"Data Zone" erzählt dokumentarisch von der Suche nach dem kalifornischen Hacker Kevin Mitnick, der unter dem Tarnnamen "Dark Side Hacker" jahrelang in Firmencomputer einbrach, Daten klaute und Systeme zerstörte. Doch die strikten Grenzen zwischen Schwarz und Weiß, Gut und Böse sind vielleicht nicht ganz so sauber zu ziehen, weiß Tilman Baumgärtel.

Die Geschichte hat alles, was eine spannende Abenteuerstory braucht: Einen boshaften Schurken, der niederträchtige Verbrechen begeht. Einen strahlenden jungen Helden, der den Schurken zuletzt zur Strecke bringt. In einer Nebenrolle eine Frau, die für amouröse Verwirrungen sorgt. Und zum Schluß einen rasanten Showdown mit einer dramatischen Verfolgungsjagd.

Doch die Geschichte, die "Data Zone" erzählt, ist kein amerikanischer Krimi. Das Buch erzählt dokumentarisch von der Suche nach dem kalifornischen Hacker Kevin Mitnick, der unter dem Tarnnamen "Dark Side Hacker" jahrelang in Firmencomputer einbrach, Daten klaute und Systeme zerstörte. Als er am ersten Weihnachtstag des Jahres 1994 in den Rechner des Computersicherheitsexperten Tsutomu Shimomura einbrach, hatte er sich, wie es im Jargon der Ami-Actionthriller heißt, "den falschen Mann ausgesucht". Shimomura "schnappt sich seinen 2,4-Giga-Byte, 85 MHz SPARC Laptop samt seinem Funktelefon und nimmt die Verfolgung auf", wie es im Klappentext steht, und man hört förmlich die Reifen quietschen...

Dabei erzählt "Data Zone" eigentlich eine Story ohne äußere Spannung. Während Shimomura und Mitnick Räuber und Gendarm im Internet spielten, saßen sie I.R.L., "In Real Life", nur vor ihrem Rechner und hackten vor sich hin. Um der technischen Chronik Spannung zu verleihen, stilisieren Shimomura und der New York Times-Reporter John Markoff, der ihm beim Abfassen des Buchs geholfen hat, die ganze Geschichte zu einer moralischen Auseinandersetzung zwischen dem totalen Computer-Guten und dem absoluten Computer-Bösen - inklusive großen "Shoot Out" am Ende der Story. Das funktioniert nur bedingt:Höchstens UNIX-Programmierer dürften es aufregend finden, wenn Shimomura seitenlang beschreibt, mit welchen Rechnertricks es ihm gelang, Mitnick schließlich zu stellen und der Polizei zu übergeben. Die deutsche Hackergazette "Datenschleuder" vom Chaos Computer Club warnte ihre Leser allerdings schon: "Die neuesten Hacks wird man hier nicht finden."

Wie kann man die technischen Geschichten des 21. Jahrhunderts, die vielleicht bald nur noch in Computern und Datennetzen stattfinden werden, überhaupt noch erzählen?

"Data Zone" läßt den Leser vor allem mit einer Frage zurück: Wie kann man die technischen Geschichten des 21. Jahrhunderts, die vielleicht bald nur noch in Computern und Datennetzen stattfinden werden, überhaupt noch erzählen? Es gibt ein paar Sätze in "Data Zone", die davon eine Ahnung vermitteln - wie zum Beispiel diesen: "Weil ich (Shimomura - Anm.) mich ein bißchen von der Welt abgeschnitten fühlte, seit mein Radio-Mail-Terminal abgestürzt war, hörte ich über mein Handy meine Voice-Mail in San Diego ab, während ich mit dem Auto durch Los Angeles fuhr."

Shimomura ist so stolz darauf, daß er Mitnick "aus-programmiert" hat, daß der Ton des Buchs manchmal unangenehm prahlerisch wird. Manchmal glaubt man, daß er "Data Zone" geschrieben hat, um seinen Sieg über den "Dark Side Hacker" zu feiern. Doch tatsachlich will er natürlich nur davor warnen, daß der "Computeruntergrund das Vertrauen und das Gemeinschaftsgefühl der weltweit miteinander verbundenen Internet-User" zerstören könnte und uns dann die "Anarchie im Datennetz" droht, wie es in dem Buch heißt.

Mal abgesehen davon, daß die "Anarchie im Datennetz" genau das Erfolgsrezept des Internets ausmacht: Shimomuras Version der ganzen Geschichte wird in einem anderen Buch über Kevin Mitnick, das in den USA zur selben Zeit wie "Data Zone" erschienen ist, stark relativiert. In ihm erscheint Mitnick nicht als diabolischer Computer-Irrer, sondern als etwas seltsamer junger Mann mit Kontaktproblemen, dessen Hacks wohl eher ein Zeichen von Isolation als von echter Bösartigkeit waren.

Tsutomu Shimomura: Data Zone - Die Hackerjagd im Internet, dtv Premium, 34 Mark, 350 Seiten