Von Tilman Baumgärtel

Als Arthur Russell 1992 an Aids starb, hieß es in einem Nachruf: „Er ist einfach in seiner Musik verschwunden.“ In einer Musik, so sollte man hin zu fügen, die ihrerseits so wirkt, als würde sie immer kurz vor der Selbstauflösung stehen. Oft scheinen seine Songs mitten im Takt abbrechen zu wollen oder in Echo-Schleifen zu entschwinden. Aber wenn es ihm gelungen ist, ein Stück zuende zu führen, ist es schlackenlos und frei von jedem Klischee. Arthur Russell hat die mannigfaltigen Einflüsse seiner Zeit eingesogen, und als er sie wieder ausatmete, war daraus Musik geworden, die nur nach Arthur Russell klang.

Jahrelang war der New Yorker vor allem eine Legende, von der es kaum Musik zu hören gab. Auf einigen Disco-Samplern sind seine merkwürdigen Clubhits „Is it all over my face?“ und „Go Bang!“ aus den frühen 80er Jahren zu finden. Aber sein übriges Werk war bisher nur für viel Geld bei Ebay zu bekomme, oder in sehr geheimen Internet-Tauschbörsen. Russells Nachlass ist so vielfältig und verwirrend, dass es über ein Jahrzehnt dauerte, bis jemand es wagte, ihn aufzuarbeiten. Erst in diesem Monat sind zwei CD-Kompilationen mit seiner Musik erschienen. Sie geben einen ersten Überblick über ein verzweigtes Werk. Zu dem gehören neben dekonstruierter Disco auch sanfte Pop-Songs und minimalistische Orchesterwerke; rhythmusbox-klappernde New-Wave-Nummern voll labyrinthischer Dub-Effekte und in den Free Jazz hinein mäandernde Jam Sessions.

Solche Stilbezeichnungen perlen freilich an seiner Musik ab. Arthur Russell ist sein eigenes Genre. Obwohl er in New Yorker Clubs wie der Gallery und dem Loft eine lupenreine Disco-Kid-Sozialisation erhalten hatte und die Freuden der Tanzfläche kannte, kommen seine Disco-Stücke ohne „Shake-your-booty“-Phrasen und Four-to-the-floor-Beat aus. Seine klassischen Kompositionen sind hingegen frei von dem akademischen Muff, der den meisten Minimalisten der zweiten Generation anhängt. Wenn man ihm überhaupt ein Label anhängen will, wie wäre es mit seiner eigenen Definition: „buddhistische Bubblegum-Musik“?

Diese Wiederveröffentlichungen sind auch ein Testament der aufregenden Periode in New York Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre. Damals waren E-Musik und New Wave, Disco und Minimalismus, Kunstszene und Clubkultur kurzfristig durcheinander geraten, und Russell steckte mitten in diesem Tohuwabohu. Er hat mit dem Fluxus-Künstler Henry Flynt und dem Disco-DJ Larry Levan Musik gemacht. Zu seinen Begleitern gehörten der Beat-Poet Allen Ginsberg und David Byrne, der ihn – glaubt man der Legende – zu den Talking Heads holen wollte. Auch mit John Cage und Bob Dylan soll er zusammen gearbeitet haben – sagt eine andere Legende.

Russell war ein obsessiver Studio-Frickler, der zum Teil jahrelang an seinen Aufnahmen arbeitete, bevor er sie herausbrachte. Steve Knutson, der eigens das Label Audika gegründet hat, um seine Musik wieder zu veröffentlichen, musste sich durch mehr als 1000 Bändern arbeiten – allein von „Let’s go swimming“, einem der bekannteren Stücke Russells, fand er 40 verschiedene Versionen! Die Songs auf der CD „Calling out of Context“ sind die letzten Aufnahmen, die Russell vor seinem Tod gemacht hat. Während viele von ihnen unfertig wirken, sind die Disco-Stücke, die auf der Kompilation „The World of Arthur Russell“ erschienen sind, abgeschlossene Meisterwerke. In ihrer Abkehr von tradierten Songstrukturen verweisen sie auf die House-Tracks der späten 80er Jahre.

Gerne würde man nun freilich auch Russells minimalistische Kompositionen hören, deren Veröffentlichung für den Herbst angekündigt ist. Bis dahin bleibt Arthur Russell ein irgendwie ungelöstes Rätsel. Danach wahrscheinlich auch.

Arthur Russell: The World of Arthur Russell, Soul Jazz Records 2004

Arthur Russell: Calling out of Context, Rough Trade/Audika 2004

Tilman Baumgärtel

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