MAGA 2
Krieg gegen das Mitgefühl
Der neueste „Woke Mind Virus“? Mitgefühl!
Serie über „Dark Maga“, Teil 2
Von Tilman Baumgärtel
„Ich war geschockt von dem Ausmaß an Hass und Gewalt, das ich von der Linken, von den Demokraten erlebt habe. Ich dachte, die Demokraten seien die Partei des Mitgefühls und der Fürsorge. Und dann brennen sie Autos ab, werfen Molotow-Cocktails auf Autohäuser, schießen auf Autohäuser, zerstören Teslas.“ Füllen sich die Augen von Elon Musik etwa gerade mit Tränen, während er in einem Interview mit dem rechtspopulistischen Talkshow-Moderator Sean Hannity das Unrecht beklagt, das ihm und seiner Firma widerfahren ist? (Es gibt übrigens keinerlei Beweise dafür dass die Demokrateische Partei an den Angriffen auf Tesla-Autohäuser beteiligt waren.)
Musk hat mit seinem Department of Government Efficiency (DOGE) doch nur bei Massenentlassungen etwa 250.000 Arbeitsplätze in der Bundesverwaltung der Vereinigten Staaten vernichtet. Gelder für Flugsicherung, Katastrophenschutz oder Wetterdienst, Sozialämter, Grundlagenforschung, Entwicklungshilfe und die NASA so zusammengestrichen, dass ihre Einsatzfähigkeit in Frage gestellt ist. Dabei besonders die Handlungsfähigkeit derjenigen Behörden zerstört, die seine eigenen Unternehmen überwachen, wie etwa die Verkehrsbehörde, die Sicherheitsprobleme bei SpaceX untersuchte, oder die Food and Drug Administration (FDA), die an klinischen Studien zu Neuralink arbeitet, Musks Unternehmen für Gehirn-Computer-Schnittstellen. Für sein Zerstörungswerk lobte er sich in seinem Sozialen Netzwerk X in hämischen Kommentaren.
Und nun dieser Hass!
Ein Stichwort in Musks TV-Lamento lässt aufhorchen: der Appell an das Mitgefühl von einer Person, die selbst keinesfalls für Empathiefähigkeit und Mitmenschlichkeit bekannt ist, wie zum Beispiel die gnadenlosen Arbeitsbedingungen und die überdurchschnittliche hohe Zahl von Unfällen in seinen Tesla-Werken belegen. Der Begriff führt in eine sinistre Gedankenwelt, die für die zweite Amtszeit von Donald Trump und die „Dark Maga“-Bewegung eine ähnlich wichtige Rolle spielen wie das neo-reaktionäre „Dark Enlightenment“ (Jungle Word XX/2025, www.
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Denn Musk selbst hatte noch vor kurzem Mitleid zum „größte Problem der westlichen Zivilisation“ erklärt – unter solchen Begriffen macht es ein Visionär nicht. In einem dreistündigen Laberflash im Podcast des ehemaligen Kampfsportlers Joe Rogan erläuterte er Ende Februar nicht nur einmal mehr die Verschwörungstheorie von der „Großen Umvolkung“, welche die Demokraten geplant hätten, und dass es in Kalifornien „praktisch illegal“ sei, die Republikaner zu wählen. Nein, das staunende Publikum erfuhr auch, dass „Mitleid einen Programmierfehler in unserem System“ ausnutze und dass es „als Waffe verwendet werden“ könne, um uns „wie einen Roboter zu steuern“.
Solche Erkenntnisse verdankt Musk seiner Bekanntschaft mit Gad Saad, einem Neuzugang unter den Wortführern des neo-reaktionären „Dark Enlightenment“. Dessen Parole von der Suicidal Empathy (selbstmörderisches Mitgefühl) übernimmt Musk im Pocast wörtlich. Der kanadische Marketing-Professor Saad gehört zu einer unheiligen Allianz, die gegenwärtig in Nordamerika versuchen, die urchristliche Tugend der Nächstenliebe zu etwas Negativem umzudeklarieren. Da ist zum Beispiel die Influencerin und Podcasterin Allie Beth Stuckey, die in ihrem im vergangenen Jahr erschienen Buch „Toxic Empathy: How Progressives Exploit Christian Compassion“ in das selbe Horn wie Saad stößt: Mitgefühl sei „ein Werkzeug der Manipulation durch linke Aktivisten, die Menschen dazu drängen, progressive Positionen zu vertreten, um empathisch zu sein.“ Und dann ist da noch der Pfarrer Joe Rigney aus Idaho, der in seinem Buch „The Sin of Empathy: Compassion and Its Counterfeits“ Mitleid als „ein menschenfressendes Unkraut, das Familien, Beziehungen, ja sogar Kirchen und Gemeinden verschlingt“ beschreibt. Der Krieg der Rechten gegen die Empathie hat dabei oft einen frauenfeindlichen Unterton, denn diese wird häufig als eine „typisch weibliche“ Eigenschaft dargestellt.
Aber ist Mitgefühl mit den Schwächsten und Bedürftigsten nicht die zentrale Botschaft des Neuen Testaments? Hat Jesus nicht laut Matthäus-Evangelium auf Nachfrage des Pharisäers erklärt, dass man seinen Nächsten lieben soll wie sich selbst? Heißt es nicht in der Bergpredigt: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete auch die andere dar“? Gilt die wertschätzende, helfende Caritas nicht immer als die christliche Tugend?
Fast könnte man glauben, dass die Umwertung des Mitgefühls von einer christlichen Charaktereigenschaft zu einer Sünde durch diese komischen Heiligen eine Übung in Gaslighting ist – also der Manipulationstechnik, bei der man so lange offensichtliche Tatsachen bestreitet, bis der Gegenüber an seinem Verstand zu zweifeln beginnt. Schwarz ist weiß. Hell ist dunkel.
Oder: „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke“, wie es in George Orwells dystopischen Roman „1984“ heißt, wo diese Art von mind fuck als Herrschaftstechnik funktioniert: Die Umkehrung der Realität durch die allmächtige Partei und dem Großen Bruder dient dazu, die Menschen so zu verwirren, dass sie die Absichten der Partei nicht mehr hinterfragen.
Möglicherweise überschätzt man den strategischen Weitblick der gegenwärtigen US-Regierung, wenn man ihr solche Intentionen unterstellt. So wie es schwer vorzustellen ist, dass Donald Trump jemals von den Vordenker des „Dark Enlightenment“ gehört hat, so dürfte ihm wohl noch nie eins der in diesem Artikel erwähnten Bücher untergekommen sei. Bei Trump ist die Ablehnung von Mitgefühl schlicht die tiefsitzende Charaktereigenschaft eines narzisstischen Egoisten. Als Mariann Edgar Budde, die Bischöfin der anglikanischen Diözese von Washington, ihm beim Gottesdienst zu seiner Amtsernennung zu Gnade und Erbarmen mit Flüchtlingen und Minderheiten ermahnte, kanzelte Trump sie als „radikale linke Hardlinerin und Trump-Hasserin“ ab und forderte eine Entschuldigung von ihr und ihrer Kirche. Dafür braucht es keinen theologischen Diskurs, sondern lediglich die Selbstgerechtigkeit und die Großkotzigkeit eines abgehobenen Menschen, der in seinem ganzen Leben kaum je ein Wort des Widerspruchs ertragen musste.
Wenn man nach der geistige Grundlage sucht, auf deren Basis die amerikanische Regierung mit sadistischer Freude unbescholtene Bürger in Konzentrationslager in El Salvador verschwinden lässt und ihre illegalen Abschiebeorgien dann in den Social-Media-Kanälen des Weißen Hauses mit Memes und ASMR-Videos feiert, sollte man sich wohl eher an die Beobachtungen des „Atlantic“-Reporters Adam Sewer halten, der schon 2018 über die erste Trump-Administration schrieb: „The Cruelty is the Point“, die Grausamkeit ist der Kern der Sache.
Für Sewer zielte die Aktivitäten der ersten Trump-Regierung weniger darauf ab, politische Ziele zu erreichen oder Probleme zu lösen, sondern Grausamkeit als absichtliches Mittel der Machtausübung und Mobilisierung zu nutzen, um politische Gegner und Andersdenkende einzuschüchtern. Dass Trump und Co 2018 im Rahmen einer „Null-Toleranz-Politik“ Tausende von Migrantenfamilien auseinanderriss und selbst Kinder zeitweise in Lagern und sogar in Käfigen einkerkerten, scheint heute nicht nur in den USA weitgehend vergessen zu sein. (Viele der damals verhafteten Kinder haben wegen der chaotischen Durchführung der Maßnahme und wegen der Inkompetenz der beteiligten Behörden ihre Eltern bis heute nicht wiedergesehen – auch wenn die Biden-Regierung versucht hat, das damals geschehene Unrecht rückgängig zu machen.)
Seinem Vize J.D. Vance scheint die öffentliche Abmahnung durch die Bischöfin jedoch stärker gewurmt zu habe. In einem Interview mit Fox News-Moderator Sean Hannity erwähnte er einige Wochen danach die christliche Maxime der ordo amoris, also der „Ordnung der Liebe“, ein Konzept, das auf mittelalterliche Kirchenvätern wie Augustinus und Thomas von Aquin zurück geht. Vance – der selbst erst vor kurzem zum katholischen Glauben übergetreten ist – erläuterte als frischgebackener Religionsethiker, dass nach seinem Verständnis der christlichen Glaubenslehre zuerst die Familie, dann Nachbarn, dann die Mitbürger im eigenen Land und erst zuletzt der Rest der Welt zu lieben sei: die „Far Left“ habe seiner Ansicht nach diese Reihenfolge umgekehrt. Diese Sichtweise wurde von Papst Franziskus scharf kritisiert, der noch kurz vor seinem Tod in einem Schreiben an die US-Bischöfe betonte, dass wahre christliche Liebe universell sei. Auch der neue Papst Leo XIV. hat bisher wenig Neigung gezeigt, die Verdrehungen des Konzepts der christlichen Nächstenliebe durch amerikanische Kulturkrieger hinzunehmen.
Dass über so etwas überhaupt diskutiert wird, zeigt, wie kaputt die politische Debatte in den USA inzwischen ist. Der reichste Mann der Welt war als Schattenchef von Doge stolz darauf, dass er durch die faktische Auflösung der Hilfsorganisation USAID die US-amerikanische Unterstützung für die Ärmsten der Armen praktisch abgeschafft hat! Inwiefern seine Truppe bisher überhaupt nennenswerte Beträge eingespart hat, ist dank der undurchsichtiger Selbstdarstellung von Doge, ihrer zahlreichen Rechenfehler und die ideologisch motivierter Falschdarstellungen ihrer Aktivitäten unklar.
Musk hat sich inzwischen offenbar schmollend aus der Politik zurück gezogen. Doch der Krieg gegen das Mitleid, den er und seine Stichwortgeber ausgerufen haben, wird weiter gehen. Trumps neues Steuergesetz enthält erhebliche Kürzungen bei sozialen Programmen wie Medicaid und SNAP (Supplemental Nutrition Assistance Program), die vor allem arme und einkommensschwache Haushalte betreffen. Und durch das Fortbestehen von Doge bleibt auch ein andere fixe Idee Musks weiter politisch wirkungsmächtig: dass die Technologie es schon richten wird. Dieser Irrglaube speist sich aus einer bisher kaum bekannten krypto-faschistischen Familiengeschichte, die im nächsten Teil dieser Serie behandelt werden soll.