um meine Identität zu bestätigen. Der Vorgang hatte etwas dezidiert anrüchiges.
Dann musste ich Geld von meinem Bankkonto auf das neue Konto überweisen, um Ether erwerben zu können. Da der Kurs der Kryptowährung in dieser Zeit dauernd kletterte, stieg auch der Preis für die 0,1 Ether, die ich benötigte, um „Zen for NFT“ zu erwerben. Ich musste mehrfach Geld nachschießen, bis ich endlich genug Mittel hatte, um ein Zehntel Ether bei einem mir persönlich unbekannten, namenlosen Trader mit einem Bankkonto bei der Stadtsparkasse Villingen zu erwerben – denn Kryptowährungen werden nicht von den Kryptobörsen selbst angeboten. Sie sind vielmehr nur Vermittelungsplattformen, auf denen die Inhabern von Kryptogeld dieses zu ständig nach Angebot und Nachfrage wechselnden Kursen hin- und herverkaufen. Zum Schluss musste ich noch ein „Wallet“, also eine virtuelle Geldbörse, bei Metamask anlegen, um bei Openseas Digitalkunst shoppen zu können. Um diese Transaktionen zu sichern, war ein Wust von Passwörtern und per SMS aufs Handy geschickten PINs notwendig. Sollte ich eins dieser Passwörter vergessen und die Datei, in der es verzeichnet ist, verbaseln, ist alles futsch. Ob Metamask, Openseas oder die Kryptobörse noch im kommenden Jahr existieren, weiß natürlich kein Mensch.
Als Investition war das Ganze übrigens ein schlechtes Geschäft: Seit meinem Kauf ist der Kurs von Ether, mit dem mein Werk untrennbar verbunden ist, dramatisch gesunken. Es gab zwar schon einen Kaufinteressenten, der mir 0,15 Ether für „NFT for Zen“ geboten hat. Ich bin darauf aber nicht eingegangen. Lieber gucke ich weiter zu, wie sich ein kleiner rotierender Kreis in meinem Browser gelegentlich etwas ändere und freue mich, durch den Kauf eines virtuelles Nichts das ganze NFT-System ad absurdum geführt zu haben. Volker Mühlenhoff war übrigens freundlich genug, mit zwei signierte Drucke der Arbeit und des absurd langen dahinter verborgenen Codes zu schicken – auf ganz altmodischem Papier. Das bliebt. Sicher ist sicher.