Von Tilman Baumgärtel

Knapp zwei Millionen Kunst-Seiten gibt es zur Zeit im Internet. Oder, um genau zu sein, 1.907.997. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Suche mit der Suchmaschine Alta Vista, die ununterbrochen die Angebote im Netz katalogisiert. Die meisten dieser Seiten sind die Homepages von Kunstmuseen, kunsthistorische Aufsätze, oder Fan-Seiten für bestimmte Künstler oder Kunstrichtungen.

Doch eine (vorläufig noch sehr kleine) Zahl von Internet-"Sites" handelt nicht von Kunst - sie sind Kunst. Eine Reihe von Künstlern haben das weltweite Computernetzwerk als neues Medium für ihre Arbeit entdeckt. Spätestens seit die diesjährige documenta mit einer eigene Homepage mit Netzkunst-Arbeiten online gegangen ist, wird nun auch die Kunstszene langsam auf diese neue Kunstrichtung aufmerksam, die sich freilich noch gar nicht klar darüber ist, ob sie eine neue Kunstrichtung sein will.

Künstler, die im Internet arbeiten, müssen mehr lernen als HTML, die Codesprache des WorldWideWeb. "Der wichtigste Gegenstand von Netzkunst ist das Netz selbst", sagt Benjamin Weill, der Mitbegründer und Kurator von ada 'web, einer New Yorker On-line-Galerie. Ähnlich wie die Videokunst, die sich nur mit Videorekorder und Fernseher "materialisiert", ist auch Netzkunst nur mit Computer und Modem im Netz zu besichtigen. War in den siebziger Jahren von Skulpturen die Rede, die "site-specific" waren, sich also auf den Ort bezogen, an dem sie installiert waren, so ist die Netzkunst "netzspezifisch".

"Wir sind Duchamps ideale Kinder", sagt Vuk Cosic, ein slowenischer Künstler, der sich selbst als "net artist" betrachtet. "Die konzeptuellen Mittel, die Duchamp oder Joseph Beuys oder die frühen Konzeptkünstler entwickelt haben, sind im Internet zu vollkommen normalen Vorgängen geworden, die man jedesmal wiederholt, wenn man wahllos (random) eine Webadresse anklickt. Zu Duchamps Zeit wäre dieser Akt die modernste Kunstpraxis gewesen, die niemand außer ihm und seinen beiden besten Freunden verstanden hätte." Cosic ist darum überzeugt: "Die bisherige Kunst war nur ein Ersatz für das Internet."

Man muß nicht gleich die Säulenheiligen der Moderne bemühen - doch es ist unübersehbar, daß die künstlerischen Arbeiten, die seit kurzem im Internet entstehen, im Netz einige der wichtigsten Themen der Kunst des 20. Jahrhunderts fortführen: die Thematisierung des eigenen künstlerischer Mediums, das Spiel mit Zufall und Ironie, die Aufhebung von Zeit und Raum sind Themen, die seit Dada und dem Futurismus zum Programm der Moderne gehören.

Cosic ist einer der Künstler, die in den letzten zwei, drei Jahren begonnen haben, im Internet erste Experimente durchzuführen. Zu ihnen gehören nicht nur Künstler aus den USA und West-Europa, sondern auch aus den Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts. Die "net.art", wie sie von einigen ihrer Protagonisten genannt wird, ist die erste Kunstbewegung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg, die die Grenze des verschwundenen Eisernen Vorhang überschreitet.

Für einige dieser Künstler war die Arbeit im Internet auch eine Methode, um an den Institutionen des Kunstbetriebs vorbei zu operieren. Für den Deutsch-Amerikaner Wolfgang Staehle, der Anfang der neunziger Jahre in New York die Kunst-Mailbox The Thing gründete, war das ein Akt der praktizierten "institutional critique", wie er sich heute erinnert: "Ich fand es absurd, die Institutionen des Kunstbetriebs innerhalb der Institutionen zu kritisieren. Das war so, als würde man nur mal die Möbel neu arrangieren. Das fand ich nicht konsequent. Deswegen habe ich versucht, wirklich etwas außerhalb dieser Institutionen zu machen. Ich glaube, The Thing hat auch deshalb so gut funktioniert, weil der traditionelle Kunstbetrieb davon wirklich überhaupt keine Notiz genommen hat. Der Reiz war auch, daß man sich wie eine kleine Verschwörerbande fühlen konnte."

Auch für einige der Künstler, die heute im Internet operieren, ist das Netz ein Distributionskanal, mit dem man seine Arbeit einem weltweiten Publikum präsentieren kann, ohne in Ausstellungen in Museen oder Galerien vertreten zu sein. Der russische Photograph Alexei Shulgin entdeckte das Internet, als er zu einer Ausstellung mit russischer Fotografie eingeladen wurden, die in Deutschland gezeigt wurde. Weil seiner Ansicht nach einige der wichtigsten russischen Fotografen fehlten, programmierte er eine Seite mit dem Titel "Hotpics", auf der er das versäumte nachholte.

Die Präsentation dieser Arbeiten war für ihn auch eine Chance, ethnisierende Zuschreibungen zu vermeiden: "Als ich nur ein Künstler war, der in Moskau lebte, wurde alles, was ich machte, als 'russisch' oder 'östlich' betrachtet. Dabei fand ich eigentlich nie, daß das, was ich mache, spezifisch russisch sei." Durch die Arbeiten, die er im Internet veröffentlicht hat, entzieht er sich Nationalklischees: "Beim Netz ist der physische Raum nicht wichtig. Alles passiert nur auf dem Computermonitor, und es ist egal, von wo die Daten kommen."

Shulgin gehörte auch zu den ersten Künstler, die begannen, mit den genuinen Eigenschaften des Internet zu arbeiten: Sein "Refresh"-Projekt arbeiten zum Beispiel mit einer selten benutzten Funktion des HTML-Codes, dem "Refresh"-Befehl: Wer eine Seite dieser internationalen Kollaboration ansurft, wird automatisch von einer Homepage zur nächsten weiterbefördert; die "refreshten" Daten kommen mal von einem Server in Moskau, dann aus Amsterdam, aus New York oder aus Berlin. Shulgin thematisiert so nicht nur die Ländergrenzen-überschreitende Natur des Internet, die diese Art von Kollaboration überhaupt erst möglich macht, sondern auch ein Thema, daß in der Kunst schon seit Beginn der Moderne eine Rolle spielt: schon die Suprematisten, die Kubisten und die Futuristen träumten von der Aufhebung von Raum und Zeit in der "vierten Dimension". Gleichzeitig unterzieht er so die technischen Protokolle des Internet einer künstlerischen Prüfung.

"Ich habe HTML-Dokumente geschrieben, die bewußt den Browser zum Abstürzen gebracht haben", sagt auch Vuk Cosic. "Ich bemerkte, daß irgendwo ein Fehler in meiner Programmierung war. Aber es genügte nicht, diesen Fehler zu vermeiden; ich habe wirklich versucht, ihn zu verstehen." Auch das holländisch-belgische Künstlerpaar Jodi, die auch bei der documenta vertreten ist, übt sich im kreativen Mißbrauch der Internet-Protokolle. Ihre chaotisch-organisierte Seite strotzt nur so vor bewußt eingesetzten Programmierfehlern, die ihre Homepage wie der Alptraum eines Webdesigners aussehen lassen.

Auch diese kreative Dekonstruktion von Technologie hat kunstgeschichtliche Tradition: Schon in den sechziger Jahren interessierten sich Videokünstler wie Nam June Paik weniger dafür, was man mit dem neuen Medium machen *konnte*, sondern was man mit ihm nicht machen *sollte*. Auch die Werke der Netzkunst sind eine praktizierte Erprobung und Kritik des neuen Mediums, die bis vor kurzem ausgestanden hat: die Kunst als eine Art Materialprüfungsamt des neuen Mediums.

Gleichzeitig radikalisiert die Netzkunst eine Tendenz der Konzeptkunst der sechziger und siebziger Jahre, die Lucy Lippard als die "Dematerialisierung des Kunstobjekts" beschrieben hat: Netzkunst ist wirklich vollkommen entkörperlicht, sie exisitert nur noch aus Bits und Bytes im Internet.

Der Kunstbetrieb ist auf dieses neue, immaterielle Medium freilich ebensowenig eingestellt, wie er Anfang der siebziger Jahre auf Video vorbereitet war. Museen und Ausstellungen wie die documenta tun sich mit dem neuen Medium noch schwer, weil es nicht im klassischen Sinne ausstellbar ist. Bei der documenta werden die Netzarbeiten auf Computern in der Ausstellung präsentiert, einige der Künstler mußten sogar "Links" zu anderen Sites aus ihren Arbeiten entfernen, um die Besucher vom ziellosen Surfen abzuhalten. Die New Yorker Dia Art Foundation zeigt die Netzkunst-Arbeiten, die sie in Auftrag gegeben hat, dagegen nur im Internet.

Auch wie man mit künstlerischen Arbeiten im Netz Geld verdienen kann, ist noch ungeklärt. Netzkünstler verdienen sich ihren Lebensunterhalt oft mit Programmierarbeiten, oder leben von Stipendien. Alexei Shulgin: "Künstler, die im Netz arbeiten, verdienen damit nicht viel. Das macht man aus purem Enthusiasmus, und das gefällt mir daran."

---------------------Netz-Adressen---------------------------------------

Ada'web New Yorker Online-Gallerie mit Arbeiten von John Simon, Lawrence Weiner, Julia Sher, Jenny Holzer u.a. http://www.adaweb.com

Turbulence Noch eine New Yorker Online-Gallerie mit Arbeiten von Helen Thorington, Christine Baczewska, John Hudak u.a. http://www.turbulence.org

Dia Art Foundation http://www.diacenter.org

Olia Lialina: My boyfriend came back from the war Ein "Netzfilm", der die Montagetechniken des Kinos ins Internet übersetzt http://www.cityline.ru/~olialia/war/

documenta http://www.documenta.de

Alexej Shulgins Moscow Art WWW Centre http://sunsite.cs.msu.su/wwwart/

Vuk Cosic http://www.ljudmilia.org/~vuk/