Von Tilman Baumgärtel
Die Erinnerung ist seit Jean Paul das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.
Darum ist es schön, dass Wulf Herzogenrath nun schon zum zweiten Mal in kurzer Zeit den Rest der Welt an seinen Erinnerungen teilhaben lässt. Material aus seinem Privatarchiv, das er im vergangenen Jahr der Akademie der Künste überlassen hat, war damals kurz am Hanseatenweg zu sehen.
Jetzt ist es zusammen mit gut ausgesuchten Werken der Medien- und Videokunst nochmal in der Dependance am Pariser Platz derAkademie zu bewundern. Und man lässt sich gerne in die Zeit mitnehmen, als der Kunstmarkt noch nicht in erster Linie Markt war, als verantwortungsbewusste Kuratoren über Dekaden neue Kunstrichtungen wie die Videokunst systematisch entwickelten und als Künstler wie Nam June Paik im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftraten.
Der Kunsthistoriker und Kurator Wulf Herzogenrath hat sich als Leiter des Kölnischen Kunstvereins, als Videokurator der „Medien-Documenta“ 1977, als Hauptkustos des Hamburger Bahnhofs und zuletzt als Chef der Bremer Kunsthalle um die Videokunst verdient gemacht. Dass er bei der Eröffnung der Ausstellung bescheiden zugibt, dass die ihn gewidmete Präsentation in der Akademie der Künste eigentlich nur ein Lückenbüßer für eine ausgefallene Show war, sagt viel über ihn. Aber so haben wir auf jeden Fall jetzt in Berlin für einen guten Monat eine Präsentation aus Herzogenraths Vorlaß, die die Entwicklung der Videokunst aus einer sehr persönlichen, involvierten Perspektive.
Immer war Herzogenrath ein fairer „arbiter of taste“, der nichts ausschloss, der sich aber für das, von dem er überzeugt war, ins Zeug legte. Die Künstler dankten es ihm. Ausgangspunkt der Ausstellung sind darum seine Gästebücher. Im ersten Raum der Präsentationen stehen auf Sockeln Monitore mit heute kanonischen Videoarbeiten. Wer die Schubladen unter den Bildschirmen aufzieht, findet persönliche Widmungen der vertretenen Künstler – eine elegante Präsentationsidee.
Danach folgt Paik, Paik, Paik. Herzogenraths Engagement für den südkoreanischen Erfinder der Videokunst spiegelt sich auch in der Vielzahl der Arbeiten, die nicht zum gut bekannten Werk von Nam June Paik gehören, aber gerade darum ein neues Licht auf scheinbar durchgesetzte Ideen werfen: ein entzückender Video-Baum statt dem „TV Garden“, eine Variation des „TV Buddha“ mit einer Totenmaske Paiks als Gegenüber, und – vollkommen verblüffend – eine Wandarbeit, die Illustriertenportraits von Marylin Monroe kombiniert.
Ach so, und wer gerne schon immer mal ein Interpret der Werke von John Cage sein wollte, kann in einer Nebenkammer auf sechs Plattenspielern LPs aus der Sammlung des Komponisten auflegen. Sein Werk „3:33“ ist offenbar direkt aus dessen Nachlass direkt nach Berlin gewandert – man muß nur die richtigen Verbindungen haben. Zu den vorgelegten Platten gehört auch eine Scheibe mit bayrischer Volksmusik, die man hier in the mix zerkratzen kann.
Die Ausstellung „Magic Media – Media Magic“ ist eine Kombination aus curator´s notebook und Videokunst-Retrospektive, Wunderkammer und public viewing. Wer den Kopf hinter der Auswahl kennenlernen will, besucht die Führungen durch Wulf Herzogenrath persönlich am 24. und 29. September oder am 13. Oktober.
Magic Media – Media Magic. Videokunst seit den 1970er Jahren aus dem Archiv Wulf Herzogenrath, bis zum 13. Oktober 2019 in der Akademie der Künste am Pariser Platz