Das Netz als Festplatte

Von Tilman Baumgärtel

„Wenn Napster sich unkontrolliert durchsetzt“, überlegte Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff unlängst laut vor geladenen Journalisten, müßte man sich überlegen, ob man den Musikbereich des Unternehmens nicht verkaufen sollte. (vgl. Berliner Zeitung vom 10. Juli 2000) Die Internet-Tauschbörse „Napster“ macht es möglich, aus dem Netz Musikdateien herunterzuladen, ohne dafür zu bezahlen; Middelhoff befürchtet, dass dem Unternehmen durch Napster Umsätze verlieren wird und die Produktion von Musik sich nicht mehr lohnen wird.

Doch das Napster-Programm, das derzeit vielen Musikmanagern und Musikern die Laune verdirbt, ist erst der Anfang: fast wöchentlich tauchen zur Zeit im Internet neue Programme auf, mit denen man nicht nur Musik-Files, sondern digitale Daten jeder Art vollkommen unkontrolliert verbreiten kann. Was würde Middelhoff wohl sagen, wenn er wüßte, dass mit Projekten wie „Freenet“ oder „Gnutella“ auch bewegte und stehende Bilder, Fernsehprogramme, Bücher oder Zeitungsartikel in der ganzen Welt vertrieben werden können, ohne dass die Produzenten einen Pfennig damit verdienen würden und ohne dass sie etwas dagegen tun können. Die Liste der neuen „pee-to-peer“-Programme ist lang: OpenNap, JNerve, Napigator, Wrapster, Hackster, NapAmp, Media Enforcer; viele von ihnen sind inzwischen für die verschiedensten Computersysteme von Windows bis zu Unix erhältlich. Wenn Bertelsmann wegen Napster seinen Musikbereich abstossen muss, dann muss es wegen dieser neuen Programme eigentlich auch Filmproduktionen, Buchclubs und Fernsehsender verkaufen...

„Freenet“ ist unter den sogenannten „File-Sharing“-Programmen zur Zeit das unumstritten radikalste: im Gegensatz zu Napster bietet das „freie Netz“ ein wirklich vollkommen dezentrales Netzwerk, bei dem jeder angeschlossene Computer auch zum Server wird. Will ein User bei Napster ein bestimmtes Musikstück finden, muss er dieses über einen von angeblich 800 Napster-Servern suchen. Über diese Server findet er die Adressen von privaten Computern, auf denen das gesuchte Stück gespeichert ist. Der Austausch der Musikdateien findet dann direkt zwischen diesen Rechnern statt, nicht über den Napster-Server – darum weist die Firma den Vorwurf des Raubkopierens auch von sich.

Bei Freenet – nicht zu verwechseln mit dem deutschen Internetdienst von MobilCom – gibt es noch nicht mal mehr zentrale Suchserver. Im Gegensatz zum Internet hat Freenet auch keine zentrale Datenbank mit den „Adressen“ von Rechnern. Freenet benutzt im Grunde das gesamte Netzwerk als eine einzige gigantische Festplatte, auf die der User jederzeit Zugriff hat. Die Dateien in dem System werden durch eine Reihe von „keywords“ beschrieben, die man ähnlich einer Webadresse aufrufen kann. Ganz im Gegensatz zu den Dokumenten im WorldWideWeb haben die Dateien bei Freenet keine fixe Adresse wie etwa

www.abc.de/dokument

, sondern bewegen sich nach Bedarf und Nachfrage durchs Netz.

Wer zum Beispiel seine DVD-Version von dem Kinohit „Die Matrix“ anderen Freenet-Nutzern zugänglich machen will, muss sie nur auf seinen Rechner kopieren, das kleine und leicht zu installierende „Freenet“-Programm auf dem Computer einrichten und diesen an eine Internet-Standleitung anschliessen. Das Freenet-Protokoll verwaltet dann diesen Speicherplatz, und verschiebt die Dateien nach Bedarf von einem Rechner auf den nächsten.

Unsere „Matrix“-Kopie muss also unter Umständen gar nicht lange auf dem eigenen Rechner liegen bleiben. Sie wandert vielmehr in dem System herum, wird auf verschiedenen Maschinen gespeichert, kopiert, und nach Bedarf weitergegeben. Damit vermeidet „Freenet“ Engpässe wie diejenigen, die im vergangenen Jahr entstanden, als Millionen von Internetnutzern auf den Starr-Report zugreifen wollten. Dateien, die selten oder nie abgerufen werden, sinken dagegen in dem internen Ranking und werden schließlich gelöscht, um Platz für neue Daten zu schaffen. „Dabei unterscheidet das System nicht zwischen der Erklärung der Menschenrechte und meinen Kindergarten-Zeichnungen, sagt Freenet-Schöpfer Ian Clarke.

Freenet wurde eigentlich nicht dafür entwickelt, um Raubkopien zu verbreiten. Der irische Programmierer Ian Clarke hat das System vielmehr im vergangenen Jahr als Uni-Projekt geschrieben, um Informationen im Netz anonym und unkontrolliert verbreiten zu können. „Es ist so gut wie unmöglich, Material aus dem „Freenet“ verschwinden zu lassen oder so gar zu löschen“, sagt der 23jährige Clarke. „Selbst diejenigen, die das System entwickelt haben, können das nicht.“ Da die Daten ununterbrochen durchs Netz reisen, kann auch der Urheber nicht ermittelt werden – für Clarke eine Methode, die freie Meinungsäußerung im Netz sicherzustellen: „Politiker scheinen nicht zu begreifen, wie wichtig die Freiheit der Rede auch im Internet ist. Ich freue mich darum, dass die Netznutzer verstehen, wie dringend ein System wie Freenet benötigt wird.“

Die Möglichkeit, in seinem System Raubkopien, Kinderpornografie oder andere strafbare Inhalte zu verbreiten, nimmt Clarke dabei in Kauf: „Freenet setzt freie Rede durch, sonst nichts. Es macht keine kriminellen Akte möglich, die es nicht auch ohne Freenet geben würde. Es könnte aber sogar dafür sorgen, daß Kriminelle schneller gefasst werden. Wenn jemand bei Freenet Tips zum Thema Kindesmissbrauch veröffentlicht, hilft das auch der Polizei, die solche Verbrecher dann schneller fassen kann.“

--------------SCHNAPP!---------------

Freenet – Software etc.

freenet.sourceforge.net

Tilman Baumgaertel

Tilman Baumgaertel

Tilman Baumgaertel