„Touching from a Distance. Transmeditationsprozesse im digitalen Zeitalter“

Von Tilman Baumgärtel

Als die dänische Künstlerin Ditte Ejlerskov von einem Fergal O´Connor einen Email bekam, in der dieser sie um eine Spende für sein Kunststiftung in Barbados bat, drückte sie nicht reflexhaft auf die Löschtaste, wie es die meisten Menschen tun würden. Stattdessen begann sie eine ausgedehnte Email-Korrespondenz mit dem Mann, der eine angebliches Brathwaite Art Foundation betreibt, in der Kinder und Jugendliche an die Kunst herangeführt werden sollen.

Und wie es die Art derartiger „Spammer“ ist – also von Internetbetrügern, die versuchen, per Email andere Netznutzer dazu zu bringen, ihnen Geld zu überweisen – ließ sich Fergal nur zu gerne auf die Mails ein, antworte ausführlich und höflich. Als Ablenkung vom Alltag korrespondierte sie über lange Zeit unter dem Pseudonym „Barb“ mit „Fergal“, konfrontierte ihn mit ihrem Halbwissen über Barbados (Wurde da nicht Rihanna geboren?) oder ließ ihre schlechte Laune an ihm aus.

Ihr Korrespondenzpartner blieb konziliant und fuhr sogar über die halbe Insel, um für seine grantige dänischen Brieffreundin ein Foto von Rihannas früherem Haus zu schießen. Und er unterbreitete immer neue Finanzierungsangebote – bis „Barb“ ihm schließlich mitteilte, dass sie vorhabe, ihn in Barbados zu besuchen. Plötzlich war „Fergal“ aus dem Internet verschwunden und auch nicht aufzufinden, als die Künstlerin tatsächlich auf die Karibikinsel reiste – ebenso wie die Brathwaite Art Foundation, versteht sich. Der Briefroman, den die beiden begonnen hatten, hat kein Happy End.

Ihre Korrespondenz veröffentlichte die Künstlerin in drei kleinen Büchlein unter dem Titel „My Bajan Letters“, die zur Zeit zusammen mit einem Video von der Barbados-Reise in einer Ausstellung im Literaturhaus an der Fasanenstraße zu sehen sind. „Touching from a Distance“ – kuratiert von Tina Sauerländer, Peggy Schoenegge und Manja Ebert – will zeigen, wie digitale Daten auf ihrem Weg durchs Netz über weite Entfernungen Beziehungen herstellen und Zusammenhänge stiften.

Mögen die Daten auch immateriell und frei flottierend sein, können sie doch sehr handfeste Konsequenzen haben und kniffelige Probleme aufwerfen, wie die Arbeit von Ditte Ejlerskov zeigt, die auch davon handelt, wie unvorbereitet wir für solche globalen Begegnungen letztlich immer noch sind. So wie „Fergal“ in seinen Mails vom Lebensstandard im fernen Nordeuropa schwärmt, das er nie gesehen hat und nie sehen wird, fallen „Barb“ letztlich nur seichte Klischees zu Barbados ein. Die Künstlerin profitiert vom Wohlstandsgefälle zwischen Erster und Dritter Welt ebenso wie von der Bereitschaft von „Fergal“, unbezahlte, affektive Arbeit zu leisten, um sie möglicherweise irgendwann einmal um 1000 Dollar zu erleichtern.

Nicht alle Arbeiten buchstabieren das Thema der Ausstellung so explizit aus wie „My Bajan Lettres“, doch immer wieder geht es darum, wie schneller und schneller zirkulierende Information mehr oder weniger unkontrolliert auf unser Leben einwirken. In Sarah Oh-Moks Videoinstallation „You want it darker“ werden Internet-Halbwahrheiten und populistische Panikmache konkret visualisiert: Killerclowns und Meldungen über Morde und Übergriffe schaffen eine schwer greifbare und letztlich gegenstandslose Atmosphäre der Furcht, die eine „Angstwissenschaftlerin“ mit naturwissenschaftlichen Methoden analysiert. Nicht immer gelingt es den Arbeiten dabei, sich vom Deskriptiven zum Analytischen aufzuschwingen: Wenn zum Beispiel Sabrina Labis unter dem Titel „Low Res Memories“ Familienvideos in verschiedener digitaler Auflösung mit Bildern von zerstörten Fernsehern kombiniert oder Manja Ebert Textfragmente aus dem Internet über den Bildschirm eines Laptop huschen lässt, bietet das wenig mehr als die Summe der Bestandteile.

Aber vielleicht ist das alles auch sowieso nur eine Illusion a la „Die Matrix“, wie die Arbeit von The Swan Collective uns zu überzeugen versucht. Während in der Virtual-Reality-Installation die Umwelt auseinander genommen wird wie eine Filmkulisse, redet einem eine Stimme aus dem Off ein, dass man eigentlich ein Computerprogramm ist, das in der VR-Brille zum ersten Mal die wirkliche Datenwelt“ zu sehen bekommt – das „da draußen“ war alles nur eine Simulation.

Das Daten und physischer Raum aber auch zu einer synästhetischen Erfahrung verschmelzen können, zeigt die Installation von Jessica Kennedy: Während man in einem Bällebad liegt, teleportiert einen die VR-Brille in ein behagliches Krickel-Krakel-Badezimmer mit brennenden Kerzen und smaragdgrünen Badewasser – immaterielle Signale aus dem Computer und aus dem physischen Raum überschneiden sich im Bewusstsein des Betrachters.

„Touching from a Distance. Transmeditationsprozesse im digitalen Zeitalter“ bis zum 14. Oktober im Literaturhaus Berlin