The World According to YouTube
Von Tilman Baumgärtel
Für die Mehrheit der Weltbevölkerung mag es ein Nicht-Ereignis sein. Aber für die Zielgruppe der Sechs- bis Vierzehnjährigen ist es erregender als die Olympischen Spiele, der European Song Contest oder der letzte Schultag vor den Ferien – oder vielleicht auch als alles zusammen: YouTube Rewind für 2017 ist raus. OMG! LOL! #loveit
Seit zehn Jahren veröffentlicht YouTube im Dezember ein Video, in dem die erfolgreichsten Clips des Jahres in einem rasanten Kurzfilm zusammengefasst werden (rewind2017.withyoutube.com). Das erinnert ein bisschen an die letzte, große Tanznummer in alten MGM-Musicals, wenn zum Schluss nochmal alle Register gezogen werden. „Influencer“ aus aller Herren Länder tanzen, hüpfen, lachen, singen, springen und grimassieren sich in gut sieben Minuten mit so einem Tempo durch die Choreographie und massig digitale Spezialeffekte, dass selbst die Zielgruppe kaum hinterherkommt. Aus Deutschland ist Julian Bam dabei. Zwei Tage nach Veröffentlichung war der Clip bereits 65 Millionen mal aufgerufen worden.
Das Ganze ist ein verwirrendes Spiel mit so vielen Referenzen, Zitaten und Selbstbezügen, dass jeder Semiotiker daran seine Freude haben müsste – wenn er bloß wüsste, wer um alles in der Welt diese jungen Menschen sind, die sich da mit Farbbeuteln beschmeißen. Und warum sie sich das Gesicht mit Glitzersternchen voll geklebt haben.
Das ist Teil des Reizes – wie jede Jugendkultur lebt die YouTube-Szene davon, dass die Eltern keinen Durchblick haben. Doch da hilft YouTube gerne aus: Auf der Website zum Video ist der Clip mit der Akribie eines Universitätsbibliothekars annotiert. Auf einer endlosen Liste finden sich alle Clips, auf die man sich bezieht, sowie uferloses Hintergrundmaterial. Ausgedruckt ergäbe das wahrscheinlich ein Taschenbuch.
Wer sich hier schlau macht, versteht plötzlich wieder, worüber sich die Kinder beim Abendbrot unterhalten. Und warum 12jährige „The Floor is Lava“ brüllen, und dann auf das nächste Sofa springen.
Bei der Zusammenstellung ist zunächst einmal interessant, was in diesem Jahresrückblick nicht auftaucht: die Amtseinführung von Donald Trump und die Wahl von Emmanuel Macron, katalanische Unabhängigkeitsbestrebungen und Brexit-Verhandlungen spielen im YouTube-Universum keine Rolle. Dies ist eine Welt, in der Fidget Spinner und grüner Slime wichtiger sind als der Aufstieg von Bitcoin und die islamistischen Terroranschläge des letzten Jahres. Nur das Attentat auf das Ariane-Grande-Konzert in Manchester kommt kurz vor – aber wer einmal blinzelt, hat es verpasst, und die Party geht weiter. Ein Video der Sonnenfinsternis in den USA ist der einzige Berührungspunkt zwischen dem, was man in den traditionellen Medien für berichtenswert hält, und the world according to YouTube.
Auch die YouTube-eigenen Ereignisse des letzten Jahres werden ignoriert: Dass YouTube neuerdings Beiträge „demonetarisiert“, also die Werbeeinnahmen vorbehält, wenn sie dem Unternehmen nicht in den Kram passen, findet selbstverständlich keine Erwähnung. Auch der Skandal mit den Animationsfilmen, die sich scheinbar an Kinder richten und dann mit verstörenden Szenen schockten, kommt nicht vor. Dabei hatten einige dieser Clips bis zu ihrer Löschung in der vergangenen Woche 25 Millionen Klicks und mehr. Sie müssten darum in den YouTube-Charts eigentlich ganz oben stehen.
Ansonsten scheint die Zeit der viralen Homevideo-Clips auf YouTube vorbei zu sein. Kätzchen, verunglückte Küchenexperimente oder persönliche Bekenntnisse sucht man vergeblich. Zwar sind als Dokumente der Wirklichkeit vertreten: der unglückliche BBC-Kommentator, dessen Kinder bei einem Live-Interview ins Arbeitszimmer platzten, und ein Zug, der bei Einfahrt den Bahnsteig unter Schneebergen begrub. Aber ansonsten dominiert Material aus der Bewusstseinsindustrie: America Got Talent, die Hollywood-Filme „Get Out“ und „Wonder Woman“ und Musikvideos von Taylor Swift, Ed Sheeran und natürlich „Despacito“ – das inzwischen übrigens 4,5 Milliarden mal geguckt wurde.
MTV hat einst Bill Clinton zur Diskussion mit der Zielgruppe eingeladen und Safe-Sex-Clips ins Programm eingestreut. Bei YouTube gibt es kein Verlangen, zur Volksbildung beizutragen. Hier zählt nur die schiere Masse, die vom Empfehlungsalgorithmus per Rückkoppelung verstärkt wird. Alles andere stört nur beim Geldverdienen – auch das zeigt der Jahresrückblick des Unternehmens.