Das Gebetbuch des TeufelsDie Ausstellung „game_over“ im Museum für Sepulkralkultur in Kassel handelt von Spielen, Tod und Jenseits – vom „Himmel und Hölle“ bis zu „Space Invaders“Von Tilman Baumgärtel„Eine gesunde Existenz für Aufsteller“, eine „hervorragende Einnahmequelle für jedes Lokal“ – so wurde 1935 der „Zentribomber“ beworben. „Ohne polizeiliche Schwierigkeiten“ kann der „Bombenschlager“ in jedem Lokal aufgestellt werden, und schon in der ersten Woche werden bis zu 5000 Kugeln verschossen, heißt es in einer Werbebroschüre für die Maschine. Nachdem die Nazis Mitte der 30er Jahre Glücksspiele in Deutschland verboten hatten, wurden solche Geräte zu beliebten Attraktionen in Kneipen und auf Rummelplätzen – dass sie nebenbei auch zur Bedienung von Waffen ausbildeten, dürfte ganz im Sinne der Nationalsozialisten gewesen sein. Der Schießautomat steht in einer Ausstellung des Museums für Sepulkralkultur in Kassel (http://www.sepulkralmuseum.de/), die man als Abwechslung von der diesjährigen documenta besuchen kann. Die Schau „game_over“ (http://www.sepulkralmuseum.de/mfs/gameover/gameover.htm), die in dem der Sterbekultur gewidmeten Museum zu sehen ist, handelt von dem Zusammenhang zwischen Spielen und Tod. Denn der Tod ist ein zentrales Thema vieler Spiele, nicht bloß bei „Ballerspielen“ für den Computer. Und bei manchen besonders grausamen Spielen fließt nicht bloß virtuelles Pixelblut, sondern ganz reales, wie zum Beispiel beim Russischen Roulette. Schon bei frühen Brettspielen wie dem „Gänsespiel“, einem Vorläufer von „Mensch, ärger Dich nicht“ oder „Malefiz“, wartet auf einigen Spielfelder Gevatter Hein auf den Spieler, um ihn in die Hölle abzutransportieren. Erst in späteren „entschäften“ Versionen geht es nach Amerika oder mit der „Tramway“ durch die Stadt. Das „Rausschmeißen“ in vielen anderen Würfelspielen ist letztlich auch ein Relikt des symbolischen Todes auf dem Spielbrett. Bei dem Hüpfspiel „Himmel & Hölle“ springt man sogar gleich ins Jenseits. Beim Tarot ist der Tod gar auf einer der Karten zu sehen, und auch beim Puppentheater sind oft Tod oder Teufel mit von der Partie. In vielen Kinderspielen ist der Tod bis heute ein selbstverständlicher Teil des Spielens geblieben: peng, Du bist tot. Auch das Kriegsspielzeug von Schreckschusspistolen bis zu Modell-Flugzeugsträgern handelt vom Sterben – die Diskussionen um Kriegsspiele, die die Ausstellung dokumentiert, erinnern an die gegenwärtigen Debatten über Computerspiele. „Gewaltschund“ soll aus dem Fernsehen und dem Internet verschwinden, angeblich die „Gewaltbereitschaft“ fördernde Ballerspiele wie „Counterstrike“ auf den Index gesetzt oder gleich ganz verboten werden – so lautete die Meinung von vielen Politikern nach dem Amok-Massaker von Erfurt. „game_over“ zeigt, dass nicht nur Computergames, sondern auch analoge, heute wesentlich harmloser erscheinende Spiele oft den Unwillen der Autoritäten erweckten: Das Kartenspiel, das „Gebetbuch des Teufels“, wurden im Mittelalter in einigen deutschen Städten verboten, und auch auf zeitgenössischen Illustrationen des „Narren Schyffs“ von Sebastian Brant grinsen schon fröhliche Skelette hinter den „Spylern“, um die verkommenen Gesellen mit ins Jenseits zu verschaffen. Eine besondere Attraktion des Schau sind die britischen „Working Models“: Automaten, bei denen nach Einwurf einer Münze kleine Blech-Leichen auf kleinen Blech-Friedhöfen aus dem Grab steigen oder in einem „Haunted House“ Geister durch die Zimmer spuken. Und auch bei Flippern wie zum Beispiel bei dem Modell „Addams Family“ wird nicht mit makabren Details gespart. Alle diese Geräte kann man auch bespielen oder sich vom Museumspersonal vorführen lassen. Andreas Lange vom zur Zeit geschlossenen Berliner Computerspiele-Museum hat eine Auswahl von zum Teil schon historischen Games zusammengestellt, bei denen es ebenfalls um Leben und Tod geht. Dazu gehört zum Beispiel die Simulation „Game of Life“ des Informatikers John Conway von 1972, bei der man den Lebenszylkus von Zellen erforschen kann, oder „Creatures“, bei dem der Spieler selbst kleine Lebewesen züchtet. Ballerklassiker von dem frühen Atari-„Gun Fight“ bis zu „Half Life“ fehlen ebenfalls nicht, und in einer Vitrine sind die schon fast in Vergessenheit geratenen „Tamagochis“ zu besichtigen – komplett mit einem Internetfriedhof für verstorbene Exemplare. Viele der frühen Todesspiele entstammen letztlich religiösen Kulten. Bei den Spielen, die früher auch in Deutschland bei Totenwachen gespielt wurden, ist dieser Ursprung zum Teil noch zu erkennen. Bei besonders grausamen irischen Spielen wie „Driving the Pigs across the Bridge“ floss sogar Blut, wenn die Spieler mit einer Ahle in den Hintern gestochen wurden – ein Hinweis auf religiöse Opfer, glauben Spielhistoriker heute. In Westfalen fiel bei der „Tanzleiche“ ein Spieler auf einer Tanzfläche „tot“ um, und wurde durch einen Rundtanz der anderen Gäste wieder zum Leben erweckt, in Ungarn wurde die „Leiche“ sogar von anderen Tänzern durch den Raum gezogen. Solche grausigen Spiele wirken heute, wo der Tod nicht mehr selbstverständlicher Teil des Alltagslebens ist, sondern eher im Verborgenen stattfindet, makaber. Aber vielleicht liegt es auch gerade an der heutigen Tabuisierung des Sterbens, dass die Debatte über Computerspiele derzeit so aufgebracht geführt wird. Game_over – Spiele, Tod und Jenseits, im Museum für Sepulkralkultur, Kassel, in Zusammenarbeit mit dem Computerspielemuseum, Berlin, Museum Ganselmann, Espelkamp und dem Deutschen Spielemuseum, Chemnitz, bis zum 29. September 2002, Katalog 27 Euro
Telepolis · 24.06.2002
Das Gebetbuch des Teufels
Die Ausstellung "game_over" in Kassel handelt von Spielen, Tod und Jenseits - vom "Himmel und Hölle" bis zu "Space Invaders"