Face IT

Neuer Dokumentarfilm über biometrische Gesichtserkennung

Von Tilman Baumgärtel

Rechtzeitig zum Start des Films „Face_IT. Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus“, der sich mit den Gesichtserkennungsversuchen am Bahnhof Südkreuz beschäftigt, beginnen Bahn und Polizei mit einer neuen Versuchsreihe an dem Berliner Umsteigebahnhof. Nun soll dort bis Ende 2019 untersucht werden, wie Überwachungskameras problematische Szenarien automatisch erfassen können, um schneller reagieren zu können. Zu derartigen Situationen können zum Beispiel liegende Personen oder länger abgestellte Gegenstände gehören.

Die Durchführung dieses Versuche erinnern selbst an die Dreharbeiten eines Films: Nach einem festgelegten Drehbuch sollen rund 1.600 Szenen nachgestellt werden. Damit will man prüfen, ob Bildanalyse-Software in der Lage ist, zweifelsfrei Situationen zu erkennen, die den Bahnbetriebs beeinträchtigen könnten, hieß es. Ausdrücklich wies die Bahn darauf hin, dass es diesmal nicht um die Erfassung von Gesichtern gehe.

Die Experimente zur Gesichtserkennung, die Bahn, Polizei und Innenministerium ab August 2017 in der Westhalle des Bahnhofs durchgeführt hatten, lösten damals Protesten von Datenschützern aus. Drei verschiedene Systeme sollten 300 freiwilligen Testpersonen, deren Bild sie gespeichert hatten, erkennen, wenn diese die große Treppe Richtung Hildegrad-Knef-Platz hinunterliefen. Mit dem Versuch wurde getestet, ob die Überwachungskameras auf Bahnhöfen zur Fahndung nach Verbrechern eingesetzt werden können.

Dieser Versuch ist auch der Ausgangspunkt des Films „Face_IT“ von dem Berliner Regisseur Gerd Conradt, der sich besonders für die biometrische Analyse von Gesichtszügen und Mienenspiel interessiert. Denn wenn Maschinen anfangen, sich menschliche Gesichter zu merken und diese wiederzuerkennen, beginnt Technologie für Conradt sich in ein Feld einzumischen, das bisher die Domäne von Kunst und Kultur war. Um dieses Phänomen zu untersuchen, spricht der Regisseur mit Künstlern, Wissenschaftlern und Aktivisten. Er will herausfinden: Wem gehört unser Gesicht, wenn es zu Nullen und Einsen geworden ist und auf dem Server einer Softwarefirma liegt?

Conradt selbst hat sich als Regisseur mit dem Medium Video von dessen Anfängen an beschäftigt. Nachdem er 1969 wegen seiner politischen Aktivitäten zusammen mit 17 anderen Studenten des ersten Jahrgangs an der Deutschen Film- und Fernsehakademie geflogen war, wand er sich der damals noch ganz neuen Videotechnologie zu. Sein Film „Über Holger Meins“ (mit Hartmut Jahn) von 1982 gilt als Klassiker der Videobewegung der 80er Jahre, und auch „Der Videopionier“ (1984) stellte als Nachfolgeprojekt das politisch-aktivistische Potential des neuen Mediums in den Mittelpunkt. Mit „Videobriefen“ zwischen Ost- und West-Deutschland oder Videoinstallationen erkundete er die Möglichkeiten des Mediums weiter. Zuletzt veröffentlichte er unter dem Titel „Grossbreitenbach 100%“ kurze Online-Videos, die er in der thüringischen Kleinstadt, in der er seien Jugend verbracht hatte, drehte und bei YouTube veröffentlichte.

In seinem aktuellen Film nähert er sich dem menschlichen Antlitz und seinem Ausdrucksvermögen auf vielen Wegen: Junge Leute grimassieren vor der Kamera, dann sieht man sieht in assoziativ montierten Sequenzen, wie ein Blinder eine Kopie der Nofretete-Büste aus dem Berliner Neuen Museum abtastet, um ihr Gesicht zu „betrachten“, und Datenschutz-Aktivisten, die sich asymmetrische Mustern im Gesicht geschminkt haben, um biometrische Überwachung zu verhindern.

Conradt bemüht sich, in dem Film eine faire Haltung ohne Alarmismus zu dem Phänomen der Gesichtserkennung anzunehmen. So versteht er sich überraschend gut mit Internet-Staatsministerin Dorothea Bär, die zwar Bedenken gegen Überwachung nachvollziehen kann, aber diejenigen, die im Alltag ihre Gesicht nicht zeigen wollen, mit Bankräubern unter der Strumpfmaske vergleicht. Überhaupt lässt der Filmemacher seine Gesprächspartner sehr ausführlich zu Wort kommen, nachdem er sie mit Videoclips zum Thema auf dem Laptop konfrontiert hat. Nicht bei allen Gesprächen ist der Erkenntniswert gleich hoch. Besonders Holger Kunzmann, ein Fachmann für technische Gesichtserkennung, hat wesentlich mehr „screen time“ als interessante Dinge zu sagen. Nur kurz kommt dagegen das „Social Credit“-System vor, mit dem China seine Bevölkerung mit biometrischen Methoden bespitzelt; gar nicht erwähnt wird, wie Internet-Unternehmen private Portraitphotos von Facebook oder Flickr nutzen, um ihre Künstliche Intelligenz zu trainieren.

Keinesfalls sollte man allerdings, wie es im Film der Künstler Julius von Bismarck tut, davon ausgehen, dass uns die biometrische Gesichtsanalyse im öffentlichen Raum zwangsläufig bevorsteht. Bahn und Polizei versuchten zwar, ihr Experiment am Bahnhof Südkreuz von 2017 als Erfolg darzustellen: In einer Pressemitteilung betonte das Innenministerium die Trefferrate von über achtzig Prozent, die als gut gewertet wurde. Aber wie der Chaos Computer Club herausfand, basierten die Zahlen auf dem kombinierten Einsatz von drei verschiedenen Systemen.

Für einen regelmäßigen Einsatz eines solchen Systems gäbe es in Deutschland auch keine rechtliche Grundlage, wie der Deutsche Anwaltsverein damals feststellte. Eine permanente biometrische Identifikation durch Software im öffentlichen Raum sei eine bisher ungekannte Einschränkung der Freiheit, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sein.

Wegen derartiger Bedenken hat San Francisco – Technologiehauptstadt der USA und Standort von Unternehmen wie Google und Facebook – im Juni nicht nur den Einsatz von Gesichtserkennungsverfahren im öffentlichen Raum verboten, sondern auch die Anschaffung von anderen Überwachungstechnologien stark reglementiert. Dass die biometrische Gesichtserkennung jenseits von Diktaturen wie China zum Normalzustand wird, ist also noch keineswegs ausgemachte Sache.

Face_it. Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus, Buch und Regie: Gerd Conradt, Deutschland 2019, 80 min.

Kinostart am 25. 7. 2019, in Berlin läuft der Film in den Eva-Lichtspiele, Lichtblick-Kino, Filmkunst66 und Bundesplatz-Kino, in Potsdam im Thalia