Berliner Szenen

So leben die Menschen hier also

Heute habe ich in der Weserstrasse zum ersten Mal richtige Touristen gesehen. Nicht die abschätzig als Touristen bezeichneten

, die in den letzten Jahren aus Gottweißwoher nach Nord-Neukölln gezogen sind, um in schummrigen Kneipen herum zu hocken, Club Mate zu trinken und ihre Jutebeutel, Vollbärte, Neon-Sonnenbrillen und Röhrenjeans zu präsentieren. Sondern richtige Touristen-Touristen, die offenbar gekommen sind, weil sie sehen wollen, wie hier

aus Gottweißwoher in schummrigen Kneipen hocken, Club Mate trinken und die genannten Accessoires präsentieren. Die Information, dass das so ist, scheint es von Reiseblogs inzwischen in richtige Touristenführer geschafft zu haben.

So wie in die dicke französische Schwarte, welche die etwa 40jährige Mutter in der Hand hält, die da samt Familie die Weserstrasse entlang kommt und die Graffiti-besprühten Altbauten mustert, als wären sie Notre Dame. Ihr folgt Vater mit Cargo-Pants, Golfhut und Spiegelreflex-Kamera. Zwei halbwüchsige Töchter trotteln mit gelangweiltem Gesichtsausdruck hinterher. Als ich mit dem Fahrrad durch die Hofeinfahrt in mein Haus fahre, ist Muttern blitzschnell hinter mir, hält das zufallende Tor auf und sieht mit großen Augen in meinen Hinterhof. Aha, so leben die Menschen hier also, d'accord!

In solchen Augenblicken beginnt man an die Karma-Lehre zu glauben: Alles, was man im Leben tut, bekommt man irgendwann zurück. Als Tourist habe auch ich

authentische

Orte gesucht und war erst zufrieden, wenn ich der einzige Ausländer im Geviert war. Die Slums von Manila. Die Hafenarbeiterkneipe in Boston. Das Eiscafé in Santiago de Cuba. Der Reggae-Club in London. Die Pendler-Fähre in Rangoon. Die Sozialbauten in Phnom Penh. Das Nationalarchiv in Hanoi. Das uralte Kino in Delhi. All das holt mich jetzt ein.

Früher habe ich besichtigt. Jetzt werde ich besichtigt.

Tilman Baumgärtel

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