BERLIN, 18. Dezember. Die Zeichenkombination nxoc01. cern.ch dürfte bei den wenigsten Menschen historische Erinnerungen auslösen. Für die Computerfreaks, die mit der Abkürzung etwas anfangen können, ist sie freilich etwa so klangvoll wie der Satz "1492 erreichte Kolumbus Amerika". Oder: "1969 landete die Apollo 11 auf dem Mond." Ein kleine Zeichenkombination für den Computer, eine großer Schritt für die Menschheit: nxoc01.cern.ch war die Internetadresse des ersten Rechners im World Wide Web (WWW).
Der britische Physiker Tim Berners-Lee hat das Web, die grafische Oberfläche des Internets, das in diesen Tagen seinen zehnten Geburtstag feiert, am Schweizer Kernforschungszentrum CERN entwickelt. Vorher war das Internet, das seit Ende der 60er-Jahre existiert, ein Computernetzwerk für Informatiker und Militärs.
Das WWW machte aus dem Netz für Spezialisten ein Massenmedium: statt umständlich rätselhafte Buchstabenkombinationen wie nxoc01.cern.ch einzutippen, konnte man sich nun durch Mouse-Klicks auf "Hyperlinks" von einem Informations-Brocken zum nächsten
Selbstverständlicher Luxus
Für Berners-Lee war das Web vor allem eine Methode, um dem Rechner-Durcheinander im Cern Herr zu werden. Die Mitarbeiter verwendeten Computer, die oft nicht miteinander kompatibel waren. Wer mit verschiedenen Dokumenten arbeiten wollte, brauchte meist auch verschiedene Computer. "Ich wollte von einer Gebrauchsanleitung zum internen Telefonbuch und dann zu einer Liste der Mitarbeiter wechseln, ohne dauernd von einem Rechner zum anderen zu rennen - so, wie es heute mit dem Web möglich ist", erklärte Berners-Lee später. Sein Ziel sei es gewesen, "alles mit allem zu verbinden".
Im Sommer 1991 entwickelt er zusammen mit seinem Kollegen Robert Cailliau die Software für das weltweite Informationsnetz; irgendwann im August - wann, weiß Berners-Lee selbst nicht mehr genau - installieren sie den ersten Webserver. Weil ein Computer noch kein Web (engl. für Gewebe) ist, beginnt Berners-Lee seine Erfindung zu bewerben. Mit Erfolg: am 12. Dezember richtet der amerikanische Informatiker Paul Kunz vom Stanforder Zentrums für Linearbeschleunigung den ersten Webserver außerhalb Europas ein. Aus der ganzen Welt kann man nun über das Web auf die Forschungsberichte des Uni-Instituts zugreifen, die vorher nur in Fachzeitschriften zu finden waren - ein Luxus, den wir heute schon fast für selbstverständlich halten, der damals aber eine
Vor zehn Jahren präsentierte Berners-Lee seine Idee erstmals einer größeren Öffentlichkeit - kurz vor Weihnachten 1991 auf der Konferenz "Hypertext 91" in San Antonio, Texas. Das Publikum ist begeistert, und seine Idee beginnt sich zu verbreiten. Im November 1992 gibt es bereits 26 Webserver rund um den Globus, im Juni 1994, als das Internet einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird, sind es 1 500. Im Jahre 2001 gibt es allein in Deutschland fünf Millionen Web-Sites, und gut die Hälfte der Deutschen nutzt das Netz regelmäßig. Tim Berners-Lee sagt heute, dass er nie mit dem riesigen Erfolg seiner Erfindung gerechnet hätte. Und was würde er heute anders machen? "Ich würde die //-Striche in der Webadresse weglassen."