Warum gibt es eigentlich so wenig gute Bücher über das Internet? Nach fünf Jahren mit jeder Menge Publikationen über das Netz der Netze muß man feststellen, daß nur wenige Bücher dabei waren, die von bleibendem Wert sind. Von den Massen von Netzbüchern, die sich in meinem Regal stapeln, werde ich wohl in die wenigsten jemals wieder hineinsehen; ihre Haltbarkeitsdauer haben die allermeisten schon längst überschritten.

Liegt das daran, daß die meisten Autoren, die sich mit dem Thema beschäftigen, von ihrem eigenen Enthusiamus und ihren eigenen Zukunftsprognosen zu unkritischen Jubelorgien mitgerissen wurden? Oder daran, daß sich im Internet so viel so schnell verändert, daß das Medium Buch zu langsam ist, und jede längerfrisitig vorbereitete Publikation immer schon veraltet ist, wenn sie schließlich erscheint? Besonders im Bereich der Netzkultur gibt es zwar jede Menge wüste Spekulationen und atemberaubende Vorhersagen zu lesen, aber kaum Bücher, die längerfristig zu gebrauchen sind.

Auch die beiden Publikationen, die das holländische Medienlabor V2 aus Rotterdam im vergangenen Jahr herausgebracht hat, haben schon ein Jahr später einiges von ihrer Aktualität eingebüßt. Nach dem "Buch für unstabile Medien", das Anfang der 90er Jahre eine wertvolle Zusammenstellung von Materialen zu Netz- und Hackerkultur war, sind 1997 bei V2 zwei Bücher erschienen, die sich beide auf ihre Weise mit dem Internet beschäftigen: "Interfacing Realities" dokumentiert den Versuch einer Diskussion zwischen Theoretikern und Netzkünstlern; "Technomorphica" versammelt eine Reihe von Essays über die "zunehmende Verschmelzung von Biologischem und dem Technologischen", die "die Basis dessen, was wir Subjekt nennen, das autonome Individuum und das autonome Kunstwerk in Frage stellen", wie es im Vorwort heißt.

Die These ist freilich bereits stark zweifelhaft, suggeriert sie doch dieselbe unkritische Affirmation von Biotechnologie, Gentechnik und Prothetik, die auch bei der ars electronica im vergangenen Jahr zelebriert wurde und dort ebenfalls schon ein wenig antiquiert wirkte. Gemeinsam mit der "Flesh Factor"-ars hat das Buch auch einen der Protagonisten: den australischen Künstler Stelarc, der nicht nur mit einem Aufsatz vertreten ist, sondern dessen Projekt einer "Magenskulptur" in dem Buch in den Mittelpunkt gerückt wird. Freilich: Wir sind im liberalen Holland, und deswegen steht nicht die Wir-werden-alle-Cyborgs-und-schon-bald-werden-wir-unseren-Körper- in-die-Matrix-hochladen-Fraktion im Mittelpunkt, sondern eher kritische Stimmen, wie die von dem amerikanischen Kritiker Mark Dery oder der deutschen Soziologin Gerburg Treusch-Dieter. Auch der mit zunehmendem Alter immer kulturpessimistischer werdende Paul Virilio ist mit einem Aufsatz vertreten.

Doch es sind weniger die Texte, die "Technomorphica" zu einem Sammlerstück machen, sondern die exquisite Gestaltung. Wenn schon der Inhalt solcher Publikationen einem schnellen Verfall anheimfällt, scheint man sich bei V2 gedacht zu haben, kann man dem Buch wenigstens eine Gestaltung geben, die langfristig funktioniert. So zeigt jede zweite Doppelseite Bilder aus dem Video von Stelarcs "Magenspiegelung". Wer das Buch schnell durchblättert, hat eine fast filmische Illusion vom Abstieg durch die Speiseröhre in den Magen. So inkorporiert das Buch ein anderes Medium, das Kino.

Noch stärker medial geprägt ist "Interfacing Realities", das aus einem ambitionierten Projekt hervorgegangen ist: Anläßlich eines V2-Medienkunstfestivals sollten Medienkünstler und -theoretiker miteinander online diskutieren. Über diese Art von Kollaboration und Online-Diskurs ist viel spekuliert worden, aber unter den Netz- Usern, die an dem Experiment teilgenommen haben, hat es nicht funktioniert: Die Künstlergruppe Knowbotic Research, William J. Mitchell, Stephen Perrella, Stacey Spiegel und Sigfried Zielinski haben brav Standardtexte abgeliefert, doch zu einer Debatte kam es zwischen ihnen nicht.

Die Designer des Buches haben versucht, die fehlende Diskussion grafisch zu simulieren: Die Buchseiten sind in mehrere Streifen unterteilt, die man hin und herblätten kann. So werden verschiedene Texte - quasi als Hypertext - miteinander konfrontiert. Auch so kommt allerdings kein rechter Dialog zustande, aber immerhin ist hier einmal der Versuch unternommen worden, aus dem Buchparadigma herauszukommen und sich andere Gestaltungsformen einfallen zu lassen. "Interfacing Reality" ist selbst eher ein Interface als ein Buch. So macht es unfreiwillig auf ein anderes Manko der meisten Netzbücher aufmerksam: langweilig gestaltet sind sie auch noch.

V2_ Organisatie: Interfacing Realities, mit Beiträgen von Knowbotic Research, William J. Mitchell, Stephen Perrella, Stacey Spiegel und Sigfried Zielinski, Rotterdam 1997 (V2_ Organisatie), 29 Gulden, nicht paginiert,

V2_: Organisatie: Technomorphica, mit Beiträgen von Stelarc, Manuel De Landa, Knowbortic Resarch+cF, Gerburg Treusch-Dieter, Wim Nijenhuis, Mark Dery, Lary Spuybroek, Humberto R. Maturana, Kerstin Dautenhahn, Detlef B. Linke, Stefaan Decostere, Louis Bec, Jozef Keulartz, Paul Virilio, Rotterdam 1998 (V2_ Organisatie), 42,50 Gulden, 363 Seiten