Angriff auf eine Institution
Hackerattacken auf das Internet Archive bedrohen das Gedächtnis des Internets
Von Tilman Baumgärtel
Die Website des Internet Archive (www.archive.org), bekannt für seine digitale Bibliothek und die „Wayback Machine“, ist Opfer mehrerer Cyberangriffe geworden. Dabei wurden die Daten von 31 Millionen Nutzern gestohlen. Die Seite war seit Freitag nicht erreichbar und ist derzeit nur in einer eingeschränkten Version wieder online. Zu den gestohlenen Nutzerdaten gehören unter anderem E-Mail-Adressen, Passwörter, Benutzernamen und interne Systemdaten. Offenbar ereignete sich dieser Hack bereits Mitte September.
Obwohl sich bisher niemand zu diesem Datendiebstahl bekannt hat, hat die Hackergruppe SN-BLACKMETA die Verantwortung für eine zeitgleiche Distributed-Denial-of-Service (DDoS)-Attacke auf www.archive.org übernommen. Bei DDoS-Angriffen werden Websites durch gezielte Überlastung lahmgelegt.
Seit Montag wird die Website Schritt für Schritt wieder zugänglich gemacht. Die einzigartige Sammlung von 866 Milliarden Webseiten blieb bei den Attacken unbeschädigt. Auch die 42,1 Millionen Druckerzeugnisse, 13 Millionen Videos, 1,2 Millionen Softwareprogramme, 14 Millionen Audiodateien und 5 Millionen Bilder (Stand: September 2024) sind weiterhin vorhanden, jedoch nur eingeschränkt abrufbar. Die Open Library (openlibrary.org), ebenfalls ein Projekt des Internet Archives, war zum Redaktionsschluss noch nicht erreichbar.
SN-BLACKMETA begründet ihren Angriff auf archive.org politisch: In einem Posting auf X (https://x.com/Sn_darkmeta/status/1845502888480579860) schreibt die Gruppe, man wolle „Stimmen derjenigen Gehör zu verschaffen, die oft zum Schweigen gebracht und übersehen werden. Unsere Mission wurzelt im Kampf für Gerechtigkeit, Gleichheit und Anerkennung für das palästinensische Volk… Der Angriff auf eine bedeutende digitale Ressource wie das Internet Archive dient dazu, die Bedeutung seiner Geschichte und seiner Erfahrungen zu unterstreichen.“
Inwiefern der Angriff auf das Internet Archive genau dem Ziel dient, die „Geschichte und die Erfahrung“ der Palästinenser hervorzuheben, erklärt die Gruppe nicht. Das dürfte auch schwierig werden. Denn das Internet Archive ist international die einzige Institution, die digitale Geschichte in Form von Websites dauerhaft sammelt und erhält – auch die der Palästinenser.
Das Online-Archiv wurde 1996 von Brewster Kahle, einem US-amerikanischen Software-Unternehmen, ins Leben gerufen. Die in San Francisco ansässige und als gemeinnützig anerkannte Organisation macht regelmäßig Kopien von Webseiten und speichert sie für den Fall, dass sie geändert oder gelöscht werden. Wie eine Suchmaschine folgen dabei „Spider“ genannte Programme den Links auf den Websites in ihrem Archiv und lädt Teile der so gefundenen Internetinhalte auf den eigenen Server.
Diese „Snapshots“, die seit 1996 gesammelt werden, können in der „Wayback Machine“ auf der Website der Organisation abrufen werden. Wie mit einer Internet-Zeitmaschine kann man hier besichtigen, wie sich die Websites des Weißen Hauses (https://web.archive.org/web/20240000000000*/https://www.whitehouse.gov/) oder von Zeit Online (https://web.archive.org/web/20240000000000*/zeit.de) über die Jahre verändert haben. Man findet die Homepages von lange offline gegangenen Internetmedien wie der deutschen „Netzeitung“ (https://web.archive.org/web/20240000000000*/netzeitung.de) (2000 - 2009) oder des amerikanischen Tech-Website „Motherboard“ (https://web.archive.org/web/20240000000000*/https://motherboard.vice.com/) (2009 - 2019) ebenso wie private Blogs, die von ihrem Gründern lange eingestellt oder gar gelöscht worden sind.
Der Angriff auf diese einmalige Institution wirft ein grelles Licht auf die bedrückende Situation des Erhalts von Internet-Inhalten und anderem digitalen Kulturgut. Bisher hat kein Nationalarchiv und keine internationale Kulturinstitution wie etwa die UNESCO ein vergleichbares Archivangebot aufbauen können – oder es auch nur versucht. Das Internet Archive ist weltweit einmalig. Sollte es dauerhaft beschädigt oder anderweitig aus dem Verkehr gezogen werden, wäre die international einzige brauchbare Ressource perdu, mit der man nicht nur die Entwicklung des Internets seit Mitte der 90er Jahre nachvollziehen kann, sondern auch Zugriff auf Inhalte hat, die aus dem Netz verschwunden sind. Das Internet Archive ist das Gedächtnis des Internets – und es ist das einzige!
Während es weltweit unzählige Bibliotheken, Archive und Museen für analoge Bücher, Landkarten, Tonträger, Bilder oder die Briefe und Nachlässe von Künstlern, Autoren und Wissenschaftlern gibt, werden Inhalte aus dem Internet bisher kaum systematisch gesammelt und erhalten – und damit Material aus dem Medium, das sich zur wichtigste Plattform für die gesellschaftliche Wissensverbreitung und Debatte entwickelt hat. Archive von Städten und Gemeinden, Unternehmen, den Kirchen und anderen Organisation sammeln pflichtbewusst das gedruckte Material und die schriftlichen Akten, die ihre Auftraggeber produzieren, und verzeichnen sie in Katalogen und Indexen. Aber die Websites dieser Organisationen, die Facebook-Postings und die Youtube-Videos, die viele Städte oder Unternehmen ja auch produzieren, gehören selten zum Sammlungsauftrag. Selbst mit dem Emailverkehr tun sich traditionelle Archive oft schwer.
Verbindliche Statistiken über die durchschnittliche Lebensdauer einer Webseite existieren nicht, und es gib auch immer noch Homepages aus der Frühzeit des Webs, die bis heute unverändert erhalten geblieben sind wie zum Beispiel die Promo-Website für den Film „Space Jam“ (https://www.spacejam.com/1996/) von 1996 oder das Netzkunstwerk „My boyfried came back from the war“ (http://www.teleportacia.org/war/) der Russin Olia Lialina aus dem selben Jahr.
Aber nach einer Untersuchung des Online-Marketingfirma Orbit Media bleibt die durchschnittliche Webseite sechs Jahren und vier Monaten im Netz (https://www.orbitmedia.com/blog/website-lifespan-and-you/). Laut einer Studie des Pew Research Centers, einem Thinktank aus den USA, existieren 38 Prozent der Webseiten aus dem Jahr 2013 nicht mehr (https://www.pewresearch.org/data-labs/2024/05/17/when-online-content-disappears/). Acht Prozent der Webseiten, die im Jahr 2023 veröffentlicht wurden, waren im Oktober desselben Jahres bereits wieder gelöscht.
So verschwindet nicht nur ununterbrochen Archivalien, die für künftige Geschichtsschreibung von eminenter Bedeutung ist. Auch das Material, mit dem Faktenprüfer, Forscher und Journalisten aktuell arbeiten, ist vom plötzlichen Exitus bedroht, wenn zum Beispiel Unternehmen unliebsame Informationen von ihrer Website löschen, wenn über sie recherchiert wird.
Auch wenn das Material im Internet Archive den gegenwärtigen Hackerangriff unbeschadet überstanden hat, ist seine Zugänglichkeit durch zwei Gerichtsverfahren gefährdet. Im vergangenen Jahr verlor die Organisation ein Verfahren gegen eine Gruppe von US-amerikanischen Verleger, die geklagt hatten, weil das Archive digitale Versionen ihrer Bücher online an Leser ausgeliehen hatten wie eine öffentliche Bücherei. Eine halbe Million Werke, die man auf der Website openlibrary.org kostenfrei lesen konnte, mussten aus dem Netz genommen werden. Das Internet Archive ist in Berufung gegangen.
Existenzbedrohend für die Organisation ist eine Urheberrechtsklage von Musiklabels, weil das Internet Archive Digitalisate von alten Grammophonplatten veröffentlicht hat. Die Schadensersatzforderungen von bis zu 621 Millionen Dollar könnten das Ende des Internet Archives sein, wenn das Gericht gegen die Organisation entscheidet.
Der Autor ist Professor für Medienwissenschaft an der Hochschule Mainz und hat in diesem Jahr das Mainzer Webarchiv (https://mainzerwebarchiv.de/) gegründet, eine Präsentationsplattform für Online-Kulturgut, die mit Material aus dem Internet Archive arbeitet.