Die JVA Tegel ist online: Gefangene haben die erste Knastologen-Website in Deutschland geschaffen. Auf eine Standleitung zum Internet werden die Knackis aber noch etwas warten müssen
Von Tilman Baumgärtel
Einen Ausbruch planen einige Gefangene der Justizvollzugsanstalt Tegel in Berlin für den kommenden Freitag. Allerdings nicht in in die Freiheit, sondern in den Cyberspace.
Mit "Planet-Tegel" wird in den nächsten Tagen die erste Website aus dem deutschen Strafvollzug ans Netz gehen. Und zwar eine, die nicht von der Anstaltsleitung, sondern von Gefangenen entworfen wurde. Bis zu 12 Gefangene arbeiteten an der Homepage mit, die Knastalltag und Gefängniserfahrungen für die Außenwelt dokumentieren soll.
Möglich geworden ist der digitale Kassiber durch Hilfe von außen: der Theaterregisseur Roland Brus, der seit zwei Jahren Theaterstücke mit den Gefangenen der JVA inszeniert, lernte bei einem Seminar den Multimedia-Designer Michael Henning kennen. Gemeinsam kam man auf die Idee, zusammen mit Knackis eine Website ins Internet zu stellen. Es dauerte ein halbes Jahr, bis die Anstaltungsleitung von dem Vorhaben überzeugt war - immerhin ist schon der Besitz eines Computers in der Zelle ein Privileg weniger Gefangener, von einer Online-Verbindung in die Freiheit ganz zu schweigen.
Auf eine Internet-Verbindung mußten die Gefangenen auch erst einmal verzichten, obwohl ihnen Telefonate und Briefverkehr erlaubt sind. Die Beiträge für "Planet Tegel" wurden nicht per Email, sondern mit der Schneckenpost verschickt. Die Gefangenen tippten ihre Texte, Interviews und ein Lexikon mit Knast-Slang in den Computer, die Disketten wurden von den ehrenamtlichen Helfern aus dem Gefängnis getragen und dort per Post an den Webdesigner nach Stuttgart gesendet.
Selbst an der Gestaltung mitarbeiten durften die Knastologen nicht - die Anstaltsleitung hatte nur einen Computer für alle erlaubt. Im Gegensatz zu den Gefangenen hat die Verwaltung des Tegeler Gefängnisses noch keine eigene Homepage, auch eine Internet-Verbindung ist erst für das kommende Jahr in Planung. Bei der Arbeit an der Homepage zeigte sich die Gefängnisleitung trotzdem großzügig: bis auf einige Fotos von Sicherheitseinrichtungen konnten die angehenden Webdesigner auf ihre Site packen, was sie wollten. Auch die Disketten, die aus dem Gefängnis nach draußen gebracht wurden, mußten keine strenge Kontrolle durchlaufen.
Der Berliner Jörg Heger, der als ehrenamtlicher Helfer an dem Projekt mitarbeitet, wünscht sich, daß die Gefangenen in Zukunft auch direkten Netzzugang bekommen können. "Irgendwann wird es eine Standleitung ins Gefängnis geben", hofft er. Bis dahin druckt er jede Email an die Gefangenen aus, bringt sie ins Gefängnis, wo sie von den Knackis beantwortet wird, und tippt die Antwort zuhause in den Computer, um sie per Elektropost zu verschicken. Langfristig, so hofft er, könnte die Mitarbeit an der Website "Planet-Tegel" genauso als Knastarbeit anerkannt werden wie in der Redaktion der Gefängniszeitung "Lichtblick".
Wenn die Website am Freitagabend nach einer Pressekonferenz ans Netz geht, wird man dort nicht nur ungefilterte Berichte aus dem Gefängnis finden. Ein "Gitter-Memory" zeigt die vielen verschiedenen Gittertypen, die sich in dem Berliner Gefängnis finden. Außerdem erwartet den Netzsurfer eine 360-Grad-Ansicht von Innenhof der Strafanstalt. "Wenn ich die ansehe, wird sogar mir unheimlich", sagt Heger.
Die Webadresse des "Planet Tegel": http://www.planet-tegel.de