"Kämpfendes Kollektiv"
Von Tilman Baumgärtel
Ein Foto von 1967. Zwei junge Männer, die auf etwas abgestoßenen Polstermöbeln mit bestickten Armlehnen sitzen. Hinter ihnen an der Wand hängt ein Filmplakat von Fritz Langs Dr. Mabuse der Spieler. Der eine von ihnen ist Rüdiger Minow, heute Filmregisseur und Publizist. Der andere ist tot: Holger Meins wurde drei Jahre später "Mitglied einer terroristischen Vereinigung", der RAF, und starb 1974 bei einem Hungerstreik im Gefängnis.
Im Mai 1967, als das Foto in den Berliner "Filmblättern" erschien, waren beide Studenten an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Sie gehörten zu den 36 FilmstudentInnen, die 1966 als erster Jahrgang an der neugegründeten Berliner Filmakademie ihr Studium aufgenommen hatten. Zu dem ersten DFFB-Jahrgang gehörten außer Holger Meins und Minow auch einige Studenten, die später als deutsche Autorenfilmer bekannt wurden: Wolfgang Petersen, Wolf Gremm, Hartmut Bitomsky, Harun Farocki, Christian Ziewer und Helke Sander. Die politisch engagierten Studenten unter ihnen befanden sich von ihrem ersten Semester an in einem Dauerkonflikt mit der Leitung der Filmakademie, der ' 68 fast zur Schließung der DFFB geführt hätte. Im Oktober 1968 wurden 18 der politisch aktivsten Studenten von der Filmakademie "relegiert" - unter ihnen Meins, Farocki, Bitomsky und Ziewer.
Die kurzen Dokumentar- und Agitationsfilme, die das Kollektiv politisch aktiver Studenten in dieser Zeit an der DFFB drehten, sind heute fast vollkommen vergessene Zeugnisse der deutschen Studentenbewegung. Die Anti-Vietnam-Bewegung, der Schahbesuch, die Springer-Kampagne, das Aufbegehren gegen den "Muff von tausend Jahren" an den deutschen Universitäten - alle wichtigen Themen der APO kommen auch in den Filmen vor, die die Kinder von Marx und Coca Cola damals an der DFFB drehten. Aber auch die Wendung hin zu politischer Militanz wird in einigen dieser Filme vorgedacht.
Harun Farockis Die Worte des Vorsitzenden von 1967 war die erste DFFB-Arbeit, die - wenn auch noch sehr unterschwellig - mit politischer Gewalt kokettiert. In dem Kurzfilm sieht man, wie aus einigen Seiten der "Mao-Bibel" ein Pfeil gefaltet wird, der auf eine Figur mit den Gesichtszügen des Schahs von Persien geworfen wird und diesen zu treffen scheint. Die Worte des Vorsitzenden Mao müssen "in unseren Händen zu Waffen werden, die den Feind überraschend treffen", heißt es dazu im Off-Text.
Dieser Film deutet mehr an, als er ausspricht: Er zeigt Worte, die zu Waffen werden. Er nimmt voraus, was in anderen DFFB-Filme und in der Studentenbewegung in den folgenden Monaten zu einem immer wichtigere Motiv werden sollte: An die Stelle von Texten, von Reden, von folgenlosen Demonstrationen und auch an die Stelle des Filmemachens sollte die direkte, militante Aktion treten. Diese Idee wird in einigen Filmen, die in dieser Zeit an der DFFB entstanden, immer wieder durchgespielt.
In Farockis nächsten Kurzfilm Ihre Zeitungen von 1967 sieht man, wie ein "kämpfendes Kollektiv" Pflastersteine in Springer-Zeitungen verpackt: Das Papier gibt dem Stein die Richtung, heißt es auf einem Zwischentitel, dann hört man das Klirren einer eingeschlagenen Fensterscheibe, und der Film ist vorbei. Das war deutlich: Raus aus dem Kino, Genossen, und dem Klassenfeind ein paar Fensterscheiben eingeschlagen.
In Godards One plus one heißt es an einer Stelle: "Es gibt nur eine Möglichkeit, ein intellektueller Revolutionär zu sein: Indem man aufhört ein Intellektueller zu sein." Für die DFFB-Studenten könnte man sagen: Es gibt nur eine Möglichkeit, ein revolutionärer Filmemacher zu sein: Indem man aufhört, ein Filmemacher zu sein. Anfang 1968 tauchte in Berlin ein Film mit dem Titel Herstellung eines Molotow-Cocktails auf, der bei Teach-Ins und in der Kommune Eins gezeigt wurde. Der Film war anonym, doch es ist heute sicher, daß dieser Film von Holger Meins stammte. In Herstellung eines Molotow-Cocktails wurde kommentarlos demonstriert, wie man eine Brandbombe bastelt. Am Ende des Films war in einer langen Einstellung Springer-Hochhaus gezeigt. Das Papier, aus dem die Lunte gedreht wurde, stammte aus Regis Debrays Guerilla-Anleitung "Revolution in der Revolution?"
Politisches Kino oder direkte Aktion - Meins' Film stellt die beiden Alternativen, die sich an der Filmakademie anzudeuten begannen, klar heraus und forderte dadurch eine Entscheidung. Aus der sublimierenden kulturellen Aktivität sollte militanten Aktion werden. Und genauso kam es. Am 1. Februar 1968 fand an der Technischen Universität in Berlin eine Veranstaltung statt, die der Vorbereitung eines "Springer-Tribunals" dienen sollte. Man beschloß ein Ultimatum, dem Springer-Verlag wurden "direkte Aktionen" angedroht. Anschließend sahen 1500 Studenten zweimal Herstellung eines Molotow-Cocktails mit der langen Einstellung vom Springer-Hochhaus am Ende.
Die Botschaft kam an: Am frühen Morgen des nächsten Tages wurden die Scheiben der Springer-Zeitung Berliner Morgenpost eingeworfen. Einige der Steine waren in Flugblätter eingewickelt, auf denen stand: "Enteignet Springer!" "Das Papier gibt dem Stein die Richtung", hieß es in Farockis Film Ihre Zeitungen. Am Morgen des 2. Februar 1968 war aus Kunst direkte, revolutionäre Aktion geworden, und 1968 begann im Ernst.
Autorenzeile:
Tilman Baumgärtel, geb. 1966, lebt in Berlin und im Internet (tilman@icf.de). Er arbeitet als freier Journalist für die taz, die Neue Züricher Zeitung, Spiegel, Telepolis und Konr@d. Seine Doktorarbeit "Vom Guerillakino zum Essayfilm: Harun Farocki - Werkmonographie eines deutschen Autorenfilmers" ist gerade erschienen.