Ich ließ mir von einem Freund in Münster ganz dünnes Schreibmaschinenpapier mitbringen, auf das ich das Buch abschrieb. Dann zerlegte ich das Manuskript in 20-Gramm-Briefe, die ich mit erfundenen Absendern aus verschiedenen Städten versah, und fuhr einen Tag lang von einer größeren Stadt zur anderen und steckte in jeder einen der Briefe in einen Straßenbriefkasten, Die Adressaten, Freunde, waren mündlich informiert gewesen. Alle Briefe sind angekommen, an den Verlag weitergegeben und dort wieder zusammengelegt worden."
So schmuggelte der Schriftsteller Rainer Kunze ein Romanmanuskript aus der DDR zu seinem Verlag nach Westdeutschland. Hätte er das Manuskript als Päckchen geschickt, hätte dies wahrscheinlich Beschlagnahmung, Haussuchung und möglicherweise Verhaftung bedeutet. Das schreibt Kunze im Katalog der Ausstellung "Ein offenes Geheimnis". Sie ist seit Donnerstag im Berliner Museum für Kommunikation zu sehen und beschäftigt sich mit der Post- und Telefonkontrolle in der DDR.
Mit Akribie
Auch wenn spätestens seit dem Fall der Mauer bekannt ist, das Post und Telefon systematisch überwacht wurden - die Akribie und die Systematik, mit der das Ministerium für Staatssicherheit dabei vorgegangen ist, ist auch fast dreizehn Jahre nach dem Zirka 90 000 Briefe wurden pro Tag DDR-weit gelesen; allein in Ost-Berlin gab es 25 "Abhörstationen", mit denen bei Telefongesprächen mitgehört und mitgeschnitten werden konnte.
Die Sammelwut nahm Formen an, die jede sinnvolle Weiterverwertung der aus Briefen und Telefonaten gesammelten Informationen unmöglich machte. Auf dem Postamt in Erfurt wurden zwar täglich 3 700 Briefe auf Film aufgenommen, doch nur ein Teil der Filme konnte überhaupt entwickelt werden! Wer glaubt, dass der Untergang der DDR wesentlich durch die Masse an unbearbeiteten Daten ausgelöst wurde, dürfte sich durch diese Ausstellung bestätigt fühlen.
"Anschriftenfahndung", "Automatische Öffnungsanlage", "Bedampfungsstraße": So schöne Worte dachte man sich bei der Stasi für die Methoden und Geräte aus, mit denen man die Korrespondenz eines ganzen Landes überwachte. Unwillkürlich fragt man sich, was sich wohl diejenigen dachten, die den lieben langen Tag private Briefe von anderen mit Wasserdampf oder Ultraschall öffneten, lasen, ablichteten, mit einem "Schräglichtgerät" auf Geheimschrift untersuchten und Und was mag im Kopf von jemandem vorgehen, der beruflich Pakete auspackt und durchsucht, dabei unter anderem den Inhalt von Zahnpastatuben ausquetscht und wieder zurückfüllt und das Paket wieder verpackt als sei nichts gewesen? Die Gebäude, in denen derartiges stattfand, wurden geschützt wie Militäreinrichtungen: in den "konspirativen Räumen" des MfS am Berliner Nordbahnhof gab es sogar Maschinenpistolen, um sich im "Ernstfall" verteidigen zu können.
Der größte Teil der Ausstellung ist in zwei Containern untergebracht, die den Überwachungsapparat von innen zeigen. Dort gibt es unter anderem den Befehl von Erich Mielke zu sehen, Briefmarken von einbehaltenen Briefen aus dem Westen abzulösen und an Sammler zu verkaufen. Nach dem Urteil über die Stasi-Akten von Altkanzler Helmut Kohl mussten die Ausstellungs-macher bei einigen Exponaten die Namen schwärzen.
Und im Westen?
Als gelernter BRD-Bürger fragt man sich beim Verlassen der Ausstellung allerdings, warum die Überwachung in West-Deutschland bei dieser Ausstellung so gar keine Rolle spielt. Die staatliche Bespitzelung der Bürger in der DDR mag ganz andere Dimensionen gehabt haben als im Westen - gegeben hat es sie dort natürlich auch.
Und aufgehört hat sie nie: am Tag vor der Ausstellungseröffnung stellte der Berliner Datenschutzbeauftragte seinen Jahresbericht vor. Aus dem geht unter anderem hervor, dass sich die Zahl der Telefonüberwachungen in Berlin zwischen 1995 und 2000 mehr als verdreifacht hat. Die Stasi mag weg sein, das Abhören geht weiter.
Bis zum 1. September im Museum für Kommunikation, Leipziger Straße 16, Tel.: 20 29 40. Katalog 17,50 Euro. Veranstaltungen: "Sag mir wo die Briefe sind": Mail Art und Postkontrolle, 10. April, Konzert von Stephan Krawczyk, 17. April.