Der Himmel über dem Revier
Wo die Datenautobahn den Ruhrschnellweg kreuzt: die Medienkunst-Ausstellung „Connected Cities“ betrachtet das Ruhrgebiet als riesiges Netzwerk
Von Tilman Baumgärtel
Wer aus dem Duisburger Hauptbahnhof tritt, steht überrascht auf einer riesigen Autobahnbrücke. Im Rücken hat man die Gleise, auf denen Güterzüge und ICEs in den Bahnhof hinein- und hinausfahren, unten wälzt sich auf vier Spuren der Autoverkehr. Hier treffen sich zwei riesige Netze: das Schienennetz der Bahn mit dem Strassennetz für den privaten Kraftverkehrs.
Wenn man ein paar hundert Meter weiter zum Wilhelm-Lehmbruck-Museum geht, betritt man eine andere Schnittstelle von verschiedenen Netzwerken. Bei der Ausstellung „Connected Cities“ überkreuzen sich die Daten- und Informationsströme aus verschiedener Kommunikationsnetzen. Die Medienkunstshow beschäftigt sich mit den künstlerischen Konsequenzen der weltweiten Vernetzung über Telefon, Satellitenfernsehen oder den „Informationsuperhighway“ des Internets. 13 Künstler und Künstlergruppen haben im Auftrag der Museums Skulpturen und Installationen entwickelt, die die Grenzen des Museums in Richtung der weltweiten Datennetze aufbrechen.
Im Duisburger Lehmbruck-Museum ist nur gut die Hälfte der Arbeiten zu sehen; weitere Ausstellungsorte sind über das gesamte Ruhrgebiet verstreut. In einer ehemaligen Brauerei in Unna, in einer Miene in Herten oder einer Zeche in Essen sind Multimedia-Installationen zu sehen, die zum Teil „telematisch“ mit dem Museum durch ISDN-Kabel verbunden sind. Wer die gesamte Show sehen will, ist mindestens einen Tag mit dem Auto unterwegs, oder muß an einer der Bustouren durchs Revier teilnehmen, die das Museum am Wochenende anbietet. Bei ihnen kann man selbst erfahren, was passiert, wenn die Datenautobahn den Ruhrschnellweg kreuzt.
Daß so eine Ausstellung ausgerechnet im Ruhrgebiet stattfindet, liegt nahe: das Revier ist selbst ein riesiges, dezentrales Netz aus Eingemeindungen, die sich um Autobahnkreuze gruppieren. Nicht länger eine Ansammlung von Städten, sondern ein riesiger, urbaner „Sprawl“, der durchzogen wird von einem verästelten Netz aus Straßen, Bahntrassen, Telefon-, Gas-, Wasserleitungen. Wenn man aus der Ausstellung „Connected Cities“ kommt, sieht das Ruhrgebiet mit seinen Strassen, Bus- und Bahnlinien auf der Landkarte aus wie der Bauplan für ein beliebiges anderes Netzwerk: ein Internetdiagramm, die Platine eines Computers oder ein Fernwärmesystem.
Die Geschichte der Moderne ist auch die Geschichte der „Durchäderung der Welt“ (C. Asendorf) mit solchen Systemen, und die Kunst der Moderne hat sich von Anfang mit ihnen beschäftigt. Doch die Künstler, die sich an „Connected Cities“ beteiligt haben, haben deren Leitungen als Ort für ihre künstlerischen Aktivitäten entdeckt. Für sie sind die Telekommunikationsnetze nicht mehr künstlerisches Sujet, sondern zum Ort und zum Material geworden. „Die Künstler“, schreibt Kuratorin Söke Dinkla in ihrem Katalogvorwort. „sehen den digitalen Raum als eine Form der Urbanität, in der dieselben Prozesse des Gemeinlebens, der Kommunikation, der Diskommunikation und der Ausgrenzung stattfinden wie im realen Stadtraum.“
Besonders deutlich wird das Anliegen der Ausstellung in der Installation „Time and Time Again“ von Lynn Hershman und Fabian Wagmister: im Museum erscheint der Besucher auf einer Leinwand per „Blue Box“-Effekt in Bildern vom Hauptbahnhof in Gelsenkirchen oder der Zeche Zollverein in Essen. Diese werden in Echtzeit von einer Webcam ins Museum übertragen werden. So findet sich der Betrachter als Silhouette zwischen den Überresten der Industrie wieder, die das Ruhrgebiet einmal geprägt hat. Die Kamera, die den Betrachter filmt, kann von Usern aus dem Internet gesteuert werden; so verschränken sich in der Installation virtuelle Datenströme mit Ansichten des physischen Raums. Auch wenn die Arbeit nicht die schlichte Eleganz des klassischen „Hole in space“ von Mobile Image (1977) erreicht, demonstriert sie doch, wie telematische Skulpturen den Raum des Museum wenn schon nicht verlassen, so doch überschreiten und erweitern können.
Zu den Netzwerken, die die Künstler bei „Connected Cities“ bearbeiten, gehört auch das des internationalen Flugverkehrs: Selbst der „Himmel über den Ruhrgebiet“ wird im Katalog von „Connected Cities“ als Ausstellungsort genannt. Und in der Tat holt der Slowene Marko Peljhan mit seiner Installation „Sky Area“ den Luftraum über dem Revier als eine Art globale Skulptur ins Museum. Als Amateur-Agent kann der Ausstellungsbesucher über Kopfhörer den Gesprächen zwischen Fluglotsen und Piloten zuhören, während auf der Wand vor ihm zu sehen ist, welche Flugzeuge gerade über dem Ruhrgebiet schweben. Wie schon in seinem documenta-X-Beitrag „Makrolab“ macht der Künstler den Betrachter so zu einem Mit-Verschwörer in seiner künstlerischer Gegenspionage.
Was für Leute mit diesen Flugzeugen ins Ruhrgebiet gepumpt worden sind, kann man in einer simplen, aber eindrucksvollen Arbeit von Ingo Günther betrachten: er hat die Familiennamen aus allen Revier-Telefonbüchern alphabetisch geordnet. Und, sieh mal einer an: da stehen neben Müllers, Meiers und Schmidts genauso viele Yilmazs, de Lorenzos und Papandreous’. Die internationale Fernverkehrs-Netzwerke haben aus dem Ruhrgebiet, das als eine Art deutsches Kernland gilt, auch einen multikulturellen „Melting Pot“ gemacht.
Nicht alle Arbeiten entsprechen freilich der konzeptionelle Vorgabe der experimentellen Ausstellung: die Arbeit „IO_dencies Ruhrgebiet“ von der Künstlergruppe Knowbotic Research ist wenig mehr als eine glorifizierte Datenbank, in der der User sich durch aufgeblasene Spagetti-Sätze navigieren kann - prätentiöser Quatsch, der alle Vorbehalte gegen Medienkunst (viel technischer Aufwand, wenig Substanz) aufs schönste bestätigt. Andere Arbeiten funktionieren zwar als interaktive Installationen, aber was sie mit Vernetzung zu tun haben sollen, bleibt unklar. Kirsten Geislers „Counting. Beauty 2.1“, bei der eine androgyne, virtuelle Schönheit dem Betrachter sanfte Worte zuraunt, ist zwar eine der gelungensten, neueren Arbeiten aus dem Genre Medienkunst, aber vernetzt wird hier nichts.
Doch jenseits von solcher Detailkritik bleibt festzuhalten: „Connected Cities“ ist eine der mutigsten und ungewöhnlichsten Ausstellungen seit langem, und das nicht nur im Bereich der Medienkunst. Der organisatorische und logistische Aufwand hat sich gelohnt, und der war in diesem Fall immens. Denn auch wenn viele der Kunstwerke, die in Duisburg zu sehen sind, immateriell und körperlos wirken: für die Ausstellung mußte die Telekom den Bürgersteig vor dem Museum aufstemmen, um dicke, neue Kabel zu legen. Die alten Telefonleitungen waren von den Datenmengen, die Richtung Kunst strömen sollten, schlicht überfordert.
Bis zum 1. August 1999 im Wilhelm-Lehmbruck-Museum und an verschiedenen anderen Orten im Ruhrgebiet.
Website mit ausführlicher Dokumentation und allen notwendigen Karten unter:
www.connected-cities.de
Anmeldung bei einer Busrundfahrt unter: Tel. 0202 - 283 26 30
Katalog 39 Mark
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