Von Tilman Baumgärtel

Am Anfang von YouTube steht eine Zote: der19-sekündigen Clip „Me at the Zoo“ von 2015. In ihm sieht man Jawed Karim, einen der Gründer der Videoplattform, vor dem Elefantengehege im Zoo von San Diego. Er blickt kurz hinter sich und sagt: „Das Coole an diesen Burschen ist: Sie haben wirklich lange…“ Er macht eine bedeutungsvolle Pause und grinst, bevor er fortfährt: „Wirklich lange Rüssel. Das macht sie so cool.“

Das Video ist bis heute bei YouTube zu finden und wurde inzwischen mehr als zwei millionenmal aufgerufen. Ursprünglich war der Clip dazu gedacht, um das Funktionieren eines damals revolutionären Konzepts zu demonstrieren: Statt Videos im Internet hoch- und wieder herunterzuladen, konnte auf der Plattform jederman bewegte Bilder streamen. Die Idee soll bei einer Party entstanden sein, bei der gefilmt worden war und man nach einem einfachen Weg suchte, um die Aufnahmen auszutauschen.

Mit historischem Abstand betrachtet erscheint „Me at the Zoo“ aber auch wie ein Menetekel der Entwicklung von YouTube. Das Angebot würde eher nicht das Zuhause von abgefilmten Vorlesungen oder anspruchsvollen Kurzfilmen, Videokunst oder aufklärerischem Journalismus werden, sondern in erster Linie ein Zuhause für leichte Unterhaltung, gerne mit einem Schlag ins Geschmacklose oder Derbe.

Sicher, es gibt sie bei YouTube, die beflissenen Mathelehrer, die die bionomischen Formeln erklären oder experimentelle Animationen. Endlose Tutorials zu jeder Art von Handwerk oder Kochtechnik und Mitschnitte von akademischen Konferenzen. Und auch die Werke von Künstlern wie Nam June Paik oder Pippilotti Rist haben ihren Weg auf die Plattform gefunden. Man kann sich bei YouTube durchaus bilden oder anspruchsvoll unterhalten lassen.

Aber die beliebtesten Filme auf Youtube sind Entertainment der schlichten oder krassen Art. Das erfolgreichste deutschsprachige YouTube-Video ist mit über 31 Millionen Views „Sex Tape“ von Katja Krasavice, bei dem die Influencerin praktisch nackt auf Stöckelschuhen eine Landstrasse entlang trippelt und dabei ein obszönes Liedchen trällert. International gehören Soziopathen wie die Brüder Logan und Jake Paul, die Horrorclowns des Internets, zu den erfolgreichsten YouTubern.

So lange ihre Videos Klicks bringen, sieht YouTube solchen Produzenten auch offensichtliche Verstöße gegen die eigenen Geschäftsbedingungen nach und weisst eigene redaktionelle Verantwortung so weit wie möglich von sich. Der geheime Empfehlungsalgorithmus scheint so programmiert zu sein, dass er Videos bevorzugt, die hohes „Engagement“ beim Publikum erzeugen – je mehr Aufregung ein Clip auslöst, umso besser. So züchtet das Unternehmen geradezu systematisch „Clickbait“ und Spektakelvideos. Trotzdem oder deswegen ist YouTube heute die wichtigste Quelle für Informationen und Unterhaltung für die Unter-25-Jährigen.

Um Klicks geht es auch in dem Film „100 Million Views“ des israelischen Komikers Itamar Rose. Der hat satirische Videos produziert, die die politische Situation in seiner Heimat aufs Korn nehmen. Leider haben seine Filme bei YouTube nicht die Zuschauerzahlen, die er sich wünscht. Und darum zieht er mit Frau und Baby im Kinderwagen los, um populäre YouTuber gewollt nativ nach ihren Erfolgsrezepte zu befragen. Nach ihren Tipps dreht er eigene Videos, die freilich so unübersehbar Satire sind, dass sich der Erfolg trotzdem nicht einstellen will.

Der Film ist auch eine Zeitreise zurück in eine unschuldigere YouTube-Zeit. Zu Roses Gesprächspartnern gehört zum Beispiel Chuck Testa, der 2010 mit einem Video über einen zweifachen Regenbogen einen viralen Erfolg landete. Er ist ein Ahnvater der endlosen Abfolge von YouTube-Eintagsfliegen a la Techno Viking, Alex from Target oder Backpack Kid, die durch ein einziges Video zu kurzfristiger Berühmheit gelangten. Der massige Biobauer läßt Rose gleich zu Beginn wissen: Du darfst den Erfolg nicht wollen, sonst kommt er nie. Sein eigenes wackliges Video wurde zum Hit, weil der amerikanische Showmaster Jimmy Kimmel es in einem Tweet lobte. So wird gleich zu Beginn klar: Erfolg bei YouTube ist keineswegs so naturwüchsig und quasi basisdemokratisch wie es zunächst scheinen mag – mächtige, bekannte Unterstützer zählen unter Umständen mehr als guter Inhalt. (Testa selbst glaubt übrigens an göttliche Intervention zu seinen Gunsten.)

Trotzdem ist es zweifelhaft, ob ein unscharfes, niedrig aufgelöstes Video von einen Regenbogen bei YouTube heute noch ein Erfolg würde, auch mit Unterstützung durch amerikanische Fersnsehmoderatoren oder den Allmächtigen. Um sich in die Trends der Plattform zu katapultieren, gibt es inzwischen eine ganze Industrie und ein ganzes Repertoire an Tricks von der Gestaltung der „Thumbnail“-Bilder über aufmerksamkeitsheischende Titel bis hin zu polarisierender Themenwahl. Trotzdem gestehen die YouTuber, die Rose interviewt, dass sie dem Funktionieren des YouTube-Algorithmus letztlich hilflos ausgeliefert sind.

Viele der frühen YouTube-Erfolge nehmen problematische Tendenzen der Gegenwart voraus, die Rose nicht thematisiert: „David after Dentist“ zeigt einen kleinen Jungen im Kindersitz eines Autos, der nach einem Zahnarztbesuch mit Betäubungsmitteleinsatz wirres Zeug erzählt. Seine Eltern wollten das Video eigentlich nur mit Familienmitglieder teilen. Aber weil sie eine falsche Einstellung wählten, wurde das Video zum viralen Erfolg. Die Zuspitzung dieses Prinzips brachte der Welt YouTube-Kanäle wie „FatherOfFive“. Hier spielte ein Vater seinen Kindern so grausame und gewalttätige „Streiche“, dass schließlich Jugendamt und Polizei einschritten und auch YouTube irgendwann nicht mehr anders konnte als den Kanal zu schliessen.

In diesen düsteren Unterbrauch von YouTube dringt Rose selten vor. Zwar gestehen ihm einige seiner Interviewpartner Überforderung und Burn-Out, die durch die Produktionszwänge bei YouTube ausgelöst wurden. Auch die Ohmacht der „Creator“ gegenüber den Entscheidungen von YouTube wird an einigen Stellen sehr deutlich.

Aber wo Rose mit seiner Methode nicht hinkommt, ist das Dunkel-YouTube, die Impfgegnern und „Flat-Earther“, die religiösen Fanatiker, Verschwörungstheoretiker und politischen Hetzer, die ihren Teil zu der polarisierten Debatte der Gegenwart beigetragen haben. Rechte Spinner wie Alex Jones oder der sogenannte „Volkslehrer“ konnten bei YouTube jahrelang Gehirne vergiften, bevor sie aus dem Verkehr gezogen wurden.

Klar wird durch den Film trotzdem, dass YouTube seiner gesellschaftlichen Verantwortung genauso widerwillig und nachlässig nachkommt wie seinen Verpflichtungen gegenüber den Menschen, die die Plattform unablässig mit Videos füttern. Für alle, die sich noch nie Gedanken darüber gemacht haben, wie das Unternehmen hinter der Website funktioniert, liefert er wertvolle Einblicke in die Heimindustrie, die YouTube mit Material versorgt.

„100 Millionen Views“ auf Arte am 4.9.2019, 21.45 Uhr, im Oktober im ZDF