Von Tilman Baumgärtel

Die Eule der Minerva fliegt laut Hegel in der Dämmerung. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre schienen sich zwar die Entwicklungen im damals gerade von Intellektuellen und Künstlern entdeckten Internet zu überstürzen, aber die (Buch-)Veröffentlichungen von damals haben die Zeit nicht gut überstanden. Blickt man heute in einschlägige Anthologien aus dieser Periode, kommt man aus dem Sich-Wundern kaum heraus: seltsamer Cyber-Kauderwelsch wechselt sich ab mit unreflektierter Technikeuphorie. Das sollen wir damals so fleißig gelesen haben? Bei vielen der wichtigsten Entwicklungen – zum Beispiel bei Computerspielen – herrscht aber in den goldenen Jahren auch einfach nur schiere Sprachlosigkeit. Das beginnt sich nun zu ändern...

Während in der Netzkultur beziehungsweise -kunst zur Zeit eher Friedhofsruhe herrscht, hat nun die Stunde der Chronisten geschlagen. Drei fast zeitgleich erschienen, englischsprachige Bücher resümieren die Entwicklung einer digitalen Kultur in den vergangenen Jahrzehnten. Im Gegensatz zu den aufgeregten Debatten der späten 90er Jahren befleißigen sich alle drei Bücher angelsächsischer Sachlichkeit. Alle drei gehören zu der eher anglo-amerikanischen Gattung des „Textbooks“ , und können getrost in der Bibliothek oder der Buchhandlung unter „Netzkultur“ eingeordnet werden.

„Digital Culture“ von dem britischen Kunsthistorikern Charlie Gere spannt dabei den weitesten Bogen: es geht um den künstlerischen wie den politischen Einsatz digitaler Medien, um ihre Entstehung in Forschungslaboren und Universitäten wie ihren Gebrauch durch Künstler und Aktivisten. Von den Macy-Konferenzen über die Mandelbrot-Fraktale bis zur Silicon-Valley-Start-Up-Kultur, von der Kybernetik über die Entstehung des Internets bis zum Cyberpunk bleibt nichts unerwähnt, was in diesem eher lose formulierten Zusammenhang eine Rolle gespielt hat, Strukturalismus, Feminismus, Dekonstruktivismus werden genauso gestreift wie John Cage, H.G. Wells oder Jodi.org.

Das klingt nach einem wilden Parforce-Ritt, aber Gere ist zu jedem Zeitpunkt Herr seines Themas. Tiefgehende Analysen darf man von so einem Überblick nicht erwarten, eher bewegt sich das Buch auf dem Niveau von Lexikondefinitionen. Um ein Beispiel zu wählen, das nicht direkt mit digitalen Medien zu tun hat: „What Derrida aimed to demonstrate, among other things, was the impossibility of securing meaing in a text. For him signification is an endless play of difference without any center that could put an end to the ever-proliferating possibilities.“ Vielleicht muss man über Dekonstruktivismus ja wirklich nicht mehr wissen als solche Lehrbuchweisheiten...

„Digital Art“ von Christiane Paul beschränkt sich im Gegensatz zu Geres Buch auf Kunst, die mit digitalen Medien produziert worden ist. Sie spannt dabei einen weiten Bogen von der frühen Computerkunst (John und James Whitney, Charles Csuri, Michael Noll) einerseits und der Videokunst der 60er Jahre (Paik et al) andererseits, um dann schnell zu der digitalen Kunst der Gegenwart zu kommen: interaktive Installationen, digitale Fotomontagen, Netzkunst, Softwarekunst, Games, die sie in sachlicher Prosa darstellt. Ganz im Stil aller Publikationen aus der „World of Art“-Serie von Thames & Hudson behandelt sie im großen Überblick die gesamte Bandbreite der digitalen Kunst, die hier unversehens zum eigenen Genre geworden ist. Das Buch ist mit zum Teil sehr selten gesehenen Bildern hervorragend illustriert.

Die geborene Deutsche Paul, die Kuratorin für Medienkunst am Whitney-Museum ist, hat dabei einen guten Überblick zusammengestellt, der die europäische und die US-amerikanische Perspektive auf dieses Thema gleichberechtigt zur Kenntnis nimmt. Gerade bei der Netzkunst greift die Betrachtungsweise, die die vorgestellten Arbeiten nur als Kunst und nicht als Teil einer weiter gefassten Netzkultur betachten, teilweise etwas kurz – auch wenn Hacktisvism ebenso behandelt wird wie die Entwicklung des Internets

„Internet Art“ von Julian Stallabrass hat von allen drei vorgestellten Publikationen den engsten Focus. Weil er so starke Thesen formulieren kann, reizt sein Buch auch am ehesten zum Widerspruch und zur Diskussion. Der englische Kunstpublizist Stallabrass hat 1999 für die Tate Gallery eine Netzkunst-Ausstellung unter dem Titel „Art and Money Online“ kuratiert. Das Buch ist Resultat seiner daraus entstandenen Beschäftigung mit Internet-Kunst. Und es ist interessant zu sehen, wie hier die bisher nur auf Mailinglisten und im kleinen Kreis vorgetragenen, europäischen Version der Geschichte der Netzkunst langsam kanonisch wird: die „Geburt der net.art“ aus ASCII-Buchstabensalat, die „classics of net.art“, der heldenhafte Kampf der net.art-Gruppe gegen das Kunstestablishment – das alles ist hier einmal zum Mitschreiben festgehalten. Stallabrass hat die Arbeiten, die er diskutiert, anhand von einigen Oberthemen organisiert: Internet-Struktur, Interaktivität, Politik und Kunst, die Kunstinstitutionen. In mehr als einer Hinsicht hängt er dabei allerdings der inzwischen etwas müde gewordenen Dichotomie von unkommerzieller Netzkunst und korrumpierenden Institutionen und Online-Kommerz an.

Alle drei Bücher sind gute Einführungen, neue Konvertiten oder Enthusiasten werden sie allerdings nicht hervorbringen, eine Art „Digitale Kultur 101“, wie solche Proseminare in den USA heißen. Alle drei zusammen wären tatsächliche eine gute Hintergrundlektüre für einen Universitätskurs über die Netzkunst und –kultur der 90er Jahre – wenn deutsche Studenten denn Englisch könnten, heißt das.

Christiane Paul: Digital Art, London 2003 (Thames & Hudson), 224 Seiten, ISBN: 0500203679, 24 Dollar 95

Charlie Gere: Digital Culture, London 2003 (Reaktion Books), 22 Seiten, ISBN: 1-86189-143-1, 14 Pfund 95

Julian Stellabrass: Internet Art - The Online Clash of Culture and Commerce, London 2003 (Tate Publishing), 160 Seiten, ISBN: 1854373455, 14 Pfund

Tilman Baumgärtel

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