Bilder unter https://onlineonly.christies.com/s/beeple-first-5000-days/beeple-b-1981-1/112924
Auratische Daten
NFTs lösen einen Boom des digitalen Kunstverkaufs aus
Von Tilman Baumgärtel
Gute Neuigkeiten für alle, denen das Zocken mit Kryptowährungen oder Game-Stop-Aktien allmählich langweilig wird: Man kann jetzt auch mit digitaler Kunst spekulieren. Und am heutigen Donnerstagnachmittag dürfte in diesem Marktsegment ein neuer Rekord aufgestellt werden, den sich noch vor ein paar Wochen niemand hätte vorstellen können: Das Werk “Everydays: The first 5000 days” des amerikanischen Künstlers Beeple (bürgerlicher Name: Mike Winkelmann) wird gegenwärtig bei einer Auktion von Christies angeboten; beim Redaktionsschluss am Mittwoch war der Preis auf 9,75 Millionen Dollar gestiegen (bitte nochmal nachsehen: https://onlineonly.christies.com/s/beeple-first-5000-days/beeple-b-1981-1/112924)und könnte noch höher klettern, bevor heute um 16 Uhr deutscher Zeit der virtuelle Hammer fällt.
Winkelmann hat zwar weder eine Galerie noch einen Wikipedia-Eintrag, sondern war bisher vor allem einer treuen und rasant wachsenden Fangemeinde im Internet bekannt – auf Instagram haben 1,9 Follower seinen Kanal abonniert. Dort veröffentlicht er seit 2007 täglich ein Bild – selbst an dem Tag, an dem seine Tochter geboren wurde, und dem, an dem er eine Lebensmittelvergiftung hatte. Das zu Verkauf stehende Werk ist eine Collage aus den ersten 5000 Bildern, die so in die Zirkulation der Sozialen Medien eingespeist wurden, angefangen mit einer Kulizeichnung von seinem Onkel bis hin zu den barocken, obercleveren 3D-Computerbildern mit Comicmotiven und Computerspiel-Ikonografie, die zu seinem Markenzeichen geworden sind.
Die Bilder könnte sich freilich jeder aus dem Internet herunterladen. Aber seine gesammelten Werke, die man nun als eine einzige Riesendatei bei Christies ersteigern kann, sind mit einem Non-Fungible Token (NFT), also einem „einzigartigen Wertzeichen“, gesichert, einem Verfahren, mit dem man aus potentiell endlos kopierbaren digitalen Daten ein auratisches Original machen kann. Diese Tokens sind ein Stück Computercode, das – ähnlich wie bei der Kryptowährung Bitcoin – in einem aufwendigen Rechenverfahren generiert wird und dadurch einmalig ist.
Dieser Datensatz ist in der Blockchain verzeichnet, einer Art virtuellem Register, das auf vielen verteilten Computern läuft. Weil dieses Datenbank jede Transaktion verzeichnet, der die Datei unterzogen wird, kann man das Werk auch nicht einfach weiter verhökern; nach dem „Smart Contract“, der mit der digitalen Collage verbunden ist, erhält der Winkelmann bei jedem Weiterverkauf 10 Prozent des Verkaufspreis.
NFTs sind nicht per se neu. Die amerikanische Galerie Transfer bietet bereits seit Jahren alle Arbeiten ihrer Künstler nur noch mit dem digitalen Echtheitszertifikat an. Aber spätestens die Christies-Auktion hat sie in den Mainstream katapultiert, nachdem das "Nyan Cat"-Gif, das vor 10 Jahren vom Künstler Chris Torres geschaffen wurde, nur wenige Tage zuvor für fast eine halbe Million Dollar auf der Plattform Foundation verkauft wurde, und der Sängerin Grimes einige kurze Videoanimationen und digitale Bilder in kurzer Zeit für sechs Millionen abgenommen wurden.
Auch wenn es wohl nur eine Frage der Zeit ist, bis auch die Jeff Koons dieser Welt am neuen Trend mitzuverdienen versuchen – bisher sind die Werke, die jetzt Höchstpreise erzielen, nicht von „richtigen“ Künstler, sondern eher von netzaffinen Gebrauchsgrafiker wie Mike Winkelmann, der sein Geld mit Auftragsarbeiten für Musikvideos und Markenartikler verdiente, bevor er in wenigen Tagen zum Multimillionär wurde. Die Computer-, Netz- und Virtual-Reality-Künstler, die zum Teil seit Jahrzehnten nach einem Businessmodel für ihre Werke suchen, dürften von dem neuen Geldregen erst einmal nicht profitieren – ihre Kunst ist wohl zu sperrig für das neue Käufersegment, das es dem Anschein nach gerne bunt, poppig und leicht verständlich hat.
Ob sich hier ein Eldorado für Kunstspekulanten auftut, denen es sogar zu anstrengend ist, ihre Sammlungen in internationalen Freeports vor der Steuer zu verstecken, oder gerade eine gigantische, finanzkapitalistische Blase entsteht, bleibt also abzuwarten. Denn die Rekordpreise beruhen einzig und allein auf dem geteilten, quasi metaphysischen Glauben, dass diese Werke auch wirklich solche Summen wert ist. Und vom Glauben kann man bekanntlich schnell abfallen, wie sich die Veteranen der Dotcom-Blase von 2000 erinnern werden.
Und dann ist da noch der Carbon Footprint: Die holländische Künstlerin Rosa Menkman hat gerade darauf hingewiesen, dass die Generierung von NFTs riesige Energiemengen für den Betrieb und die Kühlung von Computern frisst. Die Digitalwährung Bitcoin verbraucht inzwischen jährlich mehr Strom als Argentinien, wie Wissenschaftlern der Universität Cambridge ausgerechnet haben.
Die Tücken der Materialität ist durch die Virtualisierung von Kunstwerken auch nicht endgültig überwunden: Anfang des Jahres ging die Saga von dem deutschen Programmierer Stefan Thomas viral, der Bitcoins im Wert von über 200 Millionen Dollar auf einer Festplatte gebunkert hat, für die er das Passwort vergessen hat. Das wäre ihm mit einem Picasso nicht passiert.