Von Tilman Baumgärtel

Halloween ist die Nacht vor Allerheiligen. In der Nacht am 31. Oktober soll nach keltischen Legenden die Trennwand zwischen der Welt der Toten und der Lebendigen besonders dünn sein. Vor der Christianisierung feierten die keltischen Druiden an diesem Tag die Ankunft des Todesfürsten Samhain, der während des Winters die Welt regierte. Es gab Lagerfeuer, Festmähler und man stellte den Toten Leckereien bereit, um sie in die Feierlichkeiten einzubeziehen. Die Iren wandelten den Brauch etwas ab. Sie zogen sich in dieser Nacht möglichst schrecklich an, damit die Toten und Geister, die auf der Suche nach einem Körper, in den sie fahren konnten, durch die Nacht zogen, an ihnen vorbeigehen würden. Heute wird Halloween besonders in den USA ausgiebig gefeiert.

Wenn jemand einem Dokument den Namen „Halloween-Papers“ gibt, sind Assoziationen von Tod, Schauer, „Trick or Treat“ und boshaft grinsenden Kürbissen naheliegend und von dem Namensgeber wahrscheinlich auch gewünscht – besonders wenn es sich um etwas so vergleichsweise Trockenes wie interne Memos aus einem Software-Unternehmen handelt. Brisanter ist es freilich, wenn das Software-Unternehmen Microsoft heißt und sich das interne Memo mit Methoden, einen neuen Konkurrenten vom Markt zu verdrängen, beschäftigt. Noch interessanter wird es, wenn sich herausstellt, dass der neue Konkurrent kein rivalisierendes Software-Unternehmen ist, sondern das alternative Betriebssystem Linux – ein Programm, das von Hackern auf der ganzen Welt gemeinsam geschrieben wird und das man umsonst aus dem Internet herunterladen kann.

Die „Halloween Papers“ sind eine Reihe von Dokumenten, die der amerikanische Programmierer und Autor Eric Raymond in der letzten Oktoberwoche des Jahres 1998 (also keineswegs am 31. Oktober, wie der Name vermutet lässt) von einer Quelle innerhalb Microsofts zugespielt bekommen haben will. Raymond veröffentlichte die vertraulichen, internen Memoranden im Internet. Mit rasender Geschwindigkeit verbreiteten sich die „Halloween-Papers“ über Mailinglisten und Websites in der ganzen Welt und wurden unter anderem ins Deutsche, Italienische, Spanische, Japanische und Chinesische übersetzt. Nicht nur die Computer-Szene, sondern auch die Massenmedien nahmen von dem Vorfall Notiz: die New York Times, das Wall Street Journal, CNN, Reuters und viele andere internationalen Medien berichtete über diese Veröffentlichung. Denn das Verfahren, das in den USA gegen Microsoft wegen monopolistischen Taktiken geführt wurde, war zu dieser Zeit in eine entscheidende Phase getreten und die internen Dokumente hätten leicht Auswirkungen auf den Ausgang des Prozesses haben können.

Microsoft hat die Existenz dieser Memos schließlich zähneknirschend zugegeben, gleichzeitig aber betont, dass sie keine offizielle Meinungsäußerung des Konzerns darstellten, sondern von einem Mitarbeiter in bewusst provokanter Weise geschrieben worden seien, um eine firmeninterne Diskussion über Open Source Software auszulösen. Dass der Computerriese gezwungen wurde, zuzugeben, dass er sich mit Linux – also einem zu dieser Zeit fast nur unter Insidern bekannten Hackerexperiment – beschäftigte, dürfte bei vielen Hackern ein Grinsen ausgelöst haben, das mindestens ebenso bösartig war wie das einer Halloween-Maske. Denn das „Reich des Bösen“, als das Microsoft bei vielen Hackern gilt, gab in den Papieren zu, dass Open-Source-Software wie Linux eine direkte Bedrohung für die Firma ist.

Wie die „Halloween-Papers“ zeigen, hat das Management von Microsoft die Eigenschaften von Open Source Software besser verstanden, als die irreführenden Argumente vermuten lassen würden, die die Firma in den folgenden Jahren gegen Linux und Open Source vorgebracht hat. Auf diese Eigenschaften soll an späteren Stelle noch genauer eingegangen werden, darum hier nur soviel: Um als Open Source Software zu gelten, muss der Code eines Programms von jedermann einsehbar sein, und damit nicht genug; er muss auch von jedermann benutzt, verändert und in dieser modifizierten Form weiterverbreitet werden können.

Das ist natürlich das genaue Gegenteil der Geschäftspolitik von Microsoft: die Firma betrachtet den sogenannten „Quellcode“ ihrer Programme ­als Geschäftsgeheimnis, das nur wenigen Partnern offengelegt wird. Der Microsoft-Quellcode wird durch umfangreiche Lizenzen geschützt, die man automatisch akzeptiert, wenn man die Verpackung eines Microsoft-Software-Pakets öffnet. Privatkunden, die diese Programme kopieren, weitergeben oder gar den Quellcode ansehen oder verändern, müssen damit rechnen, dass das Unternehmen sie anzeigt. Darum arbeiten an Microsoft-Software auch nur Programmierer, die von dem Unternehmen bezahlt werden. Im Gegensatz dazu entwickeln Programme wie Linux, deren Quellcode offen liegt, zum Teil mehrere tausend Programmierer, und produzieren dabei oft Software, die der kommerziellen Konkurrenz mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen ist – die „Rache der Hacker“, von der Eric Raymond in seinem Buch „The Bazaar and the Cathedral“ geschwärmt hat.

Die „Halloween-Papers“ sind Teil einer Auseinandersetzung, die seit mehreren Jahren zwischen den ungleichen Gegnern Microsoft auf der einen Seite und der „Gemeinde“, die Open Source Software entwickelt, auf der anderen Seiten ausgetragen wird. Diese Auseinandersetzung und die Strategien, derer sich Microsoft in diesem Zusammenhang bedient hat, werfen ein bezeichnendes Licht auf den Konzern, auf seine Marketingtaktiken und seine Unternehmenskultur. Denn die Konfrontation zwischen Microsoft und der Open-Source-Community geht auf beiden Seiten an die Substanz. Verhandelt werden nicht nur unterschiedliche Methoden, Software zu entwickeln oder Geschäfte zu machen, sondern fundamental unterschiedliche philosophische und politische Überzeugungen der Kontrahenten.

Dieser Aufsatz soll die Entstehung dieses Grundkonflikts zwischen Bill Gates und Microsoft auf der einen Seite und der internationalen Hacker-Szene auf der anderen Seite beschreiben. Dabei soll gezeigt werden, dass der weltweite Geschäftserfolg von Microsoft auf einem Paradigmenwechsel beruht, den Bill Gates als Software-Produzent und Unternehmer Mitte der 70er Jahre eingeleitet und bis heute konsequent durchgesetzt hat. Vorher war Software fast ausschließlich und vollkommen selbstverständlich „open source“ – so selbstverständlich, dass es noch nicht einmal einen eigenen Begriff dafür gab . Bill Gates entscheidende Leistung als Unternehmer bestand darin, aus Software ein kommerzielles Produkt zu machen. Computerprogramme, die vorher gemeinschaftlich genutzte und weiter entwickelte Werkzeuge waren, wurden durch Microsoft zu „consumer products“ gemacht. Dabei nutzte Gates die Tatsache aus, dass Mitte der 70er Jahre die ersten Mini-Computer auf den Markt kamen, deren Anwender zum Teil keine Programmierkenntnisse besaßen und darum auf leicht zu bedienende Software angewiesen waren. Dabei wird sich zeigen, dass Bill Gates selbst ironischerweise keine Hemmungen hatte, sich der Vorzüge von freier Software zu bedienen. Das Unternehmen Microsoft gäbe es wahrscheinlich gar nicht in seiner heutigen Form, wenn es bei seiner Gründung nicht in auf „Open Source“-Programme hätte zurückgreifen können. Der Paradigmenwechsel von freier zu kommerzieller Software ist zugleich der Beginn der Firmengeschichte von Microsoft und bis heute tief in der Kultur des Unternehmens verwurzelt. Im folgenden soll nicht nur gezeigt werden, wie Bill Gates in den 70er Jahren den Konflikt mit der freien Software losbracht, nachdem er von ihren Vorteilen profitiert hatte, sondern auch, was die philosophisch-politischen Implikationen dieser Auseinandersetzung sind.

Die Wurzeln der unterschiedlichen philosophisch-politischen Grundsätze zwischen Microsoft und Hackerszene liegen in der frühen Computerkultur der 60er und 70er Jahre, in denen die Grundlagen für die Entstehung des Personal Computers (PC) gelegt worden sind. Erst dieser Grundkonflikt, der wesentlich tiefer geht als die Frage nach der bestmöglichen Software für den PC, erklärt die verbissene Hartnäckigkeit der Auseinandersetzung und den manchmal an religiösen Fanatismus erinnernden Stil, in dem diese Konfrontation ausgetragen wird. Während Microsoft ein profitorientiertes Unternehmen ist, das mit seinen Produkten Geld verdienen will, basiert die Hackerethik auf dem Glauben, dass Computer das Leben vieler zum Besseren verändern und zu einer Demokratisierung von Wissen und Fähigkeiten führen können. „All Information should be free“, lautet eins der zentralen Dogmen der Hackerethik, wie sie der amerikanische Computerjournalist Stephen Levy in seinem wichtigen Buch „Hackers – Heroes of the Information-Revolution“ festgehalten hat. Dieser Glaubenssatz kursiert seit Beginn der Hackerkultur um 1960 am Massachusetts Institut of Technology (MIT) in der Szene in verschiedenen Versionen. (Gerne wird er auch als „Information wants to be free“ zitiert – eine merkwürdige Formulierung, die impliziert, dass es zur Ontologie von Information gehört, dass sie einen eigenen Willen hat.)

Im Mittelpunkt der Angriffe aus dem Open Source- und Hacker-Lager steht immer auch Microsoft-Gründer Bill Gates. Das ist nicht nur einer Strategie der Personalisierung des Konflikts geschuldet. In der Person von Bill Gates ist der philosopisch-ethische Grundkonflikt dieser Auseinandersetzung vielmehr quasi Fleisch geworden. Gates steht für einen Paradigmenwechsel von einem Wertekodex, der dem seiner Kritiker aus dem Open Source-Lager entspricht, zu einem, der diesem Wertekodex diametral entgegengesetzt ist. Gates gilt seinen Gegnern aus dem Hacker- und Linux-Lager als Verräter an ehemals gemeinsamen Idealen.

Im “Hacker’s Dictionary”, einem von Angehörigen der „Szene“ verfassten Kompendium im Internet, findet sich die folgende Definition von Hacker: “One who enjoys the intellectual challenge of creatively overcoming or circumventing limitations.“ (Jemand, der Vergnügen an der intellektuellen Herausforderung findet, Begrenzungen kreativ zu überschreiten oder zu umgehen.) Hackern geht es um das „Aufmachen“ der Technologie und der Programme, die das Leben von uns allen in zunehmenden Maß lenken und bestimmen. Technologie, Computer zumal, sind für die meisten von uns „Black Boxes“, schwarze Kisten, deren Inhalt und deren Funktionsweise unverständlich sind. Hacker sind nach ihrer eigenen Definition diejenigen, die wissen wollen, was in diesen schwarzen Kisten steckt, wie sie funktionieren und was sie mit uns tun. Für die echten Hacker geht es beim Hacking um einen kreativen Umgang mit Technologie, um die Aufhebung von angeblich unhintergehbaren Regeln und Beschränkungen. Der ChaosComputerClub fragt darum auf seiner Website: Wie macht man aus einem Toaster einen Schuhlöffel?

Auch Stephen Levy schreibt in seinem Buch „Hackers – Heroes of the information revolution“: „Hacker glauben, dass wichtige Dinge über Systeme – und über die Welt – dadurch gelernt werden können, dass man Dinge auseinander nimmt, um zu sehen, wie sie funktionieren, und dieses Wissen dazu zu benutzten, neue, noch interessantere Dinge zu erschaffen. Sie verachten jede Person, jede physische Barriere und jedes Gesetz, das sie davon abzuhalten versucht.“ Durch die Geheimhaltung des Quellcodes von Microsoft-Programmen unterbindet der Software-Konzern genau die Möglichkeit, „Dinge auseinander zu nehmen“, also Einblick in die Architektur seiner Programme zu nehmen. Eine Kultur der Schließung bei Microsoft steht einer Kultur der Offenheit in der Hackerszene gegenüber, und die Ansicht, dass Software ein Wirtschaftsgut ist, der Ansicht, dass Computer und ihre Programme Kultur sind, die jedem zugänglich sei soll.

Dieser Paradigmenwechsel, Bill Gates „Verleugnung“ der Werte der Hackerkultur, fand bei der Gründung von Microsoft statt. Der finanzielle Erfolg der Firma, der Gates inzwischen zum reichsten Mann der Welt gemacht hat, war dabei weniger Auslöser für den bis heute andauernden Konflikt als vielmehr die Tatsache, dass Gates Software zu einem Produkt gemacht hatte, das zu hohen Preisen verkauft wurde. Für diese Praxis ist Gates bereits Mitte der 70er Jahren aus der Szene der Computerhobbyisten, zu denen er ursprünglich gehörte, kritisiert worden. Durch diese persönliche Verstrickung ist es wohl zu erklären, dass sich Bill Gates selbst auch immer wieder persönlich zu Open Source, Linux & Co geäußert hat.

Zu recht sieht Gates durch die Entwicklung von Open Source sein Unternehmens in den Grundfesten bedroht – und das nicht nur in finanzieller Hinsicht. Zwar ist den „Halloween-Papers“ auch zu entnehmen, dass Microsoft in Linux einen potentiellen Konkurrenten sieht; zwar hat Microsoft inzwischen in einigen Geschäftsbereichen – wie zum Beispiel bei der Webserver-Software – tatsächlich Kunden an Linux verloren. Doch Microsoft muss sich vor allem davor fürchten, dass sich die Philosophie ausbreitet, die hinter Linux und den zahlreichen anderen Open-Source-Software-Projekten steckt.

Die traumhaften Gewinne, die Microsoft Jahr für Jahr einfährt, beruhen allein auf dem Kunstgriff, Software Mitte der 70er aus einer frei verbreiteten Serviceleitung für die Bedienung von Computern zu einem handelbaren Produkt gemacht zu haben. Den meisten Computerusern, die in den 80er und 90er Jahren mit kommerzieller Software sozialisiert worden sind, ist heute schon gar nicht mehr bekannt, dass der größte Teil der Computerprogramme jahrzehntelange gratis und längst nicht immer durch umfangreiches Copyright geschützt war. „Am Anfang war alle Software frei“, betonen daher Anhänger der Freien Software immer wieder.

Denn digitale Information ­– sei es nun ein Text, eine MP3-Datei oder ein Computerprogramm – hat eine wichtige Eigenschaft, wegen der sie sich besonders gut dazu eignet, sich frei zu verbreiten: sie wird nicht dadurch weniger, dass man sie teilt. Wie John Perry Barlow in seinem Aufsatz „Selling Wine without the Bottle“ gezeigt hat, hat man in der analogen Vergangenheit bei der Verbreitung von Informationen in der Regel für die Trägermedien dieser Information (wie Buch, Zeitung, Video etc.) bezahlt – und nicht für die Information selbst. Digitale Medien, bei denen Information ohne Qualitätsverlust und ohne große Kosten kopiert und über das Internet billig weiter verbreitet werden kann, benötigen diese Trägermedien nicht mehr. Darum hat sich im Internet eine eigene „Kultur des Schenkens“ entwickelt. Diese wird zum Beispiel im Usenet, in Mailinglisten, Web-basierten Diskussionsforen oder bei Tauschbörsen wie Morpheus, Musikcity, Kazaa oder Napster praktiziert, wenn die Teilnehmer Informationen, Musikstücke oder Software austauschen. Auch der Inhalt von Zeitungen oder Zeitschriften, die im Internet veröffentlicht wird, ist heute in aller Regel gratis – ein Beispiel dafür, wie die „Kostenlos-Kultur“ des Netzes auch gewinnorientierten Verlagen seine Regeln aufgezwungen hat.

Auch Computerprogramme wurden bis Mitte der Siebziger Jahre nicht als Ware betrachtet, sondern als etwas, was man unter Computerusern teilen konnte oder sogar sollte. Zu dieser Zeit entsprach der größte Teil der existierenden Software dem Open Source Prinzip, ohne dass es ausdrücklich so definiert worden wäre: ihr Quellcode war in der Regel frei einsehbar, konnte modifiziert und in dieser Form auch weiter gegeben werden. Software stellte zu dieser Zeit schlicht noch keine eigenständigen Markt dar. Firmen wie IBM lieferten die benötigten Programme für ihre Rechner als eine Art Service oder „Dreingabe“ zu den Computern, die das Unternehmen verkauften. Bezahlt wurde in der Regel nicht für die Software, sondern für ein „Bundle“ aus Hardware, Software, Peripheriegeräten, Wartung und Schulung.

1969 begann IBM, diese Bündelung aufzugeben und wenigstens einen Teil seiner Programme als separate Produkte anzubieten. Das US-Justizministerium hatte ein Kartellverfahren gegen IBM eingeleitet (ähnlich wie das Monopolverfahren, das Ende der 90er Jahre gegen Microsoft eröffnet wurde) und der Konzern war gezwungen, von Geschäftspraktiken Abschied zu nehmen, die die Konkurrenz behindern konnten. Diese Entkoppelung „schuf die Voraussetzungen für eine eigenständige Softwareindustrie, auch wenn die in den 70ern neu entstandenen Softwarefirmen meist noch Satelliten von Hardwareherstellern waren. Software war erstmals zur Ware geworden.“ Wenn die Entkoppelung von Hard- und Software zum Entstehen eines eigenen Markts für Computerprogramme führte, dann war das Aufkommen des PCs die Bedingung dafür, dass dieser Markt zu dem Milliardenmarkt werden konnte, der er heute ist.

Die Programme von Firmen wie IBM waren freilich nicht die einzige Computersoftware, die zu dieser Zeit entstand. Viel von der gebräuchlichen Software kam aus Universitäten und Forschungsinstitutionen. Der Code war genauso wenig geheim oder kostenpflichtig wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die von den akademischen Forschern an diesen Institutionen erbracht wurden. Eine weitere Gruppe von Programmen kamen aus der Hacker- und Computer-Bastler-Szene. Sie erschienen als Quellcode in den ersten Computer-Zeitschriften – eine Praxis, die noch bis Mitte der 80er Jahre bei Rechnern wie dem „Volkscomputer“ Commodore 64 zu beobachten war. Programme wurden in Computermagazinen auf seitenlangen Programm-Listings gedruckt, die man selbst eintippen musste, um ein Programm „zum Laufen zu bringen“. Aber Software wurden auch auf Lochstreifen, später auf Audio-Kassetten und den ersten Disketten weitergegeben. Viele dieser Programme waren „Shareware“. Sie konnten zuerst getestet werden, bevor man für ein paar Dollar oder Mark, die man per Briefpost an den Programmierer schickte. Dafür erhielt man einen Zugangscode, mit dem man eventuell weitere Funktionen des Programms „öffnen“ konnte.

Der Grundsatz „All Information should be free“ war also bei den ersten Computerprogrammen ganz selbstverständliche Realität, und das hatte auch einen guten Grund, wie Steven Levy in seinem Buch „Hackers“ erklärt: „Ein freier Austausch von Information, besonders wenn die Information die Form eines Computerprogramms angenommen hatte, erlaubte größere Kreativität. Wenn man an einer Maschine wie dem TX-O (ein Mini-Computer, der in vielen Universitäten verwendet wurde und darum auch ein bevorzugter Rechner für akademische Hacker war – Anm.) arbeitete, für den es so gut wie keine Software gab, schrieb jedermann wie wild Systemprogramme, die das Programmieren leichter machen sollte – Tools to Make Tools, die in einer Schublade neben dem Terminal aufbewahrt wurden, um allen die Benutzung der Maschine zu erleichtern. Das verhinderte das anstrengende, zeitintensive Ritual, bei dem man immer wieder das Rad neu erfinden musste: So musste nicht jeder sein eigenes Programm schreiben, statt dessen war die jeweils beste Version für jedermann zugänglich, und jeder konnte sich in den Code vertiefen und diesen verbessern. Es war eine Welt, die voll mit ausgereiften Programmen war, die so weit wie möglich optimiert und von fehlerfreier Perfektion waren.“ Die Software, die so entstand, entsprach dem Grundsatz von „Open Source“, ohne dass es den Begriff damals schon gegeben hätte.

Dass sich das in den letzten 20 Jahren grundsätzlich geändert hat, ist zu einem wichtigen Teil den Aktivitäten des Ex-Hackers Bill Gates und Microsoft zu verdanken. Er hat eine entscheidende Rolle dabei gespielt, dass Software von einem Tauschgegenstand zu einer Ware wurde. Dass Gates heute der reichste Mann und Microsoft eins der umsatzstärksten Unternehmen der Welt ist, hängt damit zusammen, dass er früh von dem Hackergrundsatz „All information should be free.“ Abschied genommen hat. Es ist heute nicht mehr nachzuweisen, ob Gates selbst jemals wirklich von den Maximen der Hackerethik überzeugt gewesen ist. In seiner Autobiografie „The Road Ahead“ ist von ihr an keiner Stelle die Rede. Doch wie zu zeigen ist, hat Gates als Programmierer und Geschäftsmann von den Resultaten dieser Hackerethik und von dem „Spirit“ der frühen Computerkultur, die tief von dieser Ethik durchdrungen war, profitiert.

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Um zu verstehen, wie Gates aus etwas, das unter Computerfreaks getauscht wurde, die Grundlage für einen internationalen Mega-Konzern machen konnte, muss man weit in die Vor- und Frühgeschichte des PCs zurückgehen. Man muss so weit zurückgehen, bis man sich im Jahr 1975 in einer etwas verwahrloste Shopping Mall in Albuquerque/New Mexico wiederfindet. Dort befand sich neben einer Schnellreinigung ein kleiner Laden, auf dessen Fenster mit großen Buchstaben MITS stand. Die Firma Micro Instrumentation Telemetry Systems stellte ein neues Produkt her, auf das Leute in den ganzen USA kaum warten konnten. Manche von ihnen flogen sogar eigens nach New Mexico, um sich ihre Bestellung persönlich abzuholen; ein besonders fanatischer Kunde soll sogar mehrer Tage in einem Campingbus neben dem Laden übernachtet haben, um es endlich in den Händen zu halten.

MITS stellte einen der ersten Minicomputer in den USA her. Nachdem die Fachzeitschrift „Popular Electronics“ im Januar 1975 ein Bild des Altair auf seinem Titelblatt veröffentlicht hatte, konnten sich MITS und sein Gründer Ed Roberts kaum noch vor den Bestellungen retten, die plötzlich über die kleine Firma hereinbrachen. Binnen kurzer Zeit hatten Computer-Hobbyisten aus den ganzen USA 2000 Stück geordert. Die Firma war mit der Herstellung der Maschine vollkommen überfordert. Selbst der Versand von Bausätzen dauerte monatelang; wer ein fertig zusammen gesetztes Gerät haben wollte, musste noch viel länger warten. Auch zahlreiche wütende Anrufe und Protestbriefe änderten nichts daran, dass viele der Besteller lange warten mussten, bis sie einen Altair oder wenigstens seien Einzelteile per Post bekamen.

Der Grund für den Ansturm auf den Altair: Das Gerät war der erste Computer, den sich Privatleute leisten konnten, und das war etwas, worauf viele Bastler in den USA schon seit Jahren gewartet hatten. Denn für die meisten Menschen, die sich für Computer interessierten, waren diese „numbers cruncher“ unerreichbar: riesige Maschinen, zum Teil so groß wie Kühltruhen, zum Teil sogar ganze Gebäudegeschosse in Universitäten und Unternehmen einnehmend, wo sie meist nur von spezialisierten Technikern in weißen Laborkitteln bedient werden durften. Wer nicht zu dieser kleinen Kaste gehörte, der bekam Computer nur als riesige „Elektronengehirne“ mit vielen blinkenden Lämpchen in Science-Fiction-Filmen zu sehen. Zwar gab es Gruppen wie den Homebrew Computer Club in Kalifornien, bei denen sich Tüftler trafen, die sich ihre Rechner selbst zusammengeschraubt hatten. Auf alle, denen die technischen Fertigkeiten dafür fehlte, muss der Altair wie die lang erwartete Antwort auf ihre Gebete gewirkt haben. Der Micro-Computer präsentierte sich in Preis und Format als „Computer für jedermann“: MITS verkaufte die erste Version für weniger als 400 Dollar, und das Chassis war kaum größer als eine elektrische Schreibmaschine. Der Altair war der Vorläufer des Personal Computers (PC), der heute auf den meisten Schreibtischen zu finden ist.

Allerdings darf man nicht glauben, dass eine solche Maschine anno 1975 große Ähnlichkeit mit dem hatte, was wir heute unter einem Computer verstehen. Der Ur-Altair hatte keinen Monitor und keine Tastatur, kein Disketten- oder gar CD-Rom-Laufwerk. Es war nur ein blau-silberner Kasten, den man über Leisten mit Kippschaltern „programmierte“. Der Computercode wurde mit Hilfe von Schalterkombinationen eingegeben. Wer einen Fehler machte, musste wieder von vorne anfangen. Erst später bot MITS Lesegeräte für Lochstreifen an, mit denen man Programme in das Gerät laden konnte. Doch 1975 gab es sowieso kaum Programme für den neuen Computer. Wer etwas mit ihm anfangen wollte, musste sich die gewünschte Anwendung selbst schreiben.

An dieser Stelle kommen William H. Gates, 19, und Paul Allen, 20, ins Spiel. Sie gehörten zu einer Subkultur, die sich Anfang der 60er Jahre am Massachusetts Institut of Technology um den Computer herum entwickelt hatte, und die sich in dem Computerräumen der amerikanischen Universitäten auszubreiten begann: junge Männer, die mit fanatischem Ehrgeiz bis zur totalen Erschöpfung tagelang ohne Unterbrechung an den Rechnern saßen. Der amerikanische Informatikprofessor Joseph von Weizenbaum hat diese Subkultur, die sich in den ganzen USA auszubreiten begann, in seinem Buch „Computer Power and Human Reason“ so beschrieben: Man könne diese „intelligenten jungen Männer mit heruntergekommenen Äußeren, die oft tiefliegende, glänzende Augen haben, an Computerterminals sitzen sehen. Ihre Arme sind angespannt und warten nur darauf, ihre Finger vorschießen zu lassen, um auf die Tasten und Knöpfe einzuhämmern, auf die ihre Aufmerksamkeit so fixiert ist wie die Aufmerksamkeit des Spielers auf einen rollenden Würfel. Wenn sie nicht wie angewurzelt dasitzen, findet man sie oft an Tischen, die mit Computerausdrucken übersät sind, mit welchen sie sich beschäftigen, als würden sie kabbalistische Texte studieren. Sie arbeiten, bis sie kurz vor dem Umfallen sind, zwanzig, dreißig Stunden am Stück. Ihr Essen, wenn sie überhaupt etwas zu sich nehmen, wird ihnen gebracht: Kaffee, Cola, Sandwichs. Ihre verknüllte Kleidung, ihre ungewaschenen und unrasierten Gesichter und ihr ungekämmtes Haar zeigen, dass sie alle jedes Interesse an ihrem Körper und der Welt, durch die sie sich bewegen, verloren haben. Das sind die computer bums, die zwanghaften Programmierer“ Man könnte sie auch Hacker nennen, der Begriff, der sich heute für diese fanatischen Computerfreaks eingebürgert hat.

Auf Fotos aus seiner Universitätszeit sieht man einen Bill Gates, der ziemlich genau der Beschreibung Weizenbaums entspricht: ein schlaksiger Knabe mit ungekämmten halblangen Haaren in speckigen Blue Jeans und einem undefinierbaren Pullover, dessen Blick ins Nichts gerichtet zu sein scheint. Paul Allen hat später von gemeinsamen, nächtlichen Programmiersessions berichtet, bei denen sie beide kurz vor dem Einschlafen vor dem Terminal saßen: „Paul Allen hat Gates einmal beobachtet, als er mit dem Kopf auf der Tastatur eingeschlafen war, plötzlich aufwachte, auf den Bildschirm sah und sofort wieder zu tippen begann. Allen dachte sich, dass sein Freund im Schlaf weiterprogrammiert haben musste und sofort weitergemacht hatte, als er aufwachte.“

Als Allen Anfang 1975 aus „Popular Electronics“ von dem neuen Micro-Computer Altair erfuhren, war er sofort sicher, dass diese Maschine eine neue Ära in der Entwicklung des Computers einleiten würde. Er „lief mit dem Artikel über Harvard Square, hielt ihn Gates unter die Nase, und rief: ‚Siehst Du, es ist passiert! Ich habe Dir doch gesagt, dass das passieren würde! Und wir haben es verpasst!’ Gates musste zugeben, dass sein Freund recht hatte; es sah in der Tat so aus, als ob sie ‚etwas’, auf das sie gewartet hatten, nun gefunden hätten.“ Die beiden Hacker entschlossen sie sich, ein Betriebssystem in der populären Programmiersprache Basic für den neuen Rechner zu schreiben.

Basic (kurz für: Beginners All-purpose Symbolic Instruction Code) war Anfang der 60er Jahre von den Informatikprofessoren John Kemeney und Thomas Kurth am britischen Dartmouth College als eine Programmiersprache entwickelt worden, die ihre Studenten in kurzer Zeit lernen konnten. Der Gebrauch von Computern sollte für sie so selbstverständlich werden wie der Gebrauch der Bücherei – damals ein absolut revolutionäres Konzept. Basic war so erfolgreich, dass es sich schnell in der ganzen Welt verbreitete und auf vielen Computern noch Anfang der 80er Jahre lief. Es ist daher kein Wunder, dass Gates und Allen sich für Basic entschieden, als sie ein Betriebssystem für den Altair entwarfen. Sie bedienten sich dabei eines Programms, das an einer akademischen Institution entstanden, umsonst vertreiben wurde und das – ähnlich wie Linux – von Hunderten von Programmierern auf der ganzen Welt umsonst weiterentwickelt worden war. Allen und Gates privatisierten dieses kollektiv und frei entwickelte Programm, und machten aus dem Open-Source-Programm Basic ein Produkt, mit dessen Erlösen sie die Firma Microsoft gründeten.

Den Altair Computer selbst hatten sie nicht. Sie emulierten die Maschine auf einem Rechner in Harvard, und schrieb auf diesem „virtuellen“ Computer ihre Version von Basic. Einen Teil des Codes soll – so will es die Legende – Paul Allen handschriftlich auf Papier notiert haben, als er schon im Flugzeug nach Albuquerque saß, um sich dort mit MITS-Gründer Ed Roberts zu treffen. Roberts übernahm die Basic-Version von Allen und Gates, und stellten Allen als Mitarbeiter ein. Gates kam nach dem Ende des Semesters ebenfalls nach Albuquerque und wurde freier Mitarbeiter bei MITS. Sein Jura-Studium hat er nie beendet. In seinem letzten Semester wäre er wegen seines Basic fast aus Harvard geflogen: nach Ansicht der Universität hatte er öffentlich finanzierte Ressourcen missbraucht, als er an den Uni-Computern kommerzielle, proprietäre Software schrieb.

Gates und Allen waren clever genug gewesen, Roberts nicht ihr Programm zu verkaufen, sondern ihm nur eine Lizenz für dessen Gebrauch zu erteilen. Das bedeutet, dass sie statt einer fixen Summe einen Teil des Gewinns von jedem verkauften Computers erhielten – eine Methode, die Microsoft bis heute praktiziert und die entscheidend für die traumhaften Gewinne der Firma verantwortlich ist. Trotzdem musste Gates schnell feststellen, dass die meisten Käufer des Altairs nicht bereit waren, für das Basic, das er und Allen geschrieben hatten, zu zahlen, sondern es untereinander weitergaben. Ende 1975 soll bereits der allergrößte Teil der Basic-Software, die auf Altair-Computern lief, Raubkopien gewesen sein.

Bei einer Konferenz, die MITS im Frühjahr 1975 für die Nutzer des Altair veranstaltete, „begann Gates eine persönliche Fehde mit den Computeramateuren, die mit Raubkopien von Software arbeiten. Er nahm eine dramatische Position ein: Er forderte, dass die Kultur des freundlichen Tauschs von freier Software unter Computeramateuren durch etwas ersetzt werden sollte, das als Vorläufer einer Software-Industrie betrachtet werden kann. Gates stieß auf extreme Feindseligkeit – immerhin war sein Vortrag die vollkommene Antithese zur Computer-Liberation“ , von der viele Computerfans in den Nachwehen der Studentenbewegung zu dieser Zeit träumten. Gerade Basic galt bei politisch aktiven Hackern seit Ende der 60er Jahre als „the people’s language“, und viele Programmierer hielten es daher „für ihr Recht, das Programm zu kopieren ohne dafür zu bezahlen, zumal sie den Preis von 500 Dollar nicht für gerechtfertigt hielten.“

Doch Gates ließ nicht locker. In einem berühmten gewordenen „Offenen Brief“, den er an Computerzeitschriften in den USA verschickte, kritisierte er abermals die freie Weitergabe von Software. Im “Open Letter to Hobbyists” schreibt er: „Wie die Mehrheit der Computeramateure wissen müsste, stehlen die meisten von euch ihre Software. Für Hardware muss man bezahlen, aber Software ist etwas, das man teilen kann. Wen kümmert’s schon, ob die Leute, die daran gearbeitet haben, bezahlt werden... Ihr verhindert damit, dass gute Software geschrieben wird.“ Unterzeichnet ist der Brief mit „Bill Gates, General Partner, Micro-Soft“. Zu dieser Zeit soll die im August 1975 gegründete Firma bereits mehrere 100.000 Dollar eingenommen haben.

Mitte der 70er Jahre entstand durch die vielen neuen Micro- und Personal-Computer, die zu dieser Zeit auf den Markt kamen, ein rasender Bedarf nach neuer, benutzerfreundlicher Software. Die Computer-Fachpresse in den USA sprach 1976/77 von einer „Software-Krise“, die durch das Fehlen von brauchbaren Programmen für Mini-Computer wie den Altair und die schnell folgenden Konkurrenten wie IMSAI oder SWTPC 6800 entstanden sei. Man kann nur darüber spekulieren, ob dieser Bedarf auch hätte gedeckt werden können, wenn Gates nicht den Paradigmenwechsel von freier zu bezahlter Software eingeleitet hätte.

Wie das Beispiel von Linux zeigt, ist es allerdings nicht immer die finanzielle Kompensation, die Programmierer dazu bringt, gute Software zu schreiben, sondern auch die Anerkennung durch ihre Kollegen und das Gefühl, an einer gemeinsamen, guten Sache zu arbeiten. Allerdings ist die Arbeit an einem so riesigen Projekt wie dem Schreiben eines funktionierenden Betriebssystems auch erst dadurch möglich geworden, dass über das Internet Programmierer gemeinsam an dem Programm arbeiten können – eine Möglichkeit, die es Mitte der 70er Jahre noch nicht gab. Andererseits gibt es bis heute Programme, die umsonst vertrieben werden oder nur für Unternehmen und Institutionen Geld kosten, und auch mit diesem Geschäftsmodell können einige Firmen respektable Gewinne einfahren. Bill Gates hat diese Möglichkeit nie erwogen. Er forderte alle Computeramateure, die sein Basic benutzten, dazu auf, ihm Geld zu schicken, das er in die Verbesserung des Programms investieren wollte: „Nichts würde mir mehr Spaß machen, als zehn Programmierer einzustellen, und den Markt der Computeramateure mit guter Software überschwemmen.“

So ähnlich ist es dann ja auch gekommen: 1978 verlegten Gates und Allen den Firmensitz von Microsoft von New Mexiko in einen Vorort von Seattle und begannen, eigene, kostenpflichtige Versionen von Fortran und Cobol für PCs zu verkaufen. Der Aufstieg von Microsoft von einer kleinen Softwarefirma zum internationalen Konzern begann 1980 mit dem IBM-PC. Der Computerkonzern hatte den PC-Markt lange ignoriert und erst Ende der 70er Jahre spät, aber dafür umso überstürzter mit der Entwicklung eines eigenen Personal Computers begonnen. Auf der Suche nach einem geeigneten Betriebssystem hatten sie sich zunächst an den ehemaligen Universitätsprofessoren Gary Kildall gewandt, der 1975 zusammen mit Digital Research das Programm Control Program for Microcomputers, kurz CP/M als Betriebssystem für Computer auf den Markt gebracht hatte. CP/M funktionierte Mitte der 80er Jahre auf 300 verschiedenen Rechnertypen, und es gab 3000 Programme, die für das Betriebssystem entwickelt worden waren, darunter das beliebte Textverarbeitungsprogramm „WordStar“. Kildall schätzt, dass sein Programm zeitweise auf über 200 Millionen Computern installiert war.

Aus Gründen, die heute nicht mehr nachzuvollziehen sind, erhielt Kildall den Auftrag, ein Betriebssystem für den IBM-PC zu entwickeln, nicht. Angeblich soll er an den Tag, an dem IBM-Manager zu einem Geschäftstreffen bei Digital Research eingeladen waren, mit seinem Privatflugzeug unterwegs gewesen sein – eine Anekdote, die Bill Gates selbst in Umlauf gebracht hat. Kildall bestreitet das, und weist stattdessen auf ein „Non-Disclosure-Agreement“ von IBM hin, das er nicht unterzeichnen wollte. Wie auch immer, Kildall entging dadurch ein gigantisches Geschäft. Statt Digital Research erhielt Microsoft den Auftrag, ein Betriebssystem für den IBM-PC zu entwickeln, und der Erfolg dieses Programms wie des IBM-PCs und seiner unzähligen Nachbauten machte Bill Gates im Alter von 31 Jahren zum Dollar-Milliardär. Angeblich soll bei der Entscheidung, Microsoft den Auftrag zu erteilen, auch persönliche Verbindungen eine Rolle gespielt haben: John Opel, der Präsident von IBM, war mit Gates’ Mutter im Vorstand der Wohltätigkeitsorganisation United Way.

Die Qualität eines Programms war es jedenfalls nicht, was IBM davon überzeugte, Microsoft den lukrativen Riesenauftrag zu erteilen, denn zu dieser Zeit hatte die Firma keine einschlägige Software im Angebot. Als der Auftrag, ein Betriebssystem für den IBM PC zu entwickeln, an Microsoft erteilt wurde, kaufte die Firma die Rechte an dem Programm SCP-DOS von der Firma Seattle Computer Products. SCP-DOS war eine „genaue, aber krude Imitation von CP/M“ , die von Microsoft in monatelangen, streng geheimen Arbeiten unter dem Codenamen „Project Chess“ den Erfordernissen des IBM-PCs angepasst wurde. Gleichzeitig sorgte die Firma dafür, dass alle Programme, die für CP/M entwickelt worden waren, nicht auf ihren neuen Betriebssystem liefen.

Als Gary Kildall MS-DOS das erste Mal ausprobierte, war er „außerordentlich überrascht über die Parallelen zwischen PC-DOS und CP/M. Die beiden Programme waren sich so ähnlich, dass sogar die Befehle dieselben waren... Es gab in der ganzen Computerindustrie niemanden, der bezweifelt hätte, das die beiden Programme gleich waren. Ich habe das Programm sofort ohne Handbuch benutzen können.“ Kildall verzichtete auf rechtliche Schritte gegen MS-DOS, weil er befürchtete, dass er einen Prozess gegen IBM nur verlieren könnte. Stattdessen entwickelte er ein eigenes Betriebssystem, das sich allerdings gegen MS-DOS nicht durchsetzten konnte. 1985 musste er als CEO seiner Firma Digital Research, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, zurücktreten, und kurz danach verschwand Digital Research ganz von der Bildfläche.

MS-DOS dagegen wurde ein rasender Erfolg, der Microsoft zu einem der wichtigsten Player auf dem Markt für Software machte. 1984 war das Programm bereits zwei Millionen mal verkauft worden und wurde schnell zum dominanten Betriebssystem in den USA, später auch im größten Teil West-Europas und in Japan. Der Aufstieg des Programms ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass es mit dem IBM-PCs ausgeliefert wurde. Vor allem gelang es Bill Gates, IBM davon zu überzeugen, die Hardwarespezifikationen des IBM-PCs zu veröffentlichen. „Mit Gates Unterstützung wendete sich IBM von seiner Tradition von geheimen Designspezifikationen ab, und machte seinen ersten Personal Computer zu einem offenen System.“

Da die verschiedenen Komponenten von anderen Herstellern als IBM gekauft werden konnten, begannen andere Firmen schnell damit, „Klones“ des IBM-PCs herzustellen. Aber nicht nur große Unternehmen wie Dell oder Digital konnten so billige Kopien des IBM-PCs herstellen, sondern letztlich jeder Bastler in seiner Garage. „Ein Industriestandard, unabhängig von einem einzelnen Unternehmen, war gesetzt.“ In den 80er Jahren wurden „IBM-kompatible Computer“ so zu dem Personal Computern schlechthin. Die meisten anderen PC-Hersteller von Radio Shack über Commodore und Atari bis zu Osborne wurden nach und nach vom Markt verdrängt, bis zuletzt als einziger Konkurrent Apple übrig blieb.

Ironischerweise bedeutet dies jedoch gleichzeitig das Ende des Monopols von IBM über einen großen Teil des Computermarktes. Bei den neuen PCs zählte nicht mehr in erster Linie das Fabrikat der Hardware, sondern das Betriebssystem: „Microsoft erbte gleichsam IBMs Monopol, das zeitgleich zu Ende ging.“ Microsoft investierte seine astronomischen Gewinne zum Teil in die Entwicklung neuer Produkte, die der Firma und ihren Programmen zu einer immer dominanteren Rolle auf den Software-Markt verhalfen: das Betriebssystem Windows, die Textverarbeitung Word und das Spread-Sheet-Programm Exel sowie der Internet-Browser Explorer sind die Marktführer in ihren jeweiligen Marktsegmenten geworden. Diese Rolle verdanken sie nicht zuletzt der aggressiven Marketing- und Lizenzpolitik des Unternehmens: Hersteller von PCs wurden zum Teil durch Knebelverträge dazu gezwungen, auch die übrigen Programme von Microsoft zu „bundeln“, also mit neuen Computern mit zu liefern, wenn sie diese mit dem Betriebssystem Windows ausstatten wollten. Diese Geschäftspraktiken waren auch Gegenstand des Monopolverfahrens, das das amerikanische Justizministerium Mitte der 90er Jahre gegen Microsoft eröffnete und das bis heute andauert. Gleichzeitig konnte Microsoft durch seine unerschöpfliche Kriegskasse auch in Geschäftsbereichen, in denen sie später als andere Unternehmen gestartet waren, schnell aufholen. So gelang es Microsoft zum Beispiel, den Browser des Unternehmens Netscape vom Markt zu verdrängen, obwohl Netscape bereits Jahre vor Microsoft die erfolgreichen Browsersoftware Navigator anbot, die auch lange die am häufigsten benutzte Internetsoftware der Welt war. Inzwischen beherrscht Microsoft 80 Prozent der Browsermarkts, während Netscape, das inzwischen wegen fehlender Gewinne an den Online-Dienst AOL verkauft werden musste, nur noch von knapp 8 Prozent der Internet-Surfer genutzt wird. Auch im Internet hat das Unternehmen inzwischen eine dominante Position: Das Microsoft-Network (MSN) verbuchte nach einer Untersuchung der amerikanischen Wirtschaftszeitung "Industry Standard" vom Juli 2001 weltweit die meisten Zugriffe auf seine Websites. 55 Prozent der populärsten Websites in 26 Ländern gehören zu der Software-Firma. Der Hauptgrund für Microsofts Übermacht im Netz liegt darin, dass die Redmonder ihren eigenen Browser gemeinsam mit Windows ausliefern. Bei ihnen ist die Website von Microsoft als „Startseite“eingestellt - wer seinen Browser öffnet, bewegt sich automatisch erst einmal zu dieser Website und erzeugt hohe „Klickraten“, die wiederum Einkünfte durch Banner-Werbung sichern. Auch in den lukrativen Markt der Computer-Spielkonsolen ist Microsoft mit seiner Xbox gerade eingestiegen. Was aber bedeutet der Geschäftserfolg von Microsoft, wenn man ihn vor dem Hintergrund von Open Source Software betrachtet? Der größte Teil der gebräuchlichen Software war Mitte der 70er Jahre so „offen“ wie heute zum Beispiel Linux, als Microsoft entstand. Von den Vorteilen dieses Modells hat die Firma profitiert, ohne sie wäre die Unternehmensgründung wahrscheinlich wesentlich weniger erfolgreich ausgefallen. Paul Allen und Bill Gates nahmen das frei erhältliche BASIC, modifizierten es – auf Universitätsrechner (!) – für den Altair-Computer von MITS und privatisierten ihre Version des Programms. Eine Software, die sie selbst als „Open Source“ Programm erhalten hatten, wurde so zu einem profitträchtigen Produkt. Auch das erfolgreiche MS-DOS basierte auf dem Programm CP/M, das Gary Kildall wiederum aus Elementen der freien Programmiersprache Unix und anderen, zu dieser Zeit frei erhältlichen Programmen entwickelt hatte. Selbst der Erfolg des IBM-PCs und damit auch von MS-DOS kam nicht zuletzt dadurch zustande, dass IBM quasi die Bauanleitung des Rechner veröffentlichte und dadurch zum Nachbau einlud. Auch der Browser Microsoft Explorer hat mehr als eine nur flüchtige Ähnlichkeit mit dem Netscape Navigator, der wiederum auf der Software Mosaic basierte, die am National Center for Supercomputing Applications an der Unversity of Illinois entwickelt worden war. Den geschäftlichen Erfolg von Microsoft könnte man also geradezu als Argument für das Prinzip von Freier Software und Open Source betrachten. Denn viele der wettbewerbsentscheidenden Vorteile, die Microsoft zum Marktführer gemacht haben, verdankt das Unternehmen direkt oder indirekt frei zugänglicher Software und ihrer kollektiven Weiterentwicklung. Das Unternehmen selbst hat freilich mit martialischen Maßnahmen dafür gesorgt, dass seine eigenen Produkte gegen die Übernahme und Weiterentwicklung durch Dritte geschützt wurden. Dadurch hat Microsoft dafür gesorgt, dass Konkurrenten in den von dem Unternehmen dominierten Geschäftsfeldern keinen Fuß fassen konnten. Selbst Industrieriesen wie IBM scheiterten beispielsweise mit dem Versuch, ein eigenes Betriebssystem als Konkurrenz zu Microsofts Windows zu etablieren. Viele Beobachter glauben darum, dass die Dominanz von Microsoft dazu geführt hat, dass Innovationen auf dem Markt für PC-Software verhindert werden und dass Microsoft die Preise für seine Produkte inzwischen mangels Konkurrenz nach eigenem Belieben bestimmen kann. In den letzte Jahren hat das Misstrauen gegenüber Microsoft und seinen Produkten stark zugenommen. Das hat das Unternehmen sich freilich vor allem selbst zuzuschreiben. Denn die fehlende Transparenz der Microsoft-Programme trägt auch zu ihrer mangelnden Sicherheit bei. Die E-Mail-Viren wie „I LOVE YOU“, die seit drei Jahren immer häufiger im Internet die Runde machen und dabei weltweit Millionenschäden anrichteten, haben zum Beispiel meist Sicherheitslücken in dem Mail-Programm Outlook von Microsoft ausgenutzt. Diese Programmierfehler sind von Microsoft oft nur außerordentlich schleppend beseitig worden. Bei Open Source Programm können entsprechende Veränderungen schnell von Dritten durchgeführt werden, während man sich bei Outlook strafbar machen würde, würde man das Programm modifizieren, um Virenschäden zu verhindern. Auch der Microsoft-Browser Internet-Explorer und die Webserver-Software von Microsoft weisen eine Reihe von peinlichen Sicherheitslücken auf. Das hat nicht zuletzt dazu geführt, dass im November 2000 holländische Hacker in das interne Firmennetzwerk von Microsoft eindringen konnten. Die ununterbrochene Berichterstattung über die Sicherheitsprobleme mit Microsoft-Produkten hat dazu geführt, das im Dezember 2001 Bill Gates persönlich erklärt hat, dass Systemsicherheit bei Microsoft-Programmen in Zukunft oberste Priorität habe – ein unausgesprochenes Eingeständnis, das dies bislang nicht der Fall gewesen ist.

Anlass zu Bedenken bietet auch die neueste Inkarnation des Microsoft-Betriebssystems Windows. Fast wöchentlich berichtet die Fachpresse über neue problematische Eigenschaften von Windows XP. Das Betriebssystem kann man nur dann benutzen, wenn man es „aktiviert“, d.h. sich per Internet oder über das Telefon bei Microsoft anmeldet. Lange Zeit war unbekannt, welche Informationen über den eigenen Computer online an Microsoft weitergegeben werden. Auch Microsofts neues „Passport“-System, das Internet-Surfern das Shopping im Internet leichter machen soll, scheint eine Reihe von in punkto Datenschutz zweifelhaften Eigenschaften zu enthalten. Offenbar sollen dabei E-Commerce-Daten von Windows XP-Nutzern auf Microsoft-Servern gespeichert werden. Auch die sogenannte „Phone-home“-Funktion, bei der Windows XP regelmäßig Kontakt mit den Firmenrechnern von Microsoft aufnimmt (angeblich um so Aktualisierungen von Microsoft-Programmen auf den eigenen Rechner zu spielen), macht viele User misstrauisch – zumal Microsoft in der Vergangenheit derartige Updates nicht umsonst zu Verfügung zu stellen pflegte, sondern sich diese gut bezahlen ließ. Und als im Februar 2002 bekannt wurde, dass das Programm Media Player, mit dem man Musik und Bilder abspielen kann, ebenfalls Informationen über den User sammelt und sie an Microsoft weitergibt, passte das ins Bild, das sich aufmerksame Computernutzer zu dieser Zeit bereits von Microsoft gemacht hatten. Auch wenn Microsoft diesen Problemen durch intensives Lobbying zu begegnen sucht , wächst das Misstrauen gegenüber dem Unternehmen und den unerwünschten Funktionen, die in seinem geschützten Code versteckt sein könnten. Erste Anzeichen dafür, dass die Art und Weise, wie Microsoft Geschäfte macht, von Konsumenten und Justiz nicht mehr widerspruchslos toleriert werden wird, gibt es inzwischen: Seit Mitte der 90er Jahre laufen in den USA verschiedene Verfahren wegen Monopolbildung gegen das Unternehmen; die Europäische Kommission ermittelt in gleicher Sache . Auch die „Rache der Hacker“ an Microsoft, nämlich der Erfolg von Linux und anderer quelloffener Software, ist wohl zu einem nicht geringen Teil der Unzufriedenheit vieler Computernutzer mit den Programmen von Microsoft und der Geschäftspolitik des Unternehmens zuzuschreiben. Eine Reihe von Ländern vor allem in der Dritten Welt sind in den letzten Jahren sogar dazu übergegangen, im Informatikunterricht ihrer öffentlichen Schulen statt Microsoft-Produkten Open Source Software einzusetzen. Wie die „Halloween Papers“ zeigen, hat Microsoft früh begonnen, sich mit Linux als potentiellem Konkurrenten auseinander zu setzen. Die Memos, die unter diesem Namen kursieren, zeigen, dass man bei Microsoft einige der Vorteile von Freier Software gut verstanden hat: Der freie Austausch von Ideen, der bei Open Source Software möglich sei, habe Vorteile, die Microsoft nicht bieten könne, heißt es in einem Dokument, das ein Microsoft-Mitarbeiter namens Vinod Valloppillil verfasst hat. In dem Memo gibt er offen zu, dass Open Source Software wie Linux langfristig die Qualität von kommerzieller Software erreichen oder sie sogar übertreffen könne und dass diese Programme bei ihren Usern eine hohe Glaubwürdigkeit genießen würden. Schon würden Open Source Programme von Unternehmen für Aufgaben benutzt, die „mission-critical“ sein; langfristig sei zu befürchten, dass nicht nur Programmierer, sondern auch private Computernutzer zu Programmen wie Linux greifen könnten und so der wichtigste Markt für Microsoft-Software in Gefahr geraten könnte.

Ein zweites Memo ging sogar noch weiter. Es war ebenfalls von Valloppillil geschrieben, der diesmal sogar einräumte, dass Linux schneller und zuverlässiger als Windows sei, sich leichter den Bedürfnissen seiner Benutzer anpassen ließe und weniger schnelle Rechner als das eigene Produkt benötige. Außerdem weist er darauf hin, dass bereits Firmen wie Compac und Dell Linux auf ihren Computern anbieten würden und dass das Programm beim Betrieb von Webservern (den Computern, auf denen Websites gespeichert werden) immer häufiger zum Einsatz käme. Dass diese Memoranden im Unternehmen nicht folgenlos geblieben sind, hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt. Immer wieder haben sich sowohl Bill Gates wie andere Manager in der Öffentlichkeit über Linux und andere Open Source Software in abwertender Weise geäußert, gleichzeitig aber durch taktische Manöver versucht, die Bedrohung, die von dieser Software-Produktionsmethode ausgeht, zu minimieren.

Zu diesen taktischen Manövern gehört unter anderem die Einführung einer sogenannten „Shared Source“-Lizenz, die schon durch ihren Name an das Konzept von Open Source erinnert – aber freilich auch durch wenig mehr als durch den Namen. Denn während Open Source nicht nur eine komplette Offenlegung des Quellcodes eines Programms verlangt, sondern auch die Möglichkeit einräumt, dass dieser Code von jedermann modifiziert und weiter zu verbreitet werden kann, gestattet die „Shared Source“ lediglich einer ausgewählten Gruppe von Benutzern einen Einblick in den Code eines Microsoft-Programms.

Universitäten, Forschungsinstitute und Entwickler von Software, die mit Microsoft-Programmen kompatibel sind, dürfen nun den Code von Programmen wie Windows CE einsehen. Das nützt freilich vor allem Microsoft. Denn so ist es Dritten leichter möglich, Software zu schreiben, die reibungslos mit den Produkten des Unternehmens funktioniert. Diese Möglichkeit gab in der Industrie tatsächlich bereits seit langem, aber nun – und zwar erklärtermaßen wegen des Erfolgs des Open Source Modells! – ist die Praxis von Microsoft auch öffentlich formuliert und mit einem rechtlichen Rahmen versehen worden. Ob diese Lizenz allerdings dazu beiträgt, dass nun von Außenstehenden überprüft werden kann, wie es um die Sicherheit von Microsoft-Produkten bestellt ist, scheint fraglich. Immerhin soll das Programm aus 35 Millionen Zeilen Code bestehen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) schätzt, dass die Behörde auf Jahre hinaus damit beschäftigt wäre, das Programm zu analysieren. Wer die Kosten dafür tragen würde, ist unklar – allerdings hat Microsoft Windows XP bisher auch nur dem Bundestag zur Prüfung angeboten, nicht dem BSI.

Die Auseinandersetzung zwischen Bill Gates und der Linux-Community dürfte den meisten Außenstehenden, die mit der Materie nicht vertraut sind, wie der Streit zwischen einem erfolgreichen Computergeschäftsmann und einer Gruppe fanatischer Hacker erscheinen. Dass Gates seine Milliarden mit zweifelhaften Methoden aufgehäuft hat, ist zwar den meisten Beobachtern und Nutzern der Microsoft-Programme vage bekannt, erscheint den meisten aber dadurch gerechtfertigt, dass er eben mit diesen Methoden wirtschaftlich ungeheuer erfolgreich ist.

Erst wenn man die Vorgeschichte dieser Auseinandersetzung kennt, werden die philosophisch-politisch Implikationen dieser Auseinandersetzungen deutlich: Während das Unternehmen Microsoft ausschließlich an der Maximierung seiner Profite interessiert ist, geht es den Linux-Hackern um den freien Austausch von Wissen. Der amerikanische Programmierer Richard Stallman, der Gründer der Free Software-Foundation, die seit 1984 freie Software entwickelt, bringt es auf einen einfachen Punkt: „Wenn ich ein Programm gut finde, muss ich es mit anderen Menschen, die es gut finden, teilen.“ Der Wunsch, für seine Kreativität belohnt zu werden, rechtfertige es nicht, der Welt die Ergebnisse dieser Kreativität vorzuenthalten. „‚Der fundamenatale Akt von Freundschaft unter denkenden Wesen besteht darin, einander etwas beizubringen und Wissen gemeinsam zu nutzen.... Jedes Mal, wenn man die Kopie eines Programms weitergibt, ist dies nicht nur ein nützlicher Akt, sondern es hilft, die Bande des guten Willens zu verstärken, die die Grundlage der Gesellschaft bilden und diese von der Wildnis unterscheiden.’“.

Die GNU Public License, die Stallman für die Programme der Free Software Foundation entwickelt hat, erlaubt es darum nicht nur, den Quellcode von Programmen anzusehen, sondern auch, ihn zu modifizieren und weiterzugeben. Auch jedes Programm, das Code enthält, der unter der GNU Public License steht, fällt damit automatisch unter diese Lizenz. Man hat GNU Software darum auch als „viral“ bezeichnet, weil ihre Vertriebsbedingungen jedes Programm „befallen“, das mit GNU Software „infiziert“ worden ist. (Auch Linux steht unter der GNU Public License und darf umsonst kopiert und modifiziert werden.)

Indem er diesen „Virus“ in Umlauf gebracht hat, hat Stallman allerdings nicht verhindert, dass gute Software geschrieben wird, wie Bill Gates in den 70er Jahren in seinem „Open Letter to Hobbyists“ gedroht hatte. Im Gegenteil: in der ganzen Welt sind nach wie vor Tausende von Programmierern ohne Bezahlung damit beschäftigt, Linux und andere Open Source Software Projekte zu optimieren und weiterzuentwickeln. Auch Geld wird mit diesen Programmen verdient. Allerdings lassen sich Firmen wie SuSE aus Deutschland oder Red Hat aus den USA nicht für die Software selbst bezahlen, sondern für den Vertrieb auf leicht zu installierenden CD-Roms, für Dokumentation, Schulung und Support und für die Entwicklung von Spezialprogrammen für Linux.

Auch andere Fortschritte in der Informatik wurden durch den Einsatz von Open Source Prinzipien erzielt: Die Entwicklung des Internets ebenso wie des World Wide Webs wären nicht möglich gewesen, wenn wichtige Grundlagentechnologien nicht frei und für jeden zugänglich gewesen wären. Damit haben die Architekten des Netzes ebenso wie die Prediger der Prinzipien freier Software wie – Richard Stallman und Linux-Entwickler Linus Torvalds – einen wichtigen Sieg für die Hacker-Ethik errungen. Sie haben in wichtigen Bereichen der heutigen Informatik wieder den Grundsatz durchgesetzt: „Information should be free.“ Während in anderen kulturellen Feldern Information in zunehmendem Maß durch Copyright, Urheberrechte und Patente eingeschlossen und unzugänglich gemacht wird, ist digitale Information, zumal in der Form von Software, heute in vielen Bereichen der Computerwelt wieder so frei wie zuletzt zu der Zeit, als der Personal Computer entwickelt wurde.

Ob sich diese Tendenz fortsetzt, bleibt abzuwarten. Nach wie vor sind Linux und andere Open Source Programme für viele normale Computeranwender zu kompliziert zu benutzen. Eine leicht zu bedienende graphische Benutzerfläche für Linux, wie sie die Macintosh-Computer, aber auch Windows bietet, lässt nach wie vor auf sich warten – auch wenn eine Reihe von Firmen zur Zeit an der Entwicklung eines solchen User-Interfaces arbeiten. Linux-Nutzer weisen allerdings zu Recht darauf hin, dass so ein per Mouse-Klick zu bedienendes User-Interface auch den Zugang zu einigen zentralen Vorteilen von Linux einschränken würde. Doch spätestens seit sich eine Reihe von Abgeordneten des Deutschen Bundestags Anfang des Jahres 2002 fraktionsübergreifend für den teilweisen Einsatz von Linux im Parlament ausgesprochen haben, scheint zumindest die Diskussion über die Vor- und Nachteile von freier Software gegenüber proprietärer Software wie der von Microsoft nicht mehr nur unter Hackern, sondern gesamtgesellschaftlich geführt zu werden. Bei dieser Debatte geht nur zum Teil darum, mit welcher Software wir in Zukunft arbeiten werden, sondern auch darum, wie zugänglich wir Wissen halten wollen. Dabei steht das Prinzip der Gewinnmaximierung a la Microsoft gegen eine Kultur des Teilens und des Austauschs von Wissen, wie sie in der Open-Source- und in der Hacker-Community praktiziert wird.